Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 6

Ganz automatisch war ich in mein Zimmer gestolpert. Wir brauchten Wärme. Zu den Privilegien der Oberstufe gehörte ein kleiner Kamin in den eigenen Räumen. Ich stellte den zitternden Kaplan in das Badezimmer, riss alle Heizungen auf und entfachte ein Feuer. Wegen der tauben Finger benötigte ich einige Anläufe, bis die Flammen knisternd Hitze ausstrahlten.
»Ausziehen!«, rief ich dem Geistlichen zu. Laut einer Fernsehdokumentation war es notwendig, dass man die nasse Kleidung auszog. Doch er stand nur apathisch und tropfend im Raum. 
»Bitte, Sie müssen aus den nassen Sachen raus. Kommen Sie«, redete ich auf ihn ein. Da er weiterhin nicht reagierte, zog ich ihm den Mantel aus und versuchte, sein Hemd aufzuknöpfen. »Es wird gleich wärmer, versprochen.« Zwar kam langsam das Gefühl ein meine Finger zurück, ein schmerzhaftes Puckern, aber die verfluchten Knöpfe stellten eine Herausforderung dar. Verzweifelt riss ich an dem Stoff, bis er nachgab. Unter Beteuerungen, dass es bald besser sei, gelang es mir, Kaplan Flory zu entkleiden. Ich rubbelte ihn trocken, wickelte ihn in Handtücher und setzte ihn vor den Kamin. Zur Sicherheit holte ich alle Decken hervor und deckte den Geistlichen zu. »Ruhen Sie sich aus.«
Schnaufend sank ich auf den Stuhl am Schreibtisch. Obwohl wir jetzt im Warmen waren, zitterte ich am ganzen Körper – mir war kalt? Auf dem Boden sammelte sich Wasser. Meine eigene Kleidung war bei der Rettungsaktion ebenfalls völlig aufgeweicht. Zähneklappernd fischte ich die letzten trockenen Handtücher aus dem Schrank. 
Vor dem Kamin hatte sich der Kaplan aus allen verfügbaren Decken einen Kokon gebaut. Es sah zwar sehr niedlich aus, aber mir war kalt. Behutsam zog ich an der obersten Schicht. »Haben Sie etwas Platz für mich?« Da er nicht antwortete, schob ich mich unter die Decken. Trotz des Eisbads verströmte er diesen betörenden, blumigen Geruch. Er atmete tief und gleichmäßig. War er eingeschlafen? Auch ich spürte eine bleierne Müdigkeit und schloss die Augen, um kurz auszuruhen. 

***


Pechschwarze Dunkelheit umgab mich. Schwerelos trieb ich dahin. 
»Sie müssen sich an den Sternen orientieren«, hallte die Stimme des Kaplans.
»Aber wie?«
»Ich habe es Ihnen doch gezeigt?«
Da waren tatsächlich Lichtpunkte. Ungeordnet hingen sie in Gruppen über mir. Ich war mir sicher, dass ich nur mit ihrer Hilfe nach Hause finden würde. Er hatte es erklärt. Linien bilden, Sterne verbinden. Immer, wenn ich einen Punkt fixierte, wanderte er weiter. Ich versuchte es erneut, erfolglos. Panik stieg in mir auf. Die Dunkelheit wollte nicht enden.

***

Ein Feuer knackte. Mein Herz hämmerte schmerzhaft gegen die Rippen. Ich riss die Augen auf und schaute mich erschrocken um. Im gedämpften Licht des Kamins erkannte ich den Schreibtisch, das Bett, den gemütlichen Sessel am Fenster – mein Zimmer. Die Dunkelheit gehörte nur zu einem bösen Traum. Erleichtert seufzte ich auf.
»Danke«, hauchte eine zarte Stimme. 
Auf einen Ellenbogen gestützt lag Kaplan Flory lächelnd neben mir. Durch die Spiegelung der Flammen leuchteten seine Augen bernsteinfarben.
Wir schauten uns an. Er nestelte am Saum eines Handtuchs und sein Finger berührte wie zufällig meinen Arm. Den vielsagenden Blick konnte ich mir doch nicht einbilden? Zaghaft streichelte ich über seine Wange. Er blickte mich schweigend an. Wollte er mehr?
Ich rollte mich auf die Seite. Unsere Gesichter trennten nur wenige Zentimeter. Noch immer schwieg er, rückte aber nicht von mir fort. Vor Anspannung hielt ich den Atem an.
Das war der Moment, doch er würde den ersten Schritt nicht gehen.
Ich schloss die Augen und drückte meine Lippen auf seine. Genauso plötzlich zog ich den Kopf wieder zurück. »Öh, tut …«
»Hmm.« Über die Brust, am Schlüsselbein vorbei streichelte er mich und legte seine Hand in meinen Nacken. »Wunderschön.«
»Ich …«
Mit sanften Druck führte er unsere Lippen erneut zusammen. Sinnlich spielte er mit der Zunge, knabberte an meiner Haut. Sein Mund wanderte tiefer.
Zärtlich kraulte ich seine Brust, folgte den angenehm kitzelnden Härchen in Richtung seiner Scham. Mit jedem Zentimeter, den ich über seine Bauchmuskeln glitt, spannte er sie stärker an. Seine Atmung wirkte gepresst und er hatte aufgehört zu küssen. 
Etwas stimmte nicht. 
Irritiert blickte ich auf. Er schaute mich mit geweiteten Augen an. 
»Soll ich aufhören?«
Er schüttelte den Kopf. 
»Sind Sie nervös?«
Er nickte.
»Schon einmal gemacht?«
Die Muskeln um seine Augen zuckten und er schloss die Lider. Ich verstand.
»Ich zeige es Ihnen, ja?«
»Ich heiße Sven«, flüsterte er. 
»Okay, Sven.« Zärtlich küsste ich seinen Hals. »Es wird dir gefallen.«
Sanft führte ich seine Hände und lauschte dem verzückten Stöhnen.

***

Unsere Körper mit Fingern und Lippen zu erkunden, war erschöpfender, als ich angenommen hatte. Schwer atmend lagen wir nebeneinander vor dem Kamin. Das knisternde Feuer ließ den Raum romantisch flackern. Ich kuschelte mich an Sven und küsste seinen Hals. Er schmeckte salzig. Dieser wundervoll zarte Mann musste mit Küssen überschüttet werden. Jeden Zentimeter seiner Haut wollte ich berühren.
»Du hast mir eben das Leben gerettet.«
Ich war an den Schlüsselbeinen angekommen und sprach zwischen den Küssen. »Hmm? Das Leben … gerettet? Mit Sex? Das war … nur ein … Handjob.«
Er kicherte. »Nein, draußen auf dem See.«
»Hmm.« Sven gehörte zu den Menschen, die nach Sex gerne redeten. Da ich gerade beschäftigt war, störte es mich nicht. Ich fuhr mit seiner Brust fort.
»Als ich im Wasser war … die Leute sagen immer, dass das Leben an einem vorbeizöge. Und ich dachte wirklich, dass ich sterben werde. Aber weißt du, was meine Gedanken waren?«
»Hmm?« Hatte ich die rechte Brustwarze schon geküsst? Zur Sicherheit drückte ich meine Lippen erneut auf sie.
»Ich dachte, ›Was wird nur Gott von dir halten, wenn du wie ein tropfnasser Pudel auftauchst?‹ Das ist doch ein alberner Gedanke, oder?«
»Hmm.« Die blonden, fast durchsichtigen Haare auf seinem Bauch kitzelten an den Lippen. Vorsichtig tastete ich mich weiter zum Bauchnabel.
»Es war auch blöd, überhaupt da raus zu laufen. Ich wollte es eigentlich nur als Ausrede nehmen, damit ich das Telefonat jederzeit beenden könnte, verstehst du?«
»Hmm.« Ich küsste seine Hüftknochen. Langsam musste ich mich entscheiden. Entweder ich wanderte die Beine hinab und wieder hinauf, oder ich drehte ihn um. Mein Ziel, dieser kleine, liebliche, reizende Hintern, lag dort. Allein der Gedanke an ihn erregte mich. Lange würde ich nicht mehr aushalten.
»Mein Vater ist etwas anstrengend. Lange Geschichte, aber unser Verhältnis ist einfach nicht so gut. Wie sieht das bei dir aus?«
»Hmm.« 
»Daniel?«
»Hmm?«
»Verstehst du dich gut mit deinen Eltern?«
Ich würde einfach seine Scham hinabwandern, bis ich es nicht mehr aushielt, und mir dann den Hintern vorknöpfen. Meine Lippen setzten ihren Weg fort. »Das kannst … du dir … doch selbst … denken. Ich … bin hier … und nicht … bei meinen … Eltern unterm … Weihnachts…«
»Scheiße! Weihnachten!« Sven richtete sich abrupt auf. »Wie spät ist es? Oh Gott!«
»He, ich war hier noch nicht fertig!«
»Wo sind meine Sachen?« Er sprang auf. »Weihnachten, wie konnte ich das vergessen?« Er lief ins Badezimmer.
Ich rollte mich auf den Bauch und schaute ihm hinterher. »Ja, ich weiß. Kommt immer so plötzlich. Geschenke vergessen?«
»Nein«, brummte er, die Taschen seines Mantels durchwühlend. »Weihnachtsmesse.«
»Ach die.« Ich gähnte. »Lass die doch ausfallen, da gehen eh nur Oberstreber hin. Bleib lieber hier bei mir, vor dem Kamin.«
Sven trat ins Zimmer zurück und blickte mich streng an. »Das kann ich ja wohl schlecht?«
»Wieso?«
»Daniel!«
Ich zog die Brauen zusammen. Es stimmt einfach, dass einem bei starker Erregung das Blut im Gehirn fehlt. Erst, als mein Blick auf das Kreuz an seinem Mantelaufschlag fiel, machte es Klick. »Oh, ja. Du musst arbeiten. Du wirst doch keinen Ärger kriegen?«
»Wenn ich zu spät komme? Nein, nicht sehr.« Er betrachtete traurig sein Handy. »Ach, das war noch ganz neu.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Kauf halt ein Neues. Jetzt musst du deinen Vater nicht anrufen.«
»Ja, ganz toll.« Er seufzte und legte das defekte Gerät auf den Tisch. »Gehst du zur Messe?«
»Ich habe mich das ganze Jahr darauf gefreut, die zu verpassen! Aber dir wünsche ich ganz viel Spaß!« Ich nickte zu meinem Penis. »Ich werde aber gleich duschen und an dich denken, falls das hilft?« 
Kopfschüttelnd untersuchte Sven seine Kleidung. »Daniel?«
»Ja?«
»Hast du … wie komme ich denn jetzt in mein Zimmer?«
Die Klamotten waren natürlich noch nass, die konnte er nicht anziehen. »Vielleicht habe ich was.« Ich reichte ihm einen Kapuzenpullover und eine Trainingshose. »Ist vielleicht etwas groß.«
Sven versank in meinem Pullover, aber mit der Kapuze war er nicht zu erkennen. Lachend krempelte ich die Hosenbeine um. »Das ist ein Anblick!«
»Lachst du mich aus?«
»Nein. Du bist nur so unglaublich süß.« Ich zog ihn für einen Kuss an mich. 
»Ich muss jetzt wirklich gehen.«
Widerwillig ließ ich ihn los. »Gute Nacht, dann.« 
Sven lächelte mich an. »Ja, gute Nacht.« Er huschte aus dem Zimmer.
Priester vor einem Kamin – ein wahrlich heiliger Abend. Ich vergrub mein Gesicht in den Decken. Sie rochen noch nach ihm. 

***

Als der Boden zu unbequem wurde, ging ich duschen. Das warme Wasser wusch die letzten Zeugnisse unserer kleinen Sünde von meiner Haut. Der Gedanke ließ mich grinsen. Falls der alte Mann da oben im Himmel tatsächlich existierte, erwartete uns sicherlich ein Plätzchen in der Hölle. Als Kind hatte ich Hoffnung und Trost in die Religion gesetzt. Doch seit ich meine wahren Gefühle entdeckt hatte, mied ich diesen Gott, der in mir einen Fehler sah. Und trotzdem hatte er Sven zu seinem Diener berufen. Ein seltsamer Plan.
In ein Handtuch gewickelt schlurfte ich zum Bett. Auf Marks Party waren die Gäste vermutlich schon rotzevoll. Neben widerlichem Bier, uninteressanten Frauen und in den Ohren schmerzender Musik, würde mich dort also das Gegröle Betrunkener erwarten. Dann lieber ins Bett. 
Die Decken verströmten Svens Geruch. Der saß unten in der Kirche und bereitete mit Pfarrer Röwer die Messe vor. Ich hatte zwar behauptet, nicht hingehen zu wollen, doch die Aussicht, meinen Geliebten wiederzusehen, erhöhte die Attraktivität der Veranstaltung enorm. Es war noch ausreichend Zeit bis zu ihrem Beginn.
Und Sven könnte mir danach vielleicht erklären, warum Gott Schwule hasste, sie aber als Priester akzeptierte. Immerhin waren solche Fragen Teil seines Berufs als Kaplan.
Warm eingepackt stapfte ich hinunter ins Dorf.

***

Die Messe war gut besucht und Sven hatte mich nicht entdeckt. Für meine Fragen wäre ein intimeres Plätzchen ohnehin sinnvoller. Also wartete ich im Anschluss zwischen den Bäumen auf ihn. Es gab nur den einen Weg zur Schule und damit lief er nach dem Gottesdienst hier entlang. Leider hatte ich unterschätzt, wie lange Priester in ihrer Kirche herumhockten. Mittlerweile stand ich gelangweilt in dem Wäldchen hinter dem Dorf. Die Kälte fand ihren Weg durch Handschuhe und Mantel. Um mich zu wärmen, trat ich von einem Bein auf das andere. Endlich stapfte die kleine, dick eingepackte Gestalt an meinem Versteck vorbei. Ich schlich ihm hinterher. »Na? Zu spät gekommen, weil du … na ja … gekommen bist?«
Er zuckte zusammen und drehte sich zu mir um. »Sie? Was machen Sie denn hier?«
Ich schloss zu ihm auf. »Ah, ich habe die Messe besucht und dachte, wir könnten gemeinsam nach Hause gehen. Damit du nicht wieder ins Wasser fällst.« 
»Ich dachte, dass Sie die Messe nicht mögen?«
»Ja, dachte ich auch. Aber die Alternative wäre diese doofe Party gewesen. Ehrlich gesagt wurde der Gottesdienst optisch aufgewertet.« Ich griff seine Hände und legte meine Stirn an seine. »Du siehst in so einem Messgewand verdammt sexy aus.«
Er trat erschrocken zurück. »Bitte sagen Sie so etwas nicht.« Sven setzte den Weg zügig fort. »Das vorhin, das war ein Fehler.«
»Ach, was denn genau?«
Obwohl es recht dunkel war, sah ich, dass er rot anlief. »Alles«, flüsterte er mit zitternder Stimme. Wir liefen einige Schritte schweigend auf die Schule zu. Ich konnte ihn gut verstehen. Nach meinem ersten Mal hatte ich mich tagelang nicht aus meinem Zimmer getraut. Vorsichtig fasste ich seine Hand. »Hey, du musst dich dafür nicht schämen. Es war doch schön, oder?«
Er blieb stehen. »Ja, das war es. Aber es darf niemand erfahren. Falls jemand fragt, ich hatte Pfarrer Röwer gesagt, dass ein Schüler meine spirituelle Führung benötigte.« Zwar hatte ich geführt, aber spirituell war es auf jeden Fall gewesen. »Sagen Sie einfach, dass Sie gebeichtet hätten, okay?«
»Ach? Und was soll ich gebeichtet haben?«
Er seufzte. »Das ist doch egal. Es würde ja sowieso niemand erfahren.«
Wir setzten unseren Weg schweigend nebeneinander fort. In den meisten Fällen hatte ich mit einer Person nur eine Nacht verbracht. Aber Sven wollte ich wieder sehen. Er strömte einen angenehmen Duft nach Weihrauch und Sommerblüten aus, der mich an einen glücklichen Moment erinnerte. Bilder ließen sich diesem Gedanken nicht zuordnen, nur eine innere Zufriedenheit und wohlige Wärme. 
»Liebt Gott uns?«
Er schaute nicht auf. »Was ist denn … Warum fragen Sie das?«
»Na, weil wir doch ständig irgendwie gegen seine Gesetze verstoßen, oder?«
Sven nickte. »Gott liebt alle Menschen. Auch Sie, sonst könnte er Ihnen ja nicht vergeben, wenn Sie beichten. Machen Sie sich keine Sorgen.«
Ich hatte wissen wollen, warum wir überhaupt sündigten. Aber der Kaplan stapfte schnaufend neben mir die Straße entlang und ich bezweifelte, dass er heute Abend für eine theologische Diskussion aufgeschlossen war. 
Vor uns tauchte das verschneite Schloss glitzernd auf. In der Nacht waren wichtige Wege ausgeleuchtet und der Schnee reflektierte die spärliche Beleuchtung. Im Hof zog ich Sven in eine Ecke, die von den Fenstern nicht einsehbar war. 
»Darf ich morgen noch einmal zur Beichte kommen?«, flüsterte ich. 
Wir standen uns gegenüber und er schaute zu mir hoch. In seinen blauen Augen entdeckte ich feine grüne und braune Linien, die mir nie bei einem Menschen aufgefallen waren. Klare, glänzende Augen. Sie bewegten sich hin und her, suchten mein Gesicht ab. 
»Wir dürfen das nicht tun.«
Ich nickte zögerlich. 
Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel und unser Atem trieb in dünnen Wölkchen davon. Er legte seine Hände auf meine Brust, ich meine auf seine Schultern. Wir schauten uns in die Augen. Dieses Kribbeln, dass ich nur in seiner Nähe verspürte, kroch erneut über mich.  Es war so einzigartig, dass ich nicht wollte, dass es aufhörte. 
»Scheiß drauf«, hauchte er und reckte den Kopf oben. Unsere Lippen berührten sich. 
Der Kuss war lang, intensiv und der schönste, den ich je erlebt hatte. 
Als wir uns voneinander lösten, lag eine dünne Schicht Schnee auf seiner Mütze.
»Wir sollten ins Bett gehen«, stellte er fest. Ich lächelte zu ihm herab und öffnete den Mund, doch er schüttelte den Kopf. »Jeder in sein Eigenes. Gute Nacht.«
»Gute Nacht.« Ich drückte seine Hände und ließ ihn los. Zügig lief er ins Gebäude. 
Ich blieb einige Minuten in der Ecke und grübelte über die vergangenen Wochen. Sven hatte mehrfach einen Schritt auf mich zugemacht. Das heute Nacht war mehr als ein One-Night-Stand. Es sei denn, dies eben war ein Abschiedskuss gewesen. Ein verdammt Guter. 
Sein gehauchtes ›Scheiß drauf‹ ließ viele Deutungen zu. 
In meinem Badezimmer lag doch noch seine nasse Kleidung. Wir mussten uns erneut treffen. 
Hier draußen würde ich keine Antwort finden und es fröstelte mich. 
Ich tat es Sven gleich und schlich in das Gebäude.

Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 5

Unser Gespräch beschäftigte mich bis in die Träume. Wir standen erneut am Seeufer, zu zweit, keine schreienden Kinder. Endlich konnte ich ihn küssen. Doch er reagierte mit Wut und Abscheu, lief von mir fort. In diesen Nächten wachte ich schweißgebadet auf. Im Unterricht ließ sich Kaplan Flory nichts anmerken und mit jedem Tag, der verstrich, zweifelte ich, dass er mit mir geflirtet hatte. Sicherlich nur Einbildung, ein Wunsch eines verknallten Teenagers. 
Ich mied den Geistlichen und verbrachte stattdessen mehr Zeit mit meinen Freunden. Wir planten unser Finale. Insgesamt waren wir damit recht erfolgreich, leider war die aktuelle Idee an der Verfügbarkeit von Antilopen gescheitert. Bis zu den Weihnachtsferien hatten wir keine Lösung gefunden und so ruhte die Planung bis ins nächste Jahr. Frank, Fabian und Sebastian folgten den meisten Schülern und fuhren zu ihren Familien. Meinen Eltern war ich scheißegal, also besuchte ich gewöhnlich Mark, dessen Verwandte mich mochten. Aber er hatte sich mit seinem Alten verkracht und wir blieben im Internat.
Heiligabend saß ich grübelnd im Kaminzimmer. Die Träume waren nicht verschwunden. Unter normalen Umständen hätte ich mit meinen Freunden darüber gesprochen. Doch die durften nicht wissen, dass ich auf ihn stand. Der Kaplan der Schule war auch unser Vertrauenslehrer. 
»Herr Flory, haben Sie mit mir geflirtet?«, hörte ich mich in Gedanken fragen. Die Reaktion war die gleiche wie in meinen Träumen. Ein verächtlicher Blick, eine zugeknallte Tür. 
Mark schlang seine Arme von hinten um mich und drückte seine Stirn in meine Haare. »Du, ich, Party. Heute. Keine Widerrede«, sprach er bestimmend.
»Ja?«
Er rutschte auf den Stuhl neben mir. »Sag, hast du jetzt auch eine feste Freundin, oder bist du noch frei?«
»Ich habe doch die ganze Zeit gesagt, dass ich keine Frau beeindrucken wollte. Ich bin Single. Warum willst du das schon wieder wissen?« 
»Also war die ganze Sache mit dem Lichterfest für den Arsch?«
Ich rollte mit den Augen.
»Wie dem auch sei, wir feiern heute Abend eine Weihnachtsparty. Alles kurzfristig und viel Platz ist nicht, deshalb muss ich die Gäste mit Bedacht auswählen. Was sagst du zu der Dame?« Mark schob mir sein Telefon zu. Es zeigte das Bild einer leicht bekleideten Frau. 
»Heißer Feger«, log ich.
»Und sagt dir auch die zu?«
Ich nickte, ohne das Bild anzusehen. »Du, mir ist gar nicht so nach Besuch. Ich dachte, wir machen uns einen gemütlichen Abend zu zweit.«
»Nur du und ich? Das ist verlockend, aber eigentlich wollte ich dieses Jahr noch etwas Spaß haben. Du doch auch?« 
»Öh, ja, schon.«
»Super, dann lass mich mal machen!«, er sprang auf und wuschelte durch mein Haar. Mit dem Telefon in der Hand verließ er den Raum. Mark kannte jeden im Umkreis – vermutlich sogar in der gesamten Bundesrepublik. Trotz des strengen Alkoholverbots veranstaltete er feuchtfröhliche Partys auf dem Schulgelände, zu denen auch vorwiegend weibliche Gäste von außerhalb kamen. Ich hatte nie verstanden, wie er das vor den Lehrern versteckte, aber es funktionierte. Nach den Worten von Kaplan Flory zu urteilen, waren unsere Lehrkräfte gar nicht so unwissend, wie er immer dachte. Seufzend ließ ich meinen Kopf auf die Tischplatte sinken und starrte auf den grauen Himmel. Es schneite schon wieder. Scheiß weiße Weihnachten, was für ein Segen. Am Abend würde mir also eine angetrunkene Frau ins Ohr säuseln, wie unfassbar romantisch das eingeschneite Schloss war. Ich hätte nach Hause fahren sollen. Dort durfte ich wenigstens Männer treffen. Meine Eltern hatten mir erlaubt, schwul zu sein, solange es niemand in der Schule erfuhr. Ja, sie hatten es mir erlaubt, als wenn das Gegenstand einer Diskussion gewesen wäre. Sie hofften vermutlich, dass es sich verwachsen würde oder so. Ich sprang auf und lief Mark nach. Er stand am Treppenabsatz und telefonierte. 
»Mark!«, rief ich über den Flur. »Ich …«
»Ja?« Er schaute mich mit seinem verschmitzten Grinsen an. 
»Ich bin schwul«, wollte ich ihm entgegen schreien. »Ich will keine Frauen treffen. Heute Abend nicht und generell nie wieder. Ich will Kaplan Flory, nackt auf meinem Bett. Oder dich.« Nichts von dem sprach ich laut aus.
Wegen meines Zögerns hob er erwartungsvoll die Brauen.
Ich holte tief Luft und öffnete den Mund. »Lad doch bitte die Brünette ein, ja?«, sagte ich stattdessen. Er nickte und drehte sich um. Ich biss mir auf die Zunge, die den falschen Satz ausgespuckt hatte. Das wäre einer dieser Momente gewesen. Mark war einer meiner besten Freunde, aber ich war zu feige, ihm die Wahrheit zu sagen.
Erneut musste ich am Abend die Maskerade wahren.

***

Deshalb stand ich einige Stunden später in einem der Kellergewölbe und hielt mich an einem schalen Bier fest. Neben mir erzählten zwei Frauen in meinem Alter von ihren Ausbildungen. Beide flirteten bei jeder Gelegenheit aggressiv mit intensivem Körperkontakt. Von der lauten Musik und den belanglosen Gesprächen schwirrte mir der Kopf. Unter einem Vorwand verdrückte ich mich nach draußen. Es gab einen Notausgang, den die Raucher benutzten.
Ich ließ die Tür zufallen und genoss die plötzliche Stille. Es hatte aufgehört zu schneien, war jetzt aber arschkalt. Der Wind biss durch mein Sakko. Trotzdem blieb ich und atmete tief durch, die Eiskristalle kitzelten in der Nase. Die Wolken gaben fleckenweise den Blick auf die Sterne frei. Ich suchte den Himmel nach den Sternbildern ab, die mir Kaplan Flory gezeigt hatte. Die Kälte ließ mich frösteln und ich gab es auf. Ohne warmen Mantel machte es keinen Spaß. 
Also wieder rein. Die Kellertür hatte aber nur einen Knauf und ich Depp hatte die Tür zufallen lassen, anstatt sie zu verkeilen. Ich war ausgesperrt. Der nächste offene Zugang lag im Hauptgebäude – auf der anderen Seite des Komplexes. Mein Handy lag sicher und warm bei Mark. Ich stöhnte auf, lehnte die Stirn an die Tür und wartete auf einen Raucher.
Doch es kam niemand. Dafür erinnerte mich der Wind freundlich an die arktischen Temperaturen.
Scheiß Öko-Generation, keiner rauchte mehr.
Es blieb nur der lange Weg. Zähneklappernd stapfte ich um das Gebäude.
Der Schnee war zu Haufen unterschiedlichster Höhe aufgeweht und die schmale Mondsichel spendete nur wenig Licht, wenn sie zwischen den Wolken auftauchte. Nach einigen Schritten waren meine Hosenbeine durchnässt. Ich bahnte mir fluchend den Weg. Scheiß weiße Weihnachten. Wie konnte das nur irgendeine Person ernsthaft romantisch finden?
Außer mir war mindestens ein anderer so dämlich gewesen, bei dem Wetter raus zu gehen. In einiger Entfernung stapfte eine Gestalt durch den Schnee. 
Ich versuchte, aufzuschließen, damit ich wenigstens nicht alleine frieren musste. Der Depp lief aber in die falsche Richtung, auf den See zu. Mir war egal, warum er dort hinlief, ich wollte ins Warme zurück.
Aus den Augenwinkeln sah ich den Typen am Ufer langlaufen. Bisher war der See nur an den Rändern mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Trotzdem stapfte er auf das Wasser zu. Ich lief eine Warnung rufend hinter der Gestalt her, doch der Wind trug meine Stimme fort. Zwei weitere Schritte, und er war in dem dunklen Loch verschwunden. Nur das Platschen drang zu mir. Ich rannte schneller und suchte das Eis ab. An einer Stelle deutete ein schwarzer Kreis auf den Unfall. Die Person versuchte verzweifelt, das Ufer zu erreichen. Unter ihren panischen Bewegungen brachen immer mehr Stücke des Eis ab. 
»Ruhig bleiben, ich helfe dir!«
Ich warf mich flach auf den Boden. In einem Film hatten es die Figuren ähnlich getan. Meine Füße fanden Halt ein einem ufernahen Baumstamm. Vorsichtig schob ich mich über den Schnee, die Arme ausgestreckt. Weit hatte es der Pechvogel nicht geschafft, aber es reichte. Unsere Hände trafen sich und wir griffen beherzt zu. Das eiskalte Wasser stach schmerzhaft. Vor Schreck ließ ich los. Doch die Finger der Gestalt hatten sich bereits in den Stoff meines Sakkos gekrallt, sodass sie nicht unterging. Um die Kälte zu ignorieren, konzentrierte ich mich auf die Aufgabe, erneuerte den Griff und zog. Platschen, pfeifen und schnaufen. Der Typ war schwer. 
Als er endlich auf das Ufer rutschte, sank ich keuchend neben ihn. Zähneklappernd lagen wir im Schnee, der Wind trug unseren Atem in Wölkchen davon. Meine Hände und Arme waren mittlerweile taub. 
»Wa…«, begann ich, doch das Sprechen war nahezu unmöglich. Das schwarze Häufchen gab einen kratzigen Laut von sich und drehte den Kopf. Blondes Haar klebte auf dem Gesicht – Kaplan Flory.
»Hochw…«, versuchte ich es erneut und gab auf. Wir mussten hier weg, sofort.
Ich half dem Mann hoch und schob ihn in Richtung des Schlosses. Mechanisch bahnten wir uns den Weg durch den Schnee. Er wurde mit jedem Schritt langsamer. Ich zog an seiner Hand. »Ko… ko… kommen Sie, r… rein.« 
Der Wind hatte meinen Kopf in einen einzigen Eisblock verwandelt. Der Weg war nicht weit, doch unter diesen Bedingungen eine Tortur. Der Geistliche blieb wimmernd stehen. Wir waren nur wenige Meter vom nächsten Eingang entfernt.
»Bi… bi… bitte«, flehte ich ihn an, zog erneut an ihm, aber er bewegte sich nicht. Mit einem leeren Blick starrte er auf dem Schnee. Ich schaute von ihm zum Schloss und zurück. Mir war bewusst, dass die Zeit drängte. Er musste ins Warme. Beherzt griff ich zu und hob ihn in meine Arme. Seine vollgesogene Kleidung war schwer und glitschig. Die ersten Schritte rutschte ich eher, als zu gehen. 
Schnaufend schleppte ich ihn die letzten Meter zum Nebeneingang und durch die Tür. Wie im Traum wankte ich, die eiskalte Beute fest umklammert, durch die Gänge. 
Wir trafen niemanden. 

Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 4

Meine freiwillige Meldung hatte den Kaplan erstaunt, doch er war nicht näher darauf eingegangen. Er hatte mir einige Informationen mitgegeben und mich gebeten, am Samstag nach dem Gottesdienst in das Pfarrhaus zu kommen. Dort wolle man alle weiteren Details besprechen. Das Lichterfest fand jedes Jahr in der Woche vor Weihnachten statt. Es war ein Laternenumzug, der einen Volkshelden feierte. Den eher heidnischen Brauch hatte früh ein gewiefter Pfarrer übernommen und dem ganzen Spektakel noch einen religiösen Stempel aufgedrückt. Vor dem eigentlichen Umzug gab es eine Messe. Die älteren Schüler durften danach auf die jüngeren aufpassen. Die Kinder aus dem Dorf wurden von ihren eigenen Eltern beaufsichtigt. 
Ich war zufrieden, in den nächsten Tagen mehr Zeit mit Kaplan Flory zu verbringen. Allerdings rechnete ich mit Spott von Seiten meiner Freunde. Da ich ihnen den wahren Grund nicht nennen durfte und mir keine alternative Erklärung einfiel, hatte ich den restlichen Abend alleine verbracht.
Am Morgen steuerte ich dennoch unseren Tisch im Speisesaal an. Ewig konnte ich es sowieso nicht herauszögern. Fabian saß dort bereits und stocherte lustlos in seinem Müsli herum.
»Es ist 7:08 Uhr«, brummte er und tippte auf das Glas seiner Armbanduhr.
Ich deute auf die Dose in der Mitte des Tisches. »Das ist Zucker.« 
»Was?«
»Ich dachte, dass wir offensichtliche Fakten austauschen.«
Er rollte mit den Augen. »Nein! Wir sind hier seit Jahren um 7 Uhr verabredet und in letzter Zeit kommt ihr Penner immer später.«
Ich füllte zwei Tassen und schob ihm eine hin. »Hier, trink deinen Kaffee, dann wird das besser.«
Er schob sie zurück. »Ich trinke keinen Kaffee mehr. Yvonne sagt, dass der nicht gut für mich ist. Außerdem werden die Kaffeebauern ausgebeutet und der Regenwald abgeholzt. Und gut für das Klima ist das auch nicht.«
Fabian plapperte regelmäßig die Worte nach, die ihm Yvonne vorbetete. Sie wollte die Welt verbessern und hatte ihn deshalb zum Verzicht tierischer Produkte überredet. Die Missionierung versuchte er nun an uns. Und es ging uns gehörig auf den Zeiger. 
Ich betrachtete die Tasse in meiner Hand. »Fabian, deine Familie produziert doch Kaffee? Wie geht Yvonne damit um?«
Er verzog das Gesicht und widmete sich seiner Müslischale.
Frank setzte sich neben mich. »Na, wie ist es gelaufen?«
»Es lief gar nichts. Ich habe nachgedacht.«
»Du und denken!«, rief Sebastian hinter mir. »Oh, Kaffee!« Er schnappte sich die Tasse, die Fabian verschmäht hatte.
»Arschloch«, murmelte ich. 
Mir wurden die Schultern gedrückt. Warmer Atem strich über meine Ohrmuschel. »Ja, Arschloch passt gut«, grummelte Mark. »Du hast eine seltsame Auffassung von ›gleich‹.« Er hielt mir seine eigene Armbanduhr vor das Gesicht. »Zwölf Stunden ist nicht ›gleich‹. Immer lasst ihr mich allein.«
»Du bist doch selbst zu spät, Affenarsch!«, knurrte Fabian.
»Vollpfosten.«
»Sackratte.«
»Pimmelgesicht!«
»Kackspaten!«
»Nachsitzen«, sprach eine feste Stimme. Wir schauten zum Sprecher auf. Rektor Schneider betrachtete uns mit verschränkten Armen. »Wenn Sie sinnlose Beleidigungen brüllen wollen, gehen Sie doch bitte in Ihre Zimmer. Noch ein Wort von diesem Tisch, und Sie sitzen bis zu Ihren Prüfungen nach. Ich kann manchmal nicht glauben, dass wir Sie fünf in einem halben Jahr los sind. Ich empfinde tiefes Mitleid für die Universitäten, an die Sie gehen werden.« Kopfschüttelnd setzte er seinen Weg zu den Lehrertischen fort.
»Er wird uns vermissen«, flüsterte Frank.
Mark rutschte auf seinen Platz. »Apropos vermissen. Wo warst du, Daniel? Du gehst in letzter Zeit regelmäßig verloren.«
Ich steckte mir ein Toast in den Mund.
»Ich kann warten, das ist dir klar, oder? Früher oder später musst du antworten.« Er hieb auf ein Ei ein. »Du jagst auch einer Frau hinterher, oder? Sei ehrlich! Ihr habt durch mich Zugang zu den schönsten Frauen der Welt, aber ihr müsst euch an eine binden. Was stimmt nicht mit euch?«
»Mark, beruhig dich. Ich war nicht mit einer Frau zusammen. Aber, ich habe da was gemacht … ihr werdet es vermutlich nicht mögen. Es ist einfach so passiert.«
Sebastian starrte mich an böse. »Wenn du den Laphroaig alleine gesoffen hast …«
»Nein, nein. Keine Angst. Öhm … also, ich habe mich für das Lichterfest gemeldet.«
Mark warf die Arme in die Luft. »Schluss, aus vorbei. Ich gebe es auf. Der Typ hat doch den Verstand verloren. Freiwillige Meldung!«
»Warte mal.« Fabian hob die Hand. »Lass ihn ausreden. Da kommt sicherlich noch was. Du willst das Fest sprengen, ja? Teile deine Gedanken mit uns.«
Das war eigentlich eine geniale Tarnung. Deswegen nickte ich zögernd. »Ja, genau. Ich will mir mal anhören, was die planen und ob man da was drehen kann. Es war gestern so eine spontane Idee. Außerdem wäre das wohl verdächtig, wenn wir alle da auftauchen, oder?«
Meine Freunde raunten zustimmend.
Mark beäugte mich misstrauisch. »Und du willst wirklich nicht nur eine Braut beeindrucken? Was sollte dann dieses ganze Liebesgefasel gestern?«
»Ach, das.« Ich winkte ab. »War ordentlich kacken, dann ging es wieder.«
Er kicherte. »Okay, dann erforsche du die langweiligen Gefilde des Kirchenvereins. Wir halten dir den Weg frei.«
Ich nickte. »Top, danke.«
Bis zum Unterrichtsbeginn lenkten wir das Gespräch auf wichtigere Themen und diskutierten unseren Berlin-Trip an Silvester. 

***

Am Samstag verabschiedeten mich meine Freunde überschwänglich und steckten mir einen Flachmann zu. Euphorisch war ich der Straße ins Dorf gefolgt. Doch schon nach wenigen Minuten im Pfarrhaus bereute ich die freiwillige Meldung. Das Komitee bestand aus fünf Oberstrebern, zwei Mädchen der zwölften Klasse, Pfarrer Röwer, Kaplan Flory und Omas aus der Gemeinde. Die Besprechungen waren öde und niemand lachte über meine aufmunternden Witze. Leider gab es auch keine Gelegenheit, sich die Veranstaltung schön zu trinken. Die Geistlichen hätten sich beschwert und die Alten auf gerechtes Teilen bestanden. 
Auf den Rückwegen scharten sich die Streber um unseren Kaplan, um Speichel zu lecken, seine Tasche zu tragen oder anderen Streberkram zu machen. Nicht eine Sekunde waren wir allein. In den Religionsstunden war ich ihm näher als bei den Festvorbereitungen. 
Aus der Nummer mit dem Lichterfest kam ich nicht wieder heraus. In den ersten Jahren hatte uns der Laternenumzug durch den meist verschneiten Wald beeindruckt. Wir kamen aus den großen Städten, so etwas war uns unbekannt gewesen. Doch je älter wir wurden, desto uninteressanter wurde die Veranstaltung. Nach dem Umzug gab es ein gemütliches Ende bei Glühwein und Würstchen, an der die Kinder und die Alten gerne teilnahmen. Als Teenager hatte man andere Vorstellungen von einer geilen Party.
Also ergab ich mich meinem selbst gewählten Schicksal und trabte wenige Tage vor Weihnachten mit einer Fackel durch den Wald. Die kleinen Scheißer liefen fröhlich singend neben mir her. Man hielt sich an den Händen, die Gesichter vom Schein der LED-Kerzen erleuchtet. Es war furchtbar kalt und von der Latscherei schmerzten die Füße. Meine Hand hielt niemand. Kaplan Flory führte mit dem Pfarrer die Prozession an. Natürlich hatten die Oberstreber die begehrten Plätze in den vorderen Reihen eingenommen. Dort sah man ja ihre tollen Leistungen. 

***

Nach dem Umzug wärmte ich mich an einem Feuer und beobachtete die Menschen auf dem Festplatz. Sie standen in Grüppchen zusammen, unterhielten sich, tranken und aßen. Die Kinder tollten um die Feuerschalen und durch den Schnee. Obwohl ich die meisten von ihnen kannte, fiel mir kein geeigneter Gesprächspartner ein. Meine Freunde und ich hatten uns immer vom Rest der Schule und des Dorfes abgekapselt. Als Ergebnis war ich jetzt der Außenseiter und zog mich lieber zum Seeufer zurück, um der belastenden Fröhlichkeit der Menschen zu entgehen.
Seufzend zog ich den Flachmann aus dem Mantel, der dort seit dem ersten Treffen ungenutzt steckte. Am gegenüberliegenden Ufer, versteckt zwischen den Bäumen, saßen die anderen jetzt in der Hütte und tranken auf mein Wohl. Darüber thronte hell erleuchtet unsere Schule. Erneut wurde mir klar, dass ich diese langjährige Heimat bald verlassen musste. Die Erkenntnis zwickte unangenehm in meinem Hinterkopf – falls es nicht die Kälte war. Vielleicht sollte ich mich doch unter die Leute mischen und diese Geselligkeit ein letztes Mal genießen, bevor das Studium rief. Sehr viele Gelegenheiten gab es nicht mehr. 
Jemand zog mir den Flachmann aus der Hand. Ich versuchte, ihn festzuhalten, war aber zu langsam. 
»Soso«, brummte Kaplan Flory neben mir. Er öffnete den Verschluss, roch an der Öffnung und trank einen Schluck. »Sehr gut. Scotch?«
Sprachlos starrte ich ihn an. 
Er nahm einen weiteren Zug und reichte mir den Schnaps zurück. »Cornelius sagte schon, dass es bei Ihnen einen guten Single Malt zu holen gäbe. Sie und Ihre Freunde hätten einen ausgezeichneten Geschmack. Er hat recht. Es lohnt sich, Sie zu filzen.«
Cornelius Schneider, unser Schulleiter. Ich lenkte den Blick auf den See und erwartete schweigend die folgende Standpauke. Stattdessen schwieg auch der Geistliche für einen unangenehm langen Moment. 
»Rektor Schneider hat Ihnen das gesagt?«, brach ich die Stille.
»Aber ja. Sie glauben doch nicht, dass Ihre Eskapaden niemandem aufgefallen wären, oder? Herr Lewenstein, Sie und Ihre Freunde sind dafür berüchtigt.« 
Ich schaute zu ihm. Auf seinem Gesicht lag ein freundliches Lächeln. »Ich dachte …«
»Dass ich Sie ausschimpfen würde? Wir sind nicht in der Schule und Sie sind erwachsen. Wenn Sie am See trinken wollen, werde ich Sie nicht aufhalten.« Er zwinkerte mir zu. »Außerdem haben Sie sich heute Abend vorbildlich verhalten. Ich gebe zu, dass ich nach den Geschichten über Sie etwas Angst hatte.«
Auf das unerwartete Lob fiel mir keine sinnvolle Antwort ein. Deshalb flüsterte ich ein beschämtes »Danke« und starrte auf den Schnee. Das freundliche, fast kameradschaftliche Auftreten des Kaplans verstärkte meine Irritation. 
»Sie stehen hier so allein. Sie konnten die Person nicht beeindrucken, wegen der Sie hier sind?«
»Wie?«
Er tätschelte meinen Arm. »Sie haben sich in wenigen Wochen gewandelt. Da gibt es doch jemanden?«
»Öhm?« Von der Fragerei schlug mein Herz einen schnellen Rhythmus. Dabei hatte ich bei diesem kacklangweiligen Laternenumzug mitgemacht, um bei ihm zu sein. Nun schnürte mir die Nervosität die Kehle zu, und ich musste zweimal schlucken, bevor ich antworten konnte. »Ja … nein … sie weiß nicht … e… sie darf es auch nicht wissen. Geheimnis.« Zur Bekräftigung nickte ich ihm zu.
Der Kaplan legte den Kopf zur Seite. »Verstehe. Nun, mich haben Sie jedenfalls beeindruckt.«
Ich starrte grinsend in den Himmel. Trotz der kalten Luft überzog Hitze mein Gesicht. 
Er war beeindruckt.
Von mir.
Für diese Worte hätte ich ihn so gerne geküsst oder wenigstens seine Hand gehalten. Seufzend strich ich über den Flachmann. 
Die Stimme des Geistlichen riss mich aus den Gedanken. 
»…en verführt, oder?«
»Wie?«
»Ich sagte, dass die Sterne hier in den Bergen traumhaft schön sind.«
»Öhm … ja, ich denke schon?« Die Sterne hatten mir nie viel bedeutet. Es waren eben Lichtpunkte am Himmel.
»Sie haben doch bestimmt schon Mädchen verführt, indem Sie die Sternenbilder erklärt haben?«
»Hmm.« Ich schielte zu ihm herab. Eine eher ungewöhnliche Frage für einen Geistlichen, aber vermutlich wollte er mich nur von meinem vermeintlichen Liebeskummer ablenken. »Nein, öhm … ich weiß nichts über die Sternbilder.«
»Nicht? Da haben Sie über Jahre so einen Ausblick und haben sich damit nie beschäftigt?« Es klang wie ein Vorwurf. Den mühsam aufgebauten Respekt hatte ich erfolgreich wieder zunichtegemacht. Aus irgendeinem Grund lagen in der Gegenwart des Kaplans Fettnäpfchen aus, in die ich mit traumwandlerischer Sicherheit trat. Als Antwort schüttelte ich traurig den Kopf.
»Das ist schade.« Er klopfte mir auf den Rücken und ließ seine Hand zwischen den Schulterblättern liegen. »Damit ihr Ausflug nicht völlig umsonst war, kann ich Ihnen gerne ein wenig erzählen. Für die Zukunft.«
»Okay«, flüsterte ich. 
»Fangen wir mit etwas Leichtem an: dem Großen Wagen. Den kennen Sie sicherlich? Dafür müssen wir uns aber etwas bewegen.« Er übte sanften Druck aus und drehte mich ein Stück. Fasziniert von der Intimität ließ ich ihn gewähren. 
»Dort ist er.« Sein Finger beschrieb einen Bogen. 
»Sieht nicht aus wie ein Wagen.«
»Na, eigentlich ist es auch der Große Bär. Manche nennen es auch ›Schöpfkelle‹.«
So sahen die hellen Punkte schon eher aus.
»Was Sie auch das ganze Jahr über sehen und leicht finden können, ist Kassiopeia.« Er zeigte auf einen anderen Haufen Stern. »Das Himmels-W, weil es aussieht …«
»Wie ein W! Ja, das erkenne ich.« Ich rutschte näher an ihn heran, um den Bewegungen seiner Hand besser folgen zu können. Dicht genug, um auch seinen blumigen Duft wahrzunehmen. 
»Mit den beiden können Sie den Polarstern finden. Sie denken sich einfach eine Linie zwischen dem mittleren Stern von Kassiopeia und der Deichsel des Großen Wagen, dort. In der Mitte liegt der Polarstern.«
Der von ihm beschriebene Weg deutete auf eine Gruppe von mehreren Sternen, die nichtssagend aussahen. »Der da?«, fragte ich wahllos auf einen deutend.
»Nein, das passiert leicht, dass man sich da im Kleinen Wagen vertut.« 
»Kleiner Wagen? Großer Wagen? Da ist aber viel Verkehr am Himmel!«
Kaplan Flory kicherte. »Ein wenig, ja. Schauen Sie. Der Polarstern ist dort. Die Spitze der Deichsel.«
Ich folgte seinem Finger. Der gezeigte Stern leuchtete eher schwach zwischen den anderen hervor. Den Nordstern hatte ich mir pompöser vorgestellt.
»Der ist aber gar nicht hell«, flüsterte ich irritiert.
»Aber dafür konstant. Ich kann Ihnen einen hellen Stern zeigen.«
Erneut schob er mich ein Stück. Ich hielt den Blick gebannt auf den Himmel gerichtet. Das Meer aus Lichtpunkten hatte mir einen winzigen Teil seiner Geheimnisse offenbart. Zumindest Autos und Buchstaben konnte ich nun finden. 
»Dort liegt Sirius, der hellste Stern am Nordhimmel. Leider sieht man ihn nur in den Wintermonaten.«
»Wo denn?« Um seinem ausgestreckten Arm zu folgen, legte ich den Kopf etwas zur Seite. Wir waren uns nun so nah, dass ich seinen Atem hören konnte. Er hatte recht, es war verführend. Sein Finger deutete auf einen riesigen, blinkenden Fleck. »Sie wollen mich doch veräppeln? Das ist doch ein Flugzeug!«
»Lassen Sie es einen Moment wirken.«
Ich starrte auf den Lichtpunkt. Er glänzte und funkelte in verschiedenen Farben, wie ein Diamant. Aber tatsächlich bewegte er sich nicht. Kein Flugzeug, wirklich ein Himmelskörper. So hatte ich mir den Polarstern vorgestellt. Pompös und majestätisch, heller als die anderen Sterne. Obwohl so leicht zu finden, war mir dieser Sirius niemals aufgefallen. Er schien kurz zu verblassen, nur um direkt wieder zu leuchten. Der Anblick zog mich in seinen Bann.
»Wunderschön«, flüsterte der Kaplan.
»Ja.« Ich blickte zu ihm. »Dan…« Er schaute mir ins Gesicht, die Hand, mit der er mich gelotst hatte, lag noch immer auf meinem Rücken. In seinen Augen war dieses gewisse Etwas. Ich hatte es schon vorher bei Frauen und Männern gesehen. Aber diese Menschen hatten mit mir geflirtet. Ich hielt den Atem an. Der Kaplan hatte eben sicherlich die Sterne als ›wunderschön‹ bezeichnet, nicht mich, oder?
Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Ich beugte meinen Kopf zu ihm und öffnete den Mund zum Kuss.
Hinter uns kreischten Kinder auf. Hektisch trat der Geistliche einen Schritt zur Seite. 
»Pflicht«, murmelte er unbestimmt, bevor er zum Platz zurück stapfte. »Was soll das werden?«, rief er. »Glaubt ja nicht, dass ich das nicht mitbekomme!« 
Einige Kinder hatten entdeckt, dass sich die Stöcke der Laternen als provisorische Schwerter verwenden ließen. Mit klopfendem Herzen beobachtete ich, wie Kaplan Flory die Jungs ermahnte. 
Er hatte eben selbst von der verführenden Wirkung der Sternenbilder gesprochen. Er war mir so nahegekommen.
Entweder hatte ich den Verstand verloren, oder mein Lehrer hatte mit mir geflirtet. 

Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 3

Zur nächsten Religionsstunde nahm ich meinen gewohnten Platz neben Sebastian ein. Kaplan Flory trat wenige Minuten vor dem Läuten in den Raum, stellte seine Tasche ab und schaute sich um. Sein Blick blieb an mir hängen. Meine Muskeln verkrampften sich. Mir kamen Zweifel, ob es eine gute Idee war, den Lehrer erneut herauszufordern. Er kniff die Augen zusammen, hob kaum merklich die Schultern und widmete sich seinen Unterlagen. Den ersten Test hatte ich bestanden. Er hatte mich nicht ausgeschlossen, sondern mir tatsächlich nur ein Angebot unterbreitet. Erleichtert stieß ich einen Seufzer aus.
»Hattest du etwa Angst vor dem Zwerg?«, flüsterte mein Sitznachbar.
»Natürlich nicht. Hatte aber auch keinen Bock auf eine Diskussion. Du weißt doch, wie Lehrer so sein können.«
Ich legte meine Mappe auf den Tisch und reihte einige Stifte auf. Zum Erstaunen der anderen hatte ich sie gebeten, mir bei den Hausaufgaben und der Unterrichtsvorbereitung zu helfen. Vermutlich erwartete Kaplan Flory nicht, dass ich mich beteiligen würde. Doch es erschien mir richtig, wenn ich mitmachte. Was hätte ich auch sonst im Unterricht tun sollen?
Der Geistliche prüfte die Anwesenheit und tadelte den Vollpfosten Feilhauer, der mal wieder zu spät in das Klassenzimmer huschte.
»Nun, da wir vollzählig sind, würde ich gerne an unserer letzten Stunde anknüpfen.« Er stand auf und schritt um das Pult herum. »Dazu hatte ich Ihnen einige Texte und Fragen mitgegeben. Wer möchte denn seine Gedanken dazu teilen?«
Einige Hände wurden in die Höhe gestreckt. Ich starrte auf die Aufgaben, an denen sich so lange gesessen hatte. Sie waren sicherlich furchtbar formuliert. Aber nun war ich pünktlich im Unterricht und hatte die Hausaufgaben. Was sollte man da schon tun? Ich zuckte für mich selbst die Schultern und hob meine Hand ebenfalls.
Kaplan Flory ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Als er mich sah, schloss er die Augen und atmete schwer aus. »Herr Lewenstein, es ist nicht weiter schlimm, wenn Sie die Hausaufgaben nicht gemacht haben. Stören Sie einfach nicht die anderen, ja?«
»Also eigentlich … öh.« Ich legte meine Hände auf die Tischplatte. »Ich habe die Hausaufgaben schon gemacht.«
Seine Stirn zog sich zu einem Runzeln zusammen, dann hob er eine Augenbraue und starrte mich mit geöffnetem Mund an. Sebastian biss sich in die Faust, um sein dämliches Kichern zu dämpfen.
»Oh«, brachte der Kaplan schließlich hervor. »Das ist sehr … ah … löblich. Lassen Sie uns das doch nachher unter vier Augen besprechen.«
»Wenn Sie wünschen.« Enttäuscht schaute ich auf die Mappe.
Er rief Mark auf, der im Prinzip genau das wiedergab, was er mir schon bei der Vorbereitung erzählt hatte. Neben mir kicherte Sebastian noch immer in seine Faust. Ich hieb meinen Ellenbogen in seine Rippen. Er stöhnte auf, was uns einen finsteren Blick von Kaplan Flory einbrachte. Wir grinsten unschuldig und er wendete sich wieder Mark zu.
»Was gibt es da eigentlich so affig zu kichern, du Sackratte?«, zischte ich zur Seite.
»Scheiße«, fluchte Sebastian leise, während er seine Seite rieb. »Komm doch mal runter. Das Gesicht des Pfaffen war einfach nur witzig. Als ob du gleich vorlesen würdest, dass Jesus drei Schwänze hatte.«
Ich rollte mit den Augen und versuchte, den Faden des Unterrichts zu finden. Da sie noch bei den Hausaufgaben waren, gelang mir das recht schnell.
Wenn er vorlas oder dozierte, schritt der Kaplan meistens durch den Raum und zwischen unseren Tischen entlang. Vermutlich, weil er vom Pult aus gar nicht alle Schüler sehen konnte. Im Anschluss an die Hausaufgabenbesprechung ging er dieser Gewohnheit nach und trug dabei ein altertümliches Gedicht vor. Frank stützte seinen Kopf verzückt lächelnd auf die Hände. Da ich Lyrik nicht so spannend fand, lauschte ich nur der Stimme mit geschlossenen Augen. Ich liebte ihren beruhigenden Klang. Eine perfekte Vorlesestimme. In meinem Geist tauchte das Bild unserer Hütte auf. Im Ofen brannte ein knisterndes Feuer, das Dach knarrte vom Wind. Ich saß auf dem Sofa, der Geistliche neben mir.
»Oh«, hauchte die Stimme. »Das ist ja viel angenehmer, als ich gedacht habe.«
Ich riss die Augen auf. »Wie?« Von dem kleinen Tagtraum war mein Mund ganz trocken. Ich schluckte. Hoffentlich hatte ich nicht mit hängendem Kiefer in die Luft gegafft.
»Das gefällt mir. Wirklich.« Kaplan Flory stand hinter unserem Tisch. Es gefalle ihm. In einem Tagtraum neben mir vor einem Ofen zu sitzen?
»Öhm … ja?«, stammelte ich.
Er beugte sich über meine Schulter, um auf die Hausaufgaben zu zeigen. »Es tut mir leid, dass ich Ihren Beitrag vorhin ignoriert habe. Das ist wirklich ausgezeichnet formuliert. Sie …« Mir war die Aufmerksamkeit plötzlich peinlich. Ich streckte die Hand aus, um die Mappe zu schließen. Unsere Finger stießen zusammen. Von der Berührung ausgehend zog ein Kribbeln über meine Haut.
»Ja, genau die Stelle meine ich«, fuhr der Geistliche fort, die unbeholfene Geste falsch interpretierend. Er erzählte weiter. Zaghaft atmete ich gegen das Hämmern in meiner Brust an, versuchte, mich zu beruhigen. Kaplan Flory duftete fruchtig. Himbeeren. Nein, Johannisbeeren? Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf den Geruch. Doch anstatt die genauen Zutaten zu ergründen, tauchten nur Erinnerungen an verschiedene Menschen auf. Ein Mädchen, dass mir einen parfümierten Brief zusteckte. Braune Locken, die im Wind tanzten. Das Badezimmer meines Vaters. Irritiert und enttäuscht öffnete ich die Augen. Kaplan Florys Gesicht war nur wenige Zentimeter von mir entfernt. Selbst in dieser Nähe wirkten seine blonden Augenbrauen fast durchsichtig. Ich hatte irgendwo einmal gelesen, dass man an den Augenbrauen eine echte Blondine erkennen könne.
War er da unten wirklich blond?
Meine Ohren wurden heiß und die Trockenheit war in den Mund zurückgekehrt.
»Öhm«, flüsterte ich heiser.
Seine Haut war glatt und wirkte weich. Er hatte den Bart abrasiert, der letzte Woche noch sein Kinn geziert hatte. Ich leckte meine Lippen. Perfekt für einen Kuss. Für einen ganzen Schwall Küsse, von seinem schlanken Nasenrücken über die zarten Wangen und den Hals hinab.
Die Vorstellung ließ mich zittern. Die Erregung kroch tiefer.
»Sie haben sich ja rasiert«, flüsterte ich ohne jeglichen Zusammenhang das erstbeste, das in meinem Kopf auftauchte. »Sieht jugendlich aus.«
Er starrte mich fassungslos an. »Was? Wieso interessiert Sie mein Bart?«
»Öhm … ja … also, jugendlich«, stotterte ich. »Wie ein Kind … öhm … ja, weil doch. Also Pfarrer Rö… äh.«
Wut kroch langsam auf sein Gesicht. Im Raum wurde gekichert. Ich traute mich nicht, zu schauen, und hielt stattdessen den Blick auf die glattrasierte Haut meines Lehrers geheftet.
Er schnaubte. »Sie beherrschen die deutsche Sprache ja wirklich vorzüglich, Herr Lewenstein. Das hätte ich nach Ihrem Text gar nicht erwartet. Möchten Sie das vielleicht tiefgehender ausführen?« Seine Stimme klang höher.
»Äh.« Die Hitze der Ohren breitete sich auf meinem Gesicht aus. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass mich alle anstarrten. »Ent-öh-entschuldigung«, presste ich mit gesenktem Kopf hervor.
»Seien Sie bitte nachsichtig«, schaltete sich Sebastian ein. »Deutsch ist nicht Daniels Muttersprache.«
»Nein?«, fragte der Kaplan verwundert.
»Nein. Er kommt vom Planeten Öhmja und die sprechen da alle die Dumpfbackensprache.« Zur Bekräftigung seiner Aussage tätschelte er meine Schultern. »Er kann also gar nichts dafür.«
Sie schauten sich mit ernster Mine an. Um uns herum kicherten und lachten die Schüler. Ich suchte den Raum in der Hoffnung ab, dass sich für mich ein Erdloch auftat. Kopfschüttelnd stieg auch der Geistliche in das Lachen ein. »Na, dann belassen wir das heute mal dabei.« Er setzte seinen Weg durch das Klassenzimmer fort. »Wo waren wir stehen geblieben? Ach, ja.«
Sebastian streichelte jetzt meinen Arm. »Was ist mit dir los?« Er klang besorgt.
»Lass die Schwuchtelei« Ich zog den Arm weg. »Planet Öhmja? Dafür sollte ich dir eigentlich ordentlich die Visage vermöbeln.«
»Ey, Arschgeige. Ich habe dir gerade den Arsch gerettet. Plapperst herum wie ein schüchternes Mädchen. So dankst du es mir? Kannst mich mal.« Geräuschvoll rutschte er samt Stuhl so weit wie möglich von mir weg.
Ich seufzte. »Hey, so meinte ich …«
Sebastian formte einen Tierkopf, indem er Mittelfinger und Ringfinger auf den Daumen legte und die anderen beiden Finger abspreizte. »Schnauzefuchs.«
Mein Lehrer hielt mich für einen grenzdebilen Schwachkopf und mein Freund war beleidigt.
Das hatte ich ja sauber verkackt.
»Ist bei Ihnen dahinten alles in Ordnung?«, fragte Kaplan Flory durch den Raum.
»Jaja. Alles gut. Mir steht heute nur nicht mehr der Sinn nach Außerirdischen.« Sebastian nickte abschätzig in meine Richtung. Mit dieser Bemerkung erstarb auch der letzte Rest Libido. Wenigstens konnte ich wieder frei atmen.
»Nun, da wir sowieso bei eher kindlichen Themen sind; ich habe ich da noch etwas für Sie.« Der Geistliche blieb vor dem Pult stehen. »Pfarrer Röwer bat mich, Sie an das diesjährige Lichterfest zu erinnern. Wir würden uns freuen, wenn auch Ihr Jahrgang der alten Tradition folgt, und sich Freiwillige für die Durchführung des Fests melden. Sie können auf mich oder auf jede andere Person im Pastoralbüro zugehen. Sie kennen das ja sicherlich schon?«
Ein bestätigendes Raunen ging durch die Reihen. Das alljährliche Lichterfest war ein sterbenslangweiliger Fackelzug durch die Ortschaft. Die Kinder liebten es, aber wir waren dem Alter entwachsen. Es hatte sich eingebürgert, dass irgendwelche Oberstreber des 13. Jahrgangs dabei halfen. Also nichts für meine Freunde oder mich.
Ich war mir sicher, dass Kaplan Flory schon irgendeinen Trottel für diese Aufgabe finden würde.

***

Weder beim Mittagessen noch am frühen Abend war Sebastian bereit, mir zuzuhören. Jeden Versuch quittierte er mit dem Schweigefuchs, sehr zur Erheiterung der anderen. Wenigstens bei ihm wollte ich mich entschuldigen. Frank war nach draußen verschwunden, um mit seiner Lilly zu telefonieren. Fabian hielt einen Monolog über die katastrophalen Arbeitsbedingungen bei irgendeiner Firma. Seit er mit seiner Freundin Yvonne zusammen war, mutierte er zu einem veganen Hippie, der gegen das Establishment, den Kapitalismus und das Fehlen von ethischen Grundsätzen wetterte. Sie hatten sich auf einer Demonstration vor einem dieser riesigen Bürogebäude kennen gelernt. Bis heute wusste sie nicht, dass er da eigentlich nur hatte seinen Vater besuchen wollen. Mark hörte dem Monolog tatsächlich nickend zu. Ich selbst hatte das Interesse nach wenigen Sekunden und den Faden einige Sätze später verloren. Aber weil das Kaminzimmer gut besucht und jede Sitzgruppe mit schwatzenden Mitschülern besetzt war, könnte ich nur in meinem eigenen Zimmer dem Vortrag entgehen.
»Hey«, flüsterte ich zu Sebastian, der lesend neben mir saß. Wie erwartet hob er die Hand. In den letzten Jahren war es immer mal vorgekommen, dass sich zwei oder drei von uns verkracht hatten. Und jedes Mal hatte man sich vertragen. Ich vermutete, dass sein Ärger bald verrauchen würde.
»Eins verstehe ich nicht«, warf Mark in eine der Pausen ein, in denen Fabian Luft holte. »Wenn es dich so sehr stört, warum änderst du es dann nicht?«
»Was? Ich? Wieso ich? Wie sollte ich denn da was machen können?« Der Einwand hatte ihn sichtlich irritiert.
»Du willst mich doch verarschen?«
Ich hob meine Hand. »Öhm.« Sebastian zeigte mir einen Schweigefuchs, ohne aufzusehen.
»Jaja, ich habe nicht mit dir gesprochen, Mister Schnauzefuchs. Beruhig dich. Mark, was meinst du?«
»Die fragliche Firma wurde vor knapp zwei Jahren von einem internationalen Konglomerat aufgekauft. Und im Sommer wurde die Mehrheit der Aktien an einen jungen Mann weiter gegeben. Wartet.« Er zog sein Telefon aus der Tasche und tippte darauf herum. »Ja, hier steht es. Den Typen kennt ihr vermutlich nicht. Ein Fabian Ludwig.«
Fabian starrte ihn mit geöffnetem Mund an.
»Woher weißt du so etwas?«, fragte ich.
»Ich lese den Wirtschaftsteil, seit ich mit euch Kapitalistengören abhänge. Solltet ihr auch mal tun.«
»Und warum weißt du nicht, dass es deine Firma ist, Fabian?«
»Verdammt.« Fabian rieb sich das Gesicht. »Ich hatte meinem Vater nicht zugehört. Bin für den Krempel nur der Inhaber, um das Tagesgeschäft kümmern sich andere. Irgendwas wegen Steuern.« Er sprang auf. »Ich muss mal telefonieren.«
Mark schaute ihm grinsend hinterher. »Was Yvonne wohl davon hält? Ist ihr eigentlich bewusst, dass sie mit dem Feind ins Bett springt? Die Autonome und der Bonzensohn. Könnte ein ZDF-Zweiteiler werden.«
Ich nickte zustimmend.
»Sie weiß es nicht«, brummte Sebastian über sein Buch.
»Das ist aber unfair. Sie sollte schon wissen, wen sie da datet. Na, wir sehen sie ja an Silvester. Vielleicht könnte man darüber reden.«
»Untersteht euch. Wenn es jemand Yvonne sagt, dann Fabian. Keiner von euch Armleuchtern wird ihr das erzählen.« Er blätterte um. »Und nun will ich lesen.«
»Also sind wir zu zweit.« Mark tätschelte meine Hand. »Lass uns etwas Schönes machen. Ohne Frauen, denen man immer alles recht machen will. Die Liebe macht mich fertig. Ein Freund nach dem anderen fällt an sie.« Er nickte in Richtung Sebastian. »Selbst unser Pferdenarr hat sich verliebt. Du bleibst mir treu, oder?«
»Klar.«
Liebe. Wie fühlte sich das eigentlich an? Als mich Kaplan Flory im Unterricht berührt hatte, hatte ich dieses Kribbeln gespürt. Es war auf eine unbekannte Art zeitgleich angenehm und unangenehm gewesen. Geilheit, doch auch mehr.
War das diese Liebe, von der alle so altklug sprachen?
Hatte ich jemals zuvor so empfunden?
»Aber …«
Obwohl ich Mark gerade Treue zugesagt hatte, wollte ich auch diese neuartigen Empfindungen ergründen.
»Was?« Er hob eine Augenbraue. »Was aber, Daniel?«
»Aber, falls ich – rein hypothetisch – etwas mehr über Liebe erfa…«
»Oh nein!« Mark warf die Arme in die Luft. »Nicht du auch noch!«
Ich hob beschwichtigend die Hände. »Hey, ganz ruhig. Mir kam vorhin nur eine Frage dazu.«
Er zog kopfschüttelnd eine Schnute. »Dann frag halt Frank. Der liest doch ständig diese furchtbaren Elegien.«
»Gute Idee«. Ich stand auf.
»Jetzt?«
»Ja, ich komme doch gleich wieder.«
Mark verschränkte die Arme vor der Brust. »Hoffentlich.«

***

Draußen blies ein eiskalter Wind über den Innenhof. Während Telefonaten mit Lilly liebte Frank es, vom Burgtor auf den See zu schauen. Zitternd verbarg ich meine Hände in den Taschen des Mantels und stapfte in Richtung seines Lieblingsplatzes. Auf den steinernen Stufen wurden mir Fetzen des Gesprächs zugetragen.
»… legst zuerst auf.« Er kicherte.
Der Wehrgang und die Zinnen waren überdacht, sodass es dort oben selbst im Winter auszuhalten war. Ich bog in die kleine Nische, in der sich Frank normalerweise versteckte, und stieß mit ihm zusammen.
»Hey, du Riesen… Daniel?«
»Sorry.«
»Was willst du denn hier?«
Ich nickte zur Nische. »Hab ne Frage.«
Er folgte zur Mauer. Vom Wind war hier nichts zu spüren. Ich blies mir in die Hände und ließ meinen Blick über die Landschaft gleiten. Der Schnee der letzten Tage hatte das Gelände eingehüllt. Mittig klaffte das schwarze Loch des Sees, dessen Wasser nur an den Rändern von einer dünnen Eisschicht bedeckt war. Blieb es so kalt, war er Silvester komplett zugefroren. Im neuen Jahr hätten wir so die Möglichkeit, ein letztes Mal über das Eis zu schlittern. Der Mond kam hinter einer Wolke zum Vorschein. Seine Sichel glänzte im See auf. Ich seufzte. Es war so ein friedlicher Anblick. Zwar zogen wir Frank gerne mit seiner romantischen Ader auf, doch insgeheim liebten wir alle den Blick auf den See.
»Kalt geworden, der See friert schon«, murmelte ich.
»Ja, das war abzusehen. Ist im Winter ja meistens kalt.« Er rieb seine Hände aneinander und steckte sie unter die Achseln. »Aber … Daniel, mir wird es langsam zu kalt. Was wolltest du fragen? Wollen wir nicht lieber drinnen reden?«
»Mir ist da was passiert … Oder vielleicht. So genau weiß ich das noch gar nicht. Ist wegen jemand anderem.«
»Scheiße«, keuchte Frank. »Du hast Eine geschwängert? Daniel, deine Eltern werden dich enterben …«
»Was? Nein! Wie kommst du da drauf?« Ich starrte ihn an.
»Na, weil du doch … egal. Was ist dir passiert?«
Mein Blick wanderte wieder zum See. Wenn mir etwas passierte, dann musste es eine ungewollte Schwangerschaft sein. So dachten die Leute. Bei all den Partys und all den fremden Frauen war das durchaus möglich. Ich seufzte gedehnt. »Das ist es nicht. Es geht aber um eine … öhm … Frank, woran erkennt man, dass man verliebt ist?«
Seine Hand drückte meine Schulter. »Vielfach wirken die Pfeile des Amors, denn einige ritzen, und vom schleichenden Gift kranket auf Jahre das Herz; aber mächtig befiedert, mit frisch geschliffener Schärfe,
dringen die andern ins Mark, zünden auf einmal uns an.«
Ich nickte. »Ja, das hätte ich jetzt auch gesagt. Fontane?«
»Fast, Goethe … Daniel, es dringt tief in dich ein. Du weißt doch, was sie sagen? Alle Lieder ergeben einen Sinn, das tun sie. Es schmerzt und ist wundervoll zu gleich. Und wenn deine Liebste bei dir ist, erkennst du die wahre Schönheit der Welt.«
Er starrte nun ebenfalls über das Gelände, seine Mine seltsam verklärt.
Ich schüttelte den Kopf. »Du klingst wie ein Glückskeks.«
»Mag sein. Wer ist es denn?«
»Hey! Ich habe nicht gesagt, dass ich verliebt bin. Ich wollte das nur mal so allgemein wissen.«
»Na klar.« Frank klopfte mir auf den Rücken. »Deshalb trabst du durch den Schnee zu mir. Weil du nur mal allgemein fragen wolltest. Wenn du meinen Rat willst, geh zu ihr und erzähle ihr von deinen Gefühlen.«
Meine Finger umklammerten die Zinnen. »Das kann ich nicht.«
»Jedes Neue, auch das Glück, erschreckt.«
»Hmm. Schiller?«
Er gab mir einen Wink mit dem Zeigefinger. »Gut geraten. Du musst keine Angst haben. Die Frauen gucken dir hinterher. Warum solltest du dich genau in die Eine verlieben, die nicht von dir begeistert ist?«
Ich hob die Schultern. Er tätschelte erneut meinen Rücken. »Ich gehe nun aber rein. Wenn du dich weiter unterhalten willst, weißt du, wo du mich findest.«
Nickend betrachtete ich wieder den See. Franks Worte waren wie immer schwer verständlich gewesen. Vermutlich lernte er heimlich Gedichte auswendig, nur, um uns damit verwirren zu können. Doch heute hatten sie tatsächlich einen Sinn für mich ergeben. Ich seufzte. Also war das wirklich Liebe. Und diese sollte ich einfach gestehen.
»Kaplan Flory, ich muss etwas beichten«, hörte ich mich in Gedanken sagen. »Immer, wenn Sie einen Raum betreten, pocht mein Herz so laut und ich will sie mit Küssen überschütten. Fühlen Sie genauso?« Danach würde er sicherlich ein Angebot der Unterrichtsbefreiung zu einem Unterrichtsausschluss umwandeln. Ein Geständnis wäre nicht drin. Doch zumindest etwas mehr Zeit müsste ich mit ihm verbringen können. Er war ein Lehrer, mit denen hatten wir ständig zu tun.
»Sag mal, hast du eine Idee wie …« Verwundert blickte ich mich um. Frank war nach drinnen gegangen. Mit der Frage blieb ich allein.
In Gedanken wägte ich die Optionen ab. Nachsitzen – darin war ich unangefochtener Schulmeister. Mit meinen angesammelten Nachsitzstunden konnte ein weiterer Schüler Abitur machen. Einige Lehrer hielten sich Oberstreber als Assistenten. Doch selbst wenn ich Kaplan Flory dazu überreden könnte, Sebastian und Fabian würden mich dafür verprügeln. Verdient, wie ich meinte. Aber mit den Feiertagen vor der Tür ließ sich sicherlich etwas finden. Weihnachtsbäume schmücken, Dekoration aufhängen, Festessen vorbereiten oder … Ich schlug mir mit der flachen Hand an die Stirn.
Feste. Natürlich!
Es musste schnell gehen, bevor mich der Mut verließ. Auf der glatten Treppe rutschten meine Schuhe und ich übersprang die letzten Stufen, um nicht zu stürzen. Hinein in die Schule, durch leere Korridore, hetzte ich meinem Ziel entgegen. Schwer atmend hämmerte ich gegen die Tür.
Sie wurde einen Spalt geöffnet. Eisblaue Augen blinzelten verwirrt. »Was wollen Sie denn um di…«
»He… Ka…«, schnaufte ich wankend. Um nicht umzufallen und etwas Luft zu holen, klammerte ich mich an den Türrahmen. »Ich würde … ihnen gerne … bei dem … Lichterfest helfen. Herr Flory.«

Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 2

Der kleine Kaplan unterrichtete uns zweimal die Woche in katholischer Religion. Er war zwar extrem sexy – und er trug immer diese engen Hosen – aber sein Unterricht dafür extrem langweilig. Das lag vor allem am Fach. Ich hatte mich weder für den Glauben erwärmen können noch einen Gott, der meinesgleichen nicht liebte.
In den Stunden malte ich obszöne Bilder in meine Bibel, bewarf Mitschüler mit Radiergummis oder starrte aus dem Fenster. Die Note konnte meinen Abschluss nicht mehr gefährden, aber zumindest körperlich musste ich anwesend sein. Also boykottierte den Unterricht. Die Kommunikation zwischen Kaplan Flory und mir beschränkte sich deshalb auf »Lewenstein?« – »Hier.«
Anfang Dezember hatte es angefangen zu schneien. Der einzige Vorteil an diesem gottverlassenen Kaff in den Bergen: weiße Weihnachten. Da ich Weihnachten aber auch scheiße fand, was das relativ egal. Ich beobachtete die Flocken, die auf den Wegen liegen blieben. Schnee ist auf Dauer recht langweilig und ich suchte ein interessanteres Objekt. Kaplan Flory schritt im Klassenzimmer auf und ab und dozierte. Ich gähnte und schaute auf seinen Hintern. Er steckte erneut in einer engen Hose, die ihn gut zur Geltung kommen ließ. Ich grinste. In meinen Gedanken trug er gar keine Kleidung. Ich stellte mir vor, dass er unten rum genauso blond war, wie auf seinem Kopf. Nie zuvor hatte ich eine Person mit blonden Schamhaaren gesehen – noch nicht einmal in einem Porno. Gut, da waren sowieso alle rasiert. Ob sich Priester die Scham rasieren durften?
»Und? Haben Sie dazu auch eine Meinung, Herr Lewenstein?«
Verdattert schaute ich auf. Der Kaplan stand mit verschränkten Armen vor mir.
»Tut mir leid, Hochwürden, ich war in Gedanken woanders. Was haben Sie gefragt?«, antwortete ich mit honigsüßer Stimme.
»Und wo waren Sie?«
»Bei der befleckten Empfängnis.«
»Sie meinen wohl Unbefleckte Empfängnis?«
Ich schüttelte energisch den Kopf. »Nein, nein. Ich meinte schon befleckt. Befleckte Empfängnis, ja.«
Meine Mitschüler johlten vor Lachen. Der Geistliche seufzte. »Schauen Sie, es schneit draußen. Vielleicht wollen Sie ja etwas spazieren gehen, um sich abzukühlen?«, fragte er sanft.
»Aber dann verpasse ich doch diesen höchst lehrreichen Unterricht über … öh … das heilige Zeugs.«
Er zog die Bibel unter meinen Händen hervor und blätterte darin. Mit jeder Seite wurden die Falten zwischen seinen Brauen tiefer. Er blickte auf mich herunter und in seinen Augen lag Enttäuschung – es gab mir in diesem Moment keine Genugtuung, dass sie tatsächlich blau waren. »Gehen Sie«, flüsterte er. »Beflecken Sie von mir aus etwas, aber bitte, verlassen Sie meinen Unterricht.«
Ich schaute ihn an. Er konnte mich nicht zwingen zu gehen. Ich schob das Kinn nach vorne und öffnete den Mund zu einer entsprechenden Bemerkung. Der Mann war kaum älter als ich, was sollte er mir schon befehlen? Er blickte wartend zu mir herunter. Der junge Kaplan, frisch von der Uni. Davor ich, der neunzehnjährige Abiturient.
Wir starrten uns an.
Und da fiel mir auf, dass ich ja kaum jünger war als er. Trotzdem hatte ich mich wie ein bockiges Kleinkind verhalten. Es war mir auf einmal peinlich.
Seufzend schüttelte ich den Kopf über mein eigenes Benehmen und kramte die Sachen in den Rucksack. Ohne Kommentar verließ ich den Raum. 

***

Draußen blieb der Schnee zwar liegen, aber es war noch recht warm und die weißen Flocken nass. Unschlüssig wanderte ich über das Gelände des Internats. Von den Parkanlagen rund um das Schloss konnte man die Siedlung sehen und es war ein romantischer Ort und die Mädchen im Dorf liebten ihn. Zu Marks Partys schmuggelten wir sie oft herein. Vor den Weihnachtsferien plante er ebenfalls eine Party und suchte dafür passende weibliche Gäste. Für mich wählte er immer die Schönsten aus, doch die waren mir egal. Ich mochte lieber seine kleine Stupsnase und wie seine langen, dünnen Finger konzentriert Karten mischten. Ich seufzte und schob den Gedanken beiseite. Vor Jahren hatte ich mir verboten, so über Mark zu denken. Ich schielte zum Mädchenflügel herüber. Dorthin durfte ich nicht, gottbewahre, aber den ganzen Tag unter jungen Männern verbringen, das war okay. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, ob ich nicht jemand hätte ins Vertrauen ziehen sollen. Pfarrer Röwer zum Beispiel. Oder Pater Klein, von dem sowieso alle gemunkelt hatten, dass er im Dorf einen Liebsten hatte. Was wohl jetzt aus dieser heimlichen Liaison geworden war?
Ich hielt meinen Blick auf den Schultrakt gerichtet. Die Gedanken an die Mitschülerinnen, die wir meist nur zum Essen sahen, halfen zu entspannen. Nichts vertrieb zielsicherer meine Erregung als der Körper einer Frau. Ich stellte sie mir einfach nackt vor.
Auf dem Baum vor mir zwitscherten einige Meisen und putzen sich gegenseitig das Gefieder. Dämliche Tiere. In irgendeinem Biobuch hatte ich gelesen, dass es unter Vögeln sehr viel Homosexualität gab. Oder war es Pansexualität? Den Viechern ging es auf jeden Fall gut, die durften lieben, wen sie wollten. Ich formte einen Schneeball und warf ihn in die Äste. Die Vögel stoben panisch in alle Richtungen davon. Geschah ihnen recht.
Kaplan Flory, gucken Sie sich diese schwuchteligen Vögel an. Die denken sicherlich nur an befleckte Empfängnis.
Sollten sich doch andere abkühlen!
Mir kam eine Idee. Grinsend lief ich zurück zum Hof, auf dem der Schnee nun liegen blieb. Den Rest der Schulstunde formte ich Schneebälle und stapelte sie hinter einer Mauer auf. Eine Abkühlung konnte vermutlich jeder meiner Mitschüler gebrauchen. Das Läuten verkündete das Ende des Unterrichts und ich duckte mich wartend.
Nach wenigen Minuten schwebte Franks nölige Stimme zu mir herüber. Er unterhielt sich mit den anderen. Sie kamen näher, direkt auf mich zu. Konzentriert lauschte ich dem Gespräch und dem feinen Knirschen des Schnees, bis sie in Reichweite waren. Ich sprang hinter der Mauer hervor und deckte Frank mit einer Salve ein. Er quietschte erschrocken auf, lief dann aber auf mich zu. »Ey, du Arsch!«, rief er und griff nach einer Handvoll Schnee. Mit einer schnellen Bewegung packt er mich und stopfte den Schnee unter meinen Kragen. Die Kälte ließ mich zusammenzucken und ich kicherte.
Franks Kopf wurde von einem Schneeball getroffen und er drehte sich langsam um. Hinter ihm stand Sebastian, die Hand auf dem Mund. »Ups, Friendly Fire.«
Ich warf ihm einen Schneeball entgegen, der weit von ihm zerbarst. Das war das Startzeichen und zwischen uns fünf flogen die Geschosse. Es galt jeder gegen jeden. Wir brauchten gut die Hälfte meiner vorbereiteten Schneebälle in wenigen Augenblicken auf.
»Gentlemen, Gentlemen!«, rief Mark und blieb stehen. Vier Bälle trafen seine Brust fast simultan. Er seufzte. »Dürfte ich um ein Parlé bitten?« Wir schwiegen ihn an. Er nickte. »So sehr ich den fairen Kampf mit euch auch schätze, dürfte ich eure Aufmerksamkeit auf die lohnenderen Ziele lenken?« Er deutete hinter sich. Auf der anderen Seite des Hofs watete der Kaplan, beladen mit einem Stapel Bücher, durch den Schnee. Schwer atmend beobachteten wir den Mann. Meine Wangen glühten von der kurzen Anstrengung. Einen Lehrer einzuseifen versprach einen krönenden Abschluss.
Um uns herum hallten Lachen, Kreischen der anderen Schüler, die ebenfalls durch den ersten Schnee tobten. Gelegentlich durchbrach eine Ermahnung den Lärm. Wir bewaffneten uns mit der restlichen Munition und liefen über den Hof.
Mark räusperte sich laut. »Hochwürden?«
Der Kaplan blieb stehen und drehte sich um.
Ohne zu warten, warfen wir unsere Schneebälle mit aller Wucht auf ihn. Er schrie auf und schützte das Gesicht mit den Händen. Lachend rannten wir weiter.
Ich rutschte auf dem Schnee und hielt mich mit Mühe auf den Beinen. Vor mir liefen Sebastian und Frank vom Hof und jauchzten dabei wie kleine Kinder. Unsicher schaute ich meinen Freunden hinterher. Vorhin erst hatte ich mich für mein kindisches Benehmen geschämt. Und trotzdem hatten wir einen Lehrer eingeseift. Ich verzog das Gesicht. Das mit dem erwachsen sein klappte ja echt gut.
»Ach, verdammt«, flüsterte Kaplan Flory hinter mir. Ich ging neugierig zu ihm zurück. Er sammelte die Bücher vom Boden auf, die er bei unserem Angriff fallen gelassen hatte. Der Schneematsch weichte die Seiten mittlerweile auf.
»Herr Flory, ich …«
»Sie schon wieder?«, unterbrach er mich. Er hob den Zeigefinger und schaute wütend zu mir auf. Seine Jacke war nass und Haare klebten vor seinen Augen. »War das nicht langsam genug für heute? Haben Sie noch irgendetwas vergessen, damit Sie sich heute wieder wie dreizehn fühlen können?«
Wohlige Wärme breitete sich in mir aus. Schnell sammelte ich einige der Bücher auf. »Nein, ich … wollte … ich sollte … also.« Ich hätte ihn gerne in meine Arme geschlossen, weil er wie ein begossener Pudel aussah. Und aus irgendeinem Grund machte ihn das sogar noch attraktiver. Stattdessen hustete ich verlegen. »Also … hmm … mich für vorhin entschuldigen?«
»Ach, so?« Er schaute mich erwartungsvoll an. Mir fiel darauf nichts weiter ein und ich blickte auf den Boden. Der Kaplan seufzte und setzte seinen Weg fort. Da ich noch einige Bücher hielt, lief ich ihm hinterher.
»Sie wollten sich also entschuldigen. Mit einer halben Tonne Schnee?«, fragte er im Gehen.
»Ich, nein. Also …«
»Schon klar, das hat sich so ergeben«, unterbrach er mich. »Der Hof war voll mit Menschen. Sie hätten jeden Lehrer und jeden Mitschülern auswählen können, aber Sie haben sich für mich entschieden. Das kleinste, das schwächste Ziel. Wollten noch einmal nachsetzen? Ich kenne das schon aus meiner eigenen Schulzeit und wissen Sie was? Es ist mir egal. Aber für Sie ist das nicht egal.«
»Was? Wieso für mich?«
Er schaute zu mir hoch. »Weil Sie sich selbst Steine in den Weg legen, wenn Sie sich so verhalten. Ich bin Ihr Lehrer, auch wenn Sie auf mich herabschauen können. Das sehen Sie aber nicht. Sie sehen in mir keinen Lehrer, keine Autoritätsperson.«
»Es tut mir leid wegen der Bücher«, flüsterte ich und hielt ihm die Tür zum Lehrertrakt auf.
»Danke, aber es geht nicht um die Bücher. Es sind nur Bücher, die kann ich ersetzen. Es geht um Sie. Sie werden in Ihrem Leben immer Vorgesetzte haben. Nach der Schule die Dozenten und Professoren an der Uni. Im Berufsleben werden Sie Vorgesetzte haben. Es gibt immer eine Autoritätsperson über Ihnen. Ich muss meinem Pfarrer Rechenschaft ablegen, Herr Schneider der Schulbehörde und Ihren Eltern.«
»Ich verstehe nicht …«
»Ich weiß«, flüsterte der Kaplan. Vor der Tür seines Büros blieb er stehen und schaute sich um. Die Bücher legte er auf dem Stapel in meinen Armen ab, um in seinen Taschen zu kramen. »Es ist so, diese Menschen – Ihre Eltern, Ihre Lehrer, ich – sind älter als Sie, aber es wird der Tag kommen, da sind Vorgesetzte vielleicht jünger als Sie. Oder dümmer, oder seltsamer, das ist unerheblich. Sie müssen lernen, sich Menschen unterzuordnen. Es geht nicht immer nur um Sie und Sie können leider nicht immer bekommen, was Sie wollen. Das sollten Sie schnell lernen.«
Aus seinen Taschen beförderte er Kreide, einen Radiergummi, Streichhölzer und irgendwann einen Schlüssel.
»Aber eine Sache können Sie bekommen, die Sie so dringend wollen.« Er steckte den Schlüssel in das Schloss und schaute zu mir hoch. »Wenn es Sie so belastet, brauchen Sie nicht mehr in meinen Unterricht zu kommen. Ich kenne Ihre Zensuren, der Kurs ist Ihnen vermutlich egal. Ich trage vier Punkte ein und wir müssen uns damit nicht mehr belasten.«
Ich nickte irritiert. Er nahm mir die Bücher ab. »Sie sind ein intelligenter junger Mann, werfen Sie das nicht wegen Albernheiten weg.«
Der Kaplan trat in sein Büro und schloss die Tür hinter sich. Unschlüssig betrachtete ich sie einen Moment. Der Mann hatte mich von diesem langweiligsten aller Unterrichtsfächer freigesprochen. Ich war mir nicht sicher, ob das eine Belohnung oder eine Bestrafung war.

***

In Gedanken ging ich das Gespräch mit dem Kaplan erneut durch und grübelte über die Bedeutung der Unterrichtsbefreiung. Erst, am Ufer, merkte ich, dass mich meine Füße an den See getragen hatten. Der frische Schnee war an einigen Stellen zerwühlt, aber es zeichneten sich deutlich die Fußspuren von vier Menschen ab, die in Richtung des Wäldchens gegangen waren. Ich folgte den Spuren.
Das Gelände der Schule grenzte an einen riesigen See, dessen Ufer Grüppchen von Bäumen schmückten. Und eben das Wäldchen, auf das ich nun ebenfalls zu stapfte. Darin lag versteckt eine verlassene Hütte. Entdeckt hatten wir sie im zweiten Schuljahr bei einem ausgedehnteren Spaziergang durch die Ländereien des Internats. Der Wald lag außerhalb des Schulgeländes und unser Aufenthalt dort war bis zur zehnten Klasse immer ein Verstoß gegen die geltenden Ordnungen. Doch es gab ohnehin nur wenige Punkte der Schulordnung, die wir in den letzten sieben Jahren nicht gebrochen hatten. Mark hatte den eigentlichen Besitzer dieser Hütte schnell ausfindig gemacht und ihn davon überzeugen können, uns das Häuschen zu überlassen. Ich hatte bis heute keine Ahnung, wie er das angestellt hatte, aber so war Mark eben. Er kam mit Menschen einfach gut aus, hatte Beziehungen in alle Richtungen und wann immer wir etwas brauchten, kannte er eine Person, die ihm einen Gefallen schuldete.
Wir hatten die Hütte repariert und für unsere Bedürfnisse angepasst. Zuerst nutzten wir sie für konspirative Treffen oder, um uns vor älteren Schülern zu verstecken. Als wir selbst älter wurden, lagerten wir Bier, um uns heimlich zu betrinken. Wir hatten ebenfalls mit Substanzen experimentiert, die verboten waren, weil sie illegal waren. Und irgendwann hatten wir unsere Freundinnen dorthin gebracht. Aus diesem Grund gab es Nägel an der Tür und ein Hufeisen. Hing es dort, wollte man zu zweit alleine sein.
Zwischen den Bäumen umgab mich Stille, die nur von dem leisen Knirschen des Schnees getrübt wurde. Die eiskalte Luft kitzelte in der Nase. Trotzdem sog ich sie gierig ein. Unter den Duft der harzigen Tannen hatte sich der Geruch eines Holzfeuers gemischt. Die Hütte war also besetzt.
Es würde der letzte Winter hier oben für uns sein. Eine leichte Melancholie legte sich auf meine Brust. Auf der einen Seite sehnte ich den Abschluss und die damit verbundene Freiheit herbei, aber auf der anderen liebte ich die Abgeschiedenheit unseres Internats und würde es schmerzlich vermissen. Ich setzte den Weg fort und nach einigen Schritten tauchte die Holzhütte vor mir auf, die sich zwischen immergrünen Nadelbäumen versteckte. Aus dem Schornstein quoll Rauch, die Tür zierte ein Tannenzweig. Etwa drei Meter entfernt blieb ich erneut stehen und betrachtete das eingeschneite Häuschen. Jetzt im Winter erinnerte mich die Szenerie an diese romantischen Postkarten, die unsere alte Haushälterin zu Weihnachten verschickte.
Die Fußspuren führten zur Tür. Ich folgte ihnen, klopfte den Schnee von meinen Schuhen und trat ein.
Mein Blick fiel zuerst auf Sebastian, der vor unserer beachtlichen Spirituosensammlung eine Whiskey-Flasche betrachtete. In der Mitte des Raumes saß Frank mit freiem Oberkörper auf einem Hocker. Mark hatte eine Hand auf seiner Schulter liegen und zeigte mit der anderen auf seinen Rücken. Fabian schaute nickend zu. Der Holzofen mit der Panoramascheibe für gemütliche Stunden – vor dem Ding wollte bisher jedes Mädchen kuscheln – hatte die Hütte bereits ordentlich aufgewärmt.
»Ich lasse euch fünf Minuten alleine und schon befummelt ihr euch? Was wird das hier?«, rief ich in den Raum und hing meine Jacke auf.
Sebastian hob sein Glas. »Daniel, wir dachten schon, du wärst in Gefangenschaft geraten. Oder gar gefallen!« Er zeigte fragend auf die Flasche. Ich nickte und setzte mich mit einer auffordernden Geste in Richtung Whiskey auf das Sofa.
»Ich zeige Fabian, wie er Yvonne massieren kann«, erklärte Mark und knete eine Muskelpartie. Frank gab ein leises Seufzen von sich.
Mir wurde ein Glas gereicht. Ich nippte. Hatte die kühle Luft nur gekitzelt, so stach der Alkohol in meine Nase. Laut unserem Schnaps-Guru Sebastian sollte das Zeug nach Vanille und Trauben schmecken. Für mich schmeckte es vor allem nach Pinselreiniger und ich hatte nie verstanden, was jemand daran fand. Doch ich wollte vor den anderen nicht wie ein Weichei wirken. Deshalb trank ich fleißig mit und lobte den Geschmack mit auswendig gelernten Phrasen. Wenigstens tat er seine Wirkung und verursachte ein Gefühl von Wärme im Magen.
Ich beobachtete Marks Finger. Vom Öl glänzend strichen sie über die Haut, drückten geübt die Muskeln. Wie gerne hätte ich mit Frank getauscht. Dieser gab nun ein schmerzerfülltes Grunzen von sich.
Ich zeigte auf ihn. »Eh? Dein Opfer sieht aber nicht gerade glücklich aus.«
»Freud’ muss Leid, Leid muss Freude haben«, murmelte Frank.
»Er zitiert ja schon wieder Lessing, ich denke, dass ihm das nicht guttut.«
Sebastian schüttelte den Kopf. »Das war Goethe, du Banause.«
Ich hob die Schultern. »Von mir aus.«
Frank öffnete die Augen. »Es ist ein Traum. Du solltest dich auch mal von Mark durchkneten lassen.«
»Nee, danke. Das wird mir zu schwul.« Ich nippte an dem Glas. Bloß nicht zu intim werden.
»Ach, du schon wieder.« Fabian setzte sich neben mich. »Mark, lass uns das wann anders fortführen. Daniel fürchtet sonst wieder um seine Männlichkeit.«
Der Angesprochene winkte ab und ignorierte die Aufforderung. Für eine Weile saßen wir schweigend da. Ich starrte auf die Wände. Im Ofen knackte das Holz. Zwischen zwei Holzbohlen hatte sich ein Loch gebildet und ich wollte gerade vorschlagen, dass wir es flicken sollten, als Mark mit der Zunge schnalzte. »Also, Daniel, warum bist du zurückgeblieben?«
»Na, weil die Schaukel zu dicht an der Wand stand!«, rief Fabian und lachte grunzend über seinen furchtbaren Scherz.
»Ich hatte noch was mit Kaplan Winzig zu besprechen. Wegen der befleckten Empfängnis.«
Sebastian hob die Augenbrauen. »Ach, das kannst du bei dem doch vergessen. Der hat den Frauen abgeschworen.« Er holte tief Luft, um einen theatralischen Seufzer von sich zu geben. »Man, der ist doch fast noch ein Kind! Keine Haare am Sack, aber schon dem Zölibat nachgehen. Furchtbar, wenn man so drüber nachdenkt.«
Mark nickte. »Der Priestermangel muss ein echtes Problem sein, wenn die jetzt schon Grundschüler weihen. Was sagte er, wie alt er ist? Siebzehn? Sieht eher aus wie sieben.«
Ich kicherte. »Na, wenn man sich so anschaut, wie Priester ihr Leben gestalten, freuen die sich bestimmt über ein paar Jungs in den Seminaren, um …«
»Genug!«, rief Frank und schob Mark von sich. »Wir sind doch alle Katholiken!«
»Also, ich nicht.«
»Doch, Daniel, du auch. Ich stand bei der Firmung neben dir.« Er zog sich wieder an.
»Ja, fein. Auf dem Papier vielleicht. Aber wenn ich hier raus bin, trete ich direkt aus dem Verein aus.«
»Das ist schade«, flüsterte er, während er sich die Krawatte band.
Darauf wusste niemand eine Antwort.
Als Kinder waren wir artig zu den Gottesdiensten und den verschiedenen Pflichten angetreten. Aber umso älter wir wurden, umso langweiliger wurde uns dabei. Irgendwann hatten wir an einem Samstag eine wilde Party gefeiert und am Sonntag nicht aufstehen wollen. Das war das Ende unserer religiösen Zeit gewesen. Bis heute hatte ich gedacht, dass die anderen ebenfalls kein Interesse mehr an der Kirche hatten.
Ich schaute erneut auf das Loch in der Wand, um es zur Sprache zu bringen. Doch eine Reparatur wäre unnötig. Nach uns würde die Hütte nicht mehr genutzt. Warum also damit aufhalten?
Fabian hustete und brach das Schweigen. »Und was ist jetzt dabei rausgekommen?«
»Wobei?«, wollte Sebastian wissen.
»Na, bei dem Gespräch mit dem Kaplan. Daniel.« Er drehte sich zu mir. »Was hast du mit ihm besprochen? Er hat dich ja einfach ziehen lassen.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Was hätte er denn tun sollen? Denken darf ich ja, was ich will. Wir haben das geklärt. Ich muss nicht mehr in seinen Unterricht.«
Mark stieß einen Pfiff aus. »Er hat dich vom Unterricht ausgeschlossen? Eh, wenn du da null Punkte kassierst, kriegst du keinen Abschluss, das weißt du?«
»Ja, schon. Aber er will mir vier Punkte eintragen. Dann muss ich nicht mehr hin und bin trotzdem im Sommer weg.«
»Frechheit!« Sebastian stemmte die Hände in die Hüften. »Du pöbelst rum und wirst belohnt. Ich will auch keinen Religionsunterricht mehr. Hey, vielleicht kriegen wir alle den Deal, nachdem wir ihn vorhin so eingeseift haben.«
»Und was wirst du dann in der Zeit machen?«, fragte Mark.
»Ich weiß nicht. Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, dass das eine Bestrafung ist.«
Er tätschelte meine Schulter. »Natürlich ist das eine Bestrafung. Ist es immer. Stört es dich denn?«
»Ich sehe das so«, warf Frank ein. »Wenn du keine Lust darauf hast, geh nicht hin. Und wenn du den Kaplan ärgern willst, geh hin. Hast ja nichts zu verlieren, oder?«
»Ja, geh weiterhin hin!«, rief Sebastian. »Du kannst uns doch nicht mit dem kleinen Pfaffen alleine lassen. Ohne dich ist es sonst ultralangweilig.«
Um Zeit zu schinden, kontrollierte ich das Feuer und legte ein Scheit nach. Der Unterricht war zwar öde, aber ich hatte ihn bisher ertragen. Und der Lehrer war verdammt sexy. In den Schulstunden hätte ich neunzig Minuten, um ihn zu betrachten.
»Gut.« Ich drehte mich um. »Ich kann euch wirklich nicht mit Kaplan Flory allein lassen. Ihr habt mich überredet. Ich nehme weiter am Unterricht teil.«
Sebastian klatsche in die Hände. »Sauber! Lasst uns feiern!« Er schenkte allen Whiskey ein. Wir stießen an.
Ich würde eine neue Bibel brauchen.

Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 1

Mein Name ist Daniel Lewenstein und ich bin schwul.
Jetzt habe ich es endlich gesagt.
Und eigentlich hätte ich es viel früher sagen sollen.
Doch meine sorgsamen und streng konservativen Eltern hatten mich auf dieses altehrwürdige, noble Internat in den Bergen geschickt. Ein Hort des Wissens für die Kinder wichtiger Menschen, die für ihre Outfits mehr ausgeben, als ihre Mitarbeiter im Jahr verdienen.
Undenkbar, dass ein Homosexueller unter ihnen wandelte.
Diese Schule thronte in einem alten Schloss über einem kleinen, verschlafenen Nest. Und auch wenn im Rest der Bundesrepublik die Kirchen leerer wurden, hier waren die Leute katholischer als der Papst. Außerdem so gläubig, dass immer ein Kaplan an das Internat geschickt wurde, der die Schüler in den Fragen des Glaubens beraten konnte.
Dort lernte ich mit meinen Freunden Mark, Fabian, Sebastian und Frank.
Ich hätte es ihnen so viel eher sagen sollen.
In der sechten Klasse zum Beispiel. Da hatte ich, aus Angst vor meinen wahren Gefühlen, Mark lieber zusammengeschlagen, als mit ihm darüber zu reden. Eine Reaktion, für dich ich mich bis heute schäme. Zum Glück blieben wir dennoch befreundet.
Die Freundschaft hatte man uns sowieso in die Wiege gelegt. Denn die Väter von Mark und Fabian waren wichtige Mandanten und Franks Alter stand einem ultrawichtigen Gericht vor. Meine Eltern hatten uns schon am ersten Tag bekannt gemacht.
In der Achten hätte ich es sagen können. Direkt nach den Sommerferien, in denen Mutter mich knutschend mit dem Poolboy erwischt hatte. Man hatte mir eingeschärft, mit niemanden in der Schule über den Vorfall zu reden.
Noch nicht einmal mit dem Pfarrer.
Also schwieg ich lieber.
Als wohlerzogene Kinder aus gutem Hause hatten meine Freunde und ich unsere freie Zeit mit der Planung grandioser Streiche verbracht.
Über die Jahre hatten wir uns damit einen Namen machen können – waren regelrecht berüchtigt. Wann immer eine Maus in der Küche auftauchte, Reißzwecken auf Stühlen lagen oder Konfetti aus Lüftungsschlitzen wirbelte, rief man nach uns.
Genau so wollten wir unser letztes – dreizehntes – Schuljahr beenden.
Natürlich kam es dann doch etwas anders.

***

Eigentlich wollten wir Legenden werden.
Seit der fünften Klasse waren unsere Streiche ausgefallener und aufwändiger geworden und für das Ende mussten meine vier besten Freunde und ich daher ein Projekt abliefern, das unser Andenken über Jahrzehnte ehren würde.
Am Nachmittag hatte Rektor Schneider irgendeine sinnlose Neuigkeit zu verkünden. Deswegen waren wir herzlich in die Aula eingeladen. ›Herzlich eingeladen‹ bedeutete, dass es eine Pflichtveranstaltung war. Eine gute Gelegenheit also, die Räumlichkeiten nochmal gründlich unter die Lupe zu nehmen.
In der Mittagspause schlich ich deshalb in den Saal. Er war so alt wie das Schloss und entsprechend stilvoll und langweilig. Außer den riesigen Fenstern gab es nichts zu sehen. Ich stand ratlos vor einer der Säulen und starrte zur Decke. Ohne Leitern kämen wir zwar nicht dort hoch. Für das Finale plante ich aber ohnehin, einen Teil des Personals einzuspannen.
Eine Hand drückte fest meine Schulter. »Herr Lewenstein! Ich frage nicht, was Sie hier drin machen. Ich will es auch gar nicht wissen.«
Ich drehte mich langsam um. Mit einer strengen Miene sah Rektor Schneider zu mir auf. Seit der zehnten Klasse war ich größer als die meisten Männer an der Schule. Fast jeder Lehrer sah zu mir auf. Er verschränkte die Arme. Ich lächelte freundlich und hob beschwichtigend die Hände.
»Ah!« Er schüttelte den Kopf. »Ich sagte, dass ich es nicht wissen will. Hören Sie, ich will hier nachher eine ruhige Veranstaltung, die zu diesen ehrwürdigen Hallen passt.« Er tippte aufzählend gegen seine Finger. »Ich will keine lebenden Tiere hier drin haben! Und auch keine toten Tiere! Gar keine Tiere! Es werden keine Türen verschlossen, keine Mitschüler drangsaliert«, drohend hob er den Zeigefinger. »Ich mache Sie persönlich für jede Störung verantwortlich, ist das klar?«
Ich nickte.
»Gut. Dann nutzen Sie den Rest der Pause und entfernen Sie, was auch immer Sie hier versteckt haben. Sollte nachher irgendetwas passieren, werfe ich sie von der Schule. Und es ist mir egal, wie viel Geld Ihre Eltern in das Internat stecken. Es reicht!«
Ohne mich antworten zu lassen, stapfte er davon. Offensichtlich hatte es ihm keine Freude bereitet, dass wir letzte Woche sein Büro verschönert hatten. Dabei war jedes Bildnis eines nackten Clowns von Fabian mühevoll gezeichnet worden. Der junge Mann hatte ein Talent für Details, das Rektor Schneider leider nicht zu schätzen wusste.
Da ich nichts versteckt hatte, verließ ich die Aula. Ein fieser Novembersturm fegte Blätter und Nieselregen über den Innenhof. Zügig eilte ich in unser Kaminzimmer zu den anderen. Streng genommen war es ein schnöder Gemeinschaftsraum, aber Sebastian hatte es wegen eines Bildes an der Wand ›Kaminzimmer‹ getauft. Auf dem Bild war kein Kamin – es zeigte die Skyline von Manhattan vor 2001. Meine Freunde saßen an einem Tisch und spielten Blackjack um Smarties.
»Gib mir die Grünen, die schmecken besser!«, rief Sebastian.
Ich gesellte mich dazu. »Dir ist schon bewusst, dass Smarties alle gleich scheiße schmecken, oder?«, fragte ich sanft.
Die anderen schauten freudig auf.
»Hey Daniel, du bist zurück!«, stellte Frank fest. Er war unser Experte für das Offensichtliche.
»Ja, und ich hatte eine Begegnung der dritten Art mit Rektor Schneider!« Ich stöhnte auf und ließ mich theatralisch auf einem der Stühle nieder. Aus der Bank klaute ich einige Smarties.
»Hey! Du frisst unsere Einsätze? Ich dachte, du magst die nicht?«, empörte sich Mark. Ich zuckte mit den Schultern.
Fabian grinste breit. »Schneider? Der hohe Herr Schulleiter gibt sich mit dem Fußvolk ab? Sag schon, wie hat ihm der Ausflug in die Aktmalerei gefallen?«
»Hmm, er hat nicht darüber gesprochen.« Ich verzog das Gesicht und machte eine abschätzende Geste in seine Richtung. »Ich befürchte, dass du es nicht bis in den Louvre schaffen wirst. Die Aktstudie ›Clowns unverhüllt‹ ist vielleicht etwas zu speziell für ein breites Publikum.«
»Bedauerlich«, stellte er fest und tippte auf seine Karte. Mark teilte ihm eine 10 aus, 23 mit seiner 4 und der 9. Er rollte mit den Augen und schob die Karten von sich.
Durch Zufall hatten wir erfahren, dass sich Direktor Schneider vor Clowns gruselte. Und als streng gläubiger Katholik fürchtete er sich ebenfalls vor nackten Männern – so unsere Vermutung. Da ich den Schulleiter lange nicht mehr so wütend gesehen hatte, behielten wir damit Recht.
»Hört mal, er war ziemlich sauer. Er hat wieder mit dem Rausschmiss gedroht. Und wir sollen nachher schön brav sein. Kommt sicher auch irgendein hohes Tier. Lasst uns uns von unserer besten Seite zeigen.«
Die vier nickten.
Mark schaute auf. »Wir sollten sowieso in den nächsten Wochen etwas kürzer treten.«
»Wieso das denn?«, rief Frank.
»Na, weil doch jeder von uns erwartet, dass wir etwas anstellen. Wenn wir einige Wochen nichts machen, dann wird es sie richtig fertig machen. Und dann kommt unser Finale und sie werden sich ewig daran erinnern!«, schwärmte er mit glänzenden Augen. Wir alle nickten. Da hatte er Recht.
»Warten wir erstmal ab, was Schneider uns nachher erzählt«, warf ich ein.
»Hoffentlich hebt er die Trennung von Mädchen und Jungen auf«, flüsterte Sebastian. Er hatte eine Freundin auf der anderen Seite des Schlosses. Dem Teil, der für uns tabu war.
Wieder nickten alle. Das war ein gutes Stichwort. Mein letztes romantisches Abenteuer mit einer Frau lag einige Zeit zurück. Um den Schein zu wahren, benötigte ich bald eine Neue. Über die Jahre hatte ich mir einen Ruf als Frauenheld erarbeitet. Perfekte Tarnung. Zu Weihnachten wurden die Mädchen immer sentimental und leicht zu erobern. Nach den Gottesdiensten im Dorf waren wir häufig zusammen mit ihnen. Ich notierte mir den Plan im Kopf und beobachtete meine Freunde.
Mark rief eine neue Runde aus und ich stieg mit einer Packung Erdnüsse ein.

***

Vier Stunden später hatten wir uns alle geputzt und gestriegelt in der Aula des Internats eingefunden. In unseren dunkelblauen Anzügen und den gestreiften Krawatten sahen wir bei solchen Anlässen furchtbar seriös aus. Weil wir dabei nach Klassen sortiert aufgereiht wurden, stand vor mir immer Müller aus der Stufe unter uns. Ich hasste den Kerl und wünschte, wenigstens Juckpulver eingepackt zu haben.
Rektor Schneider erzählte an seinem Pult langatmig irgendetwas über die Schule. Es hatte mich vor acht Jahren nicht interessiert und es interessierte mich heute noch weniger. Neben ihm stand irgendein Oberstreber aus den unteren Klassen. Zumindest war der blonde Junge klein. Ich betrachtete die Säulen und die Decke. Mein erster Vorschlag für das große Finale hatte Schleim enthalten. Viel Schleim. Aber das war einfallslos und kindisch. Die Abschlussfeier würde ebenfalls hier stattfinden. Ähnlich langweilig und monoton. Die Monotonie war unser Angriffsziel. Die Party aufpeppen und übernehmen, sie den Erwachsenen entreißen.
Hey, wir waren doch auch Erwachsene! Warum durften wir da nie mitentscheiden?
»… Kaplan Flory noch einige Worte an Sie richten«, endete der Schulleiter seine Rede. Erschrocken richtete ich den Blick nach vorne. Ein Geistlicher war mir entgangen und vermutlich würde das unser neuer Religionslehrer werden. Kaplan Klein war nämlich in den Sommerferien überraschend zu seinem Chef abberufen worden. Der Mann tat jetzt irgendetwas ultra Heiliges im Vatikan. Dem Papst die Nase putzen oder so. Damit war seine ursprüngliche Stelle an der Schule vakant.
Außer Schneider stand vorne aber nur dieser Oberstreber. Seine Bewegung änderte den Lichteinfall auf die Kleidung. Er trug gar keine dunkelblaue Schuluniform, sondern einen schwarzen Anzug. An sein Revers war ein Kreuz gesteckt und ein weißer Kragen steckte im grauen Hemd. Ich rollte mit den Augen. Ein Geistlicher!
Habemus magistrum![1]
Ein winziger Kaplan stellte sich an das Pult, über das er nur knapp sehen konnte. Weil Fabian ›Ludwig‹ mit Nachnamen hieß, stand er neben mir. Er knuffte meine Seite.
»Kleinster Priester der Welt«, flüsterte er kichernd. Ich grinste breit, doch Rektor Schneider starrte mich mit einem finsteren Blick an. Das Grinsen erstarb sofort. Das war der Nachteil daran, fast zwei Meter groß zu sein. Ich konnte zwar alles überblicken, aber den Augen der anderen nicht entgehen. Für den Schulleiter setzte ich eine brave Miene auf und schaute auf den Kaplan.
Eine Strähne seines blonden Haares fiel in sein Gesicht. Nach wenigen Worten strich er sie hinter das Ohr. Sie rutschte erneut und er strich sie wieder fort. Es war ein niedliches Spiel. Ich hatte damit gerechnet, dass er piepsig sprechen würde. Wie ein Chipmunk vielleicht, passend zu seiner Körpergröße. Doch seine Stimme war sanft, warm und wohlklingend. Sie zog mich in ihren Bann, so wie ihr Besitzer. Ich hörte nicht seine Worte, lauschte nur dem Klang und ließ meinen Blick über den Geistlichen wandern. Sein Gesicht war freundlich, entspannt, fast selig. Mein Herz klopfte schneller. Auf die Distanz konnte ich die Farbe seiner wachen Augen nicht erkennen, die seine Zuhörer aufmerksam beobachteten. Ich hoffte, dass sie blau waren, es hätte zu diesen hellen Haaren gepasst.
Ich biss auf meine Lippe. Die Beleuchtung ließ den Mann förmlich strahlen. In meinem Bauch breitete sich wohlige Wärme aus, die langsam nach unten wanderte.
Ein erneuter Knuff in meine Seite unterbrach den Bann und bewahrte mich vor einer peinlichen Situation in der Lendengegend. Scheiße, ich war doch keine dreizehn!
»Alter, an welche Braut denkst du denn?«, flüsterte Fabian neben mir. Irritiert schaute ich zu ihm herab.
»Fehlte nicht mehr viel und du hättest auf den Boden gesabbert«, beantwortete er die Frage in meinem Gesicht.
Ich atmete tief ein. »Kennst du nicht«, raunte ich zurück.
»Kannst du sie mir dann mal vorstellen?«
Ein Räuspern zog meine Aufmerksamkeit zu sich. Rektor Schneider schaute streng zu uns herüber. Er beobachtete unsere Bewegungen und zog die Brauen zusammen.
»Mal sehen.« Ich stellte mich aufrecht und fixierte einen Punkt über dem kleinen Kaplan. Um mich abzulenken, dachte ich an diese Antonia von Marks letzter Party und ihre geistlose Konversation. Wenigstens im Bett hatte sie die Klappe gehalten.
Seufzend blickte ich kurz auf den Redner.
Mit so einem sexy Religionslehrer konnte es ein heiteres Abschlussjahr werden.

[1] Wir haben einen Lehrer.

Erdbeeren zu Weihnachten

Hier findet ihr die aktuelle Leseprobe zu meinem ersten Young Adult Roman mit einer gehörigen Portion Gay-Romance.

Cover Bild von "Erdbeeren zu Weihnachten". Es zeigt einen Bergsee im Winter. Im Hintergrund ist ein verschneites Dorf. Im Vordergrund sind die transparenten Silhouetten von zwei Köpfen, die die Stirn aneinander lgen

Klappentext:
Daniel Lewenstein ist schwul – doch seine Eltern fürchten um ihren guten Ruf und er muss es geheim halten. Während des Schuljahres auf dem katholischen Internat mimt er deshalb den Frauenhelden und selbst seine besten Freunde ahnen nichts. Die fünf jungen Männer vertreiben sich die Zeit lieber mit kuriosen Streichen und Geschichten ihrer Eroberungen. 
Kurz vor dem Abitur kommt mit Kaplan Flory ein neuer Lehrer an die Schule und Daniel verliebt sich schlagartig.
Eine Fügung des Schicksals bringt die beiden näher zusammen und die beiden Männer müssen entscheiden, wie weit sie gehen dürfen und wollen.