Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 5

Unser Gespräch beschäftigte mich bis in die Träume. Wir standen erneut am Seeufer, zu zweit, keine schreienden Kinder. Endlich konnte ich ihn küssen. Doch er reagierte mit Wut und Abscheu, lief von mir fort. In diesen Nächten wachte ich schweißgebadet auf. Im Unterricht ließ sich Kaplan Flory nichts anmerken und mit jedem Tag, der verstrich, zweifelte ich, dass er mit mir geflirtet hatte. Sicherlich nur Einbildung, ein Wunsch eines verknallten Teenagers. 
Ich mied den Geistlichen und verbrachte stattdessen mehr Zeit mit meinen Freunden. Wir planten unser Finale. Insgesamt waren wir damit recht erfolgreich, leider war die aktuelle Idee an der Verfügbarkeit von Antilopen gescheitert. Bis zu den Weihnachtsferien hatten wir keine Lösung gefunden und so ruhte die Planung bis ins nächste Jahr. Frank, Fabian und Sebastian folgten den meisten Schülern und fuhren zu ihren Familien. Meinen Eltern war ich scheißegal, also besuchte ich gewöhnlich Mark, dessen Verwandte mich mochten. Aber er hatte sich mit seinem Alten verkracht und wir blieben im Internat.
Heiligabend saß ich grübelnd im Kaminzimmer. Die Träume waren nicht verschwunden. Unter normalen Umständen hätte ich mit meinen Freunden darüber gesprochen. Doch die durften nicht wissen, dass ich auf ihn stand. Der Kaplan der Schule war auch unser Vertrauenslehrer. 
»Herr Flory, haben Sie mit mir geflirtet?«, hörte ich mich in Gedanken fragen. Die Reaktion war die gleiche wie in meinen Träumen. Ein verächtlicher Blick, eine zugeknallte Tür. 
Mark schlang seine Arme von hinten um mich und drückte seine Stirn in meine Haare. »Du, ich, Party. Heute. Keine Widerrede«, sprach er bestimmend.
»Ja?«
Er rutschte auf den Stuhl neben mir. »Sag, hast du jetzt auch eine feste Freundin, oder bist du noch frei?«
»Ich habe doch die ganze Zeit gesagt, dass ich keine Frau beeindrucken wollte. Ich bin Single. Warum willst du das schon wieder wissen?« 
»Also war die ganze Sache mit dem Lichterfest für den Arsch?«
Ich rollte mit den Augen.
»Wie dem auch sei, wir feiern heute Abend eine Weihnachtsparty. Alles kurzfristig und viel Platz ist nicht, deshalb muss ich die Gäste mit Bedacht auswählen. Was sagst du zu der Dame?« Mark schob mir sein Telefon zu. Es zeigte das Bild einer leicht bekleideten Frau. 
»Heißer Feger«, log ich.
»Und sagt dir auch die zu?«
Ich nickte, ohne das Bild anzusehen. »Du, mir ist gar nicht so nach Besuch. Ich dachte, wir machen uns einen gemütlichen Abend zu zweit.«
»Nur du und ich? Das ist verlockend, aber eigentlich wollte ich dieses Jahr noch etwas Spaß haben. Du doch auch?« 
»Öh, ja, schon.«
»Super, dann lass mich mal machen!«, er sprang auf und wuschelte durch mein Haar. Mit dem Telefon in der Hand verließ er den Raum. Mark kannte jeden im Umkreis – vermutlich sogar in der gesamten Bundesrepublik. Trotz des strengen Alkoholverbots veranstaltete er feuchtfröhliche Partys auf dem Schulgelände, zu denen auch vorwiegend weibliche Gäste von außerhalb kamen. Ich hatte nie verstanden, wie er das vor den Lehrern versteckte, aber es funktionierte. Nach den Worten von Kaplan Flory zu urteilen, waren unsere Lehrkräfte gar nicht so unwissend, wie er immer dachte. Seufzend ließ ich meinen Kopf auf die Tischplatte sinken und starrte auf den grauen Himmel. Es schneite schon wieder. Scheiß weiße Weihnachten, was für ein Segen. Am Abend würde mir also eine angetrunkene Frau ins Ohr säuseln, wie unfassbar romantisch das eingeschneite Schloss war. Ich hätte nach Hause fahren sollen. Dort durfte ich wenigstens Männer treffen. Meine Eltern hatten mir erlaubt, schwul zu sein, solange es niemand in der Schule erfuhr. Ja, sie hatten es mir erlaubt, als wenn das Gegenstand einer Diskussion gewesen wäre. Sie hofften vermutlich, dass es sich verwachsen würde oder so. Ich sprang auf und lief Mark nach. Er stand am Treppenabsatz und telefonierte. 
»Mark!«, rief ich über den Flur. »Ich …«
»Ja?« Er schaute mich mit seinem verschmitzten Grinsen an. 
»Ich bin schwul«, wollte ich ihm entgegen schreien. »Ich will keine Frauen treffen. Heute Abend nicht und generell nie wieder. Ich will Kaplan Flory, nackt auf meinem Bett. Oder dich.« Nichts von dem sprach ich laut aus.
Wegen meines Zögerns hob er erwartungsvoll die Brauen.
Ich holte tief Luft und öffnete den Mund. »Lad doch bitte die Brünette ein, ja?«, sagte ich stattdessen. Er nickte und drehte sich um. Ich biss mir auf die Zunge, die den falschen Satz ausgespuckt hatte. Das wäre einer dieser Momente gewesen. Mark war einer meiner besten Freunde, aber ich war zu feige, ihm die Wahrheit zu sagen.
Erneut musste ich am Abend die Maskerade wahren.

***

Deshalb stand ich einige Stunden später in einem der Kellergewölbe und hielt mich an einem schalen Bier fest. Neben mir erzählten zwei Frauen in meinem Alter von ihren Ausbildungen. Beide flirteten bei jeder Gelegenheit aggressiv mit intensivem Körperkontakt. Von der lauten Musik und den belanglosen Gesprächen schwirrte mir der Kopf. Unter einem Vorwand verdrückte ich mich nach draußen. Es gab einen Notausgang, den die Raucher benutzten.
Ich ließ die Tür zufallen und genoss die plötzliche Stille. Es hatte aufgehört zu schneien, war jetzt aber arschkalt. Der Wind biss durch mein Sakko. Trotzdem blieb ich und atmete tief durch, die Eiskristalle kitzelten in der Nase. Die Wolken gaben fleckenweise den Blick auf die Sterne frei. Ich suchte den Himmel nach den Sternbildern ab, die mir Kaplan Flory gezeigt hatte. Die Kälte ließ mich frösteln und ich gab es auf. Ohne warmen Mantel machte es keinen Spaß. 
Also wieder rein. Die Kellertür hatte aber nur einen Knauf und ich Depp hatte die Tür zufallen lassen, anstatt sie zu verkeilen. Ich war ausgesperrt. Der nächste offene Zugang lag im Hauptgebäude – auf der anderen Seite des Komplexes. Mein Handy lag sicher und warm bei Mark. Ich stöhnte auf, lehnte die Stirn an die Tür und wartete auf einen Raucher.
Doch es kam niemand. Dafür erinnerte mich der Wind freundlich an die arktischen Temperaturen.
Scheiß Öko-Generation, keiner rauchte mehr.
Es blieb nur der lange Weg. Zähneklappernd stapfte ich um das Gebäude.
Der Schnee war zu Haufen unterschiedlichster Höhe aufgeweht und die schmale Mondsichel spendete nur wenig Licht, wenn sie zwischen den Wolken auftauchte. Nach einigen Schritten waren meine Hosenbeine durchnässt. Ich bahnte mir fluchend den Weg. Scheiß weiße Weihnachten. Wie konnte das nur irgendeine Person ernsthaft romantisch finden?
Außer mir war mindestens ein anderer so dämlich gewesen, bei dem Wetter raus zu gehen. In einiger Entfernung stapfte eine Gestalt durch den Schnee. 
Ich versuchte, aufzuschließen, damit ich wenigstens nicht alleine frieren musste. Der Depp lief aber in die falsche Richtung, auf den See zu. Mir war egal, warum er dort hinlief, ich wollte ins Warme zurück.
Aus den Augenwinkeln sah ich den Typen am Ufer langlaufen. Bisher war der See nur an den Rändern mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Trotzdem stapfte er auf das Wasser zu. Ich lief eine Warnung rufend hinter der Gestalt her, doch der Wind trug meine Stimme fort. Zwei weitere Schritte, und er war in dem dunklen Loch verschwunden. Nur das Platschen drang zu mir. Ich rannte schneller und suchte das Eis ab. An einer Stelle deutete ein schwarzer Kreis auf den Unfall. Die Person versuchte verzweifelt, das Ufer zu erreichen. Unter ihren panischen Bewegungen brachen immer mehr Stücke des Eis ab. 
»Ruhig bleiben, ich helfe dir!«
Ich warf mich flach auf den Boden. In einem Film hatten es die Figuren ähnlich getan. Meine Füße fanden Halt ein einem ufernahen Baumstamm. Vorsichtig schob ich mich über den Schnee, die Arme ausgestreckt. Weit hatte es der Pechvogel nicht geschafft, aber es reichte. Unsere Hände trafen sich und wir griffen beherzt zu. Das eiskalte Wasser stach schmerzhaft. Vor Schreck ließ ich los. Doch die Finger der Gestalt hatten sich bereits in den Stoff meines Sakkos gekrallt, sodass sie nicht unterging. Um die Kälte zu ignorieren, konzentrierte ich mich auf die Aufgabe, erneuerte den Griff und zog. Platschen, pfeifen und schnaufen. Der Typ war schwer. 
Als er endlich auf das Ufer rutschte, sank ich keuchend neben ihn. Zähneklappernd lagen wir im Schnee, der Wind trug unseren Atem in Wölkchen davon. Meine Hände und Arme waren mittlerweile taub. 
»Wa…«, begann ich, doch das Sprechen war nahezu unmöglich. Das schwarze Häufchen gab einen kratzigen Laut von sich und drehte den Kopf. Blondes Haar klebte auf dem Gesicht – Kaplan Flory.
»Hochw…«, versuchte ich es erneut und gab auf. Wir mussten hier weg, sofort.
Ich half dem Mann hoch und schob ihn in Richtung des Schlosses. Mechanisch bahnten wir uns den Weg durch den Schnee. Er wurde mit jedem Schritt langsamer. Ich zog an seiner Hand. »Ko… ko… kommen Sie, r… rein.« 
Der Wind hatte meinen Kopf in einen einzigen Eisblock verwandelt. Der Weg war nicht weit, doch unter diesen Bedingungen eine Tortur. Der Geistliche blieb wimmernd stehen. Wir waren nur wenige Meter vom nächsten Eingang entfernt.
»Bi… bi… bitte«, flehte ich ihn an, zog erneut an ihm, aber er bewegte sich nicht. Mit einem leeren Blick starrte er auf dem Schnee. Ich schaute von ihm zum Schloss und zurück. Mir war bewusst, dass die Zeit drängte. Er musste ins Warme. Beherzt griff ich zu und hob ihn in meine Arme. Seine vollgesogene Kleidung war schwer und glitschig. Die ersten Schritte rutschte ich eher, als zu gehen. 
Schnaufend schleppte ich ihn die letzten Meter zum Nebeneingang und durch die Tür. Wie im Traum wankte ich, die eiskalte Beute fest umklammert, durch die Gänge. 
Wir trafen niemanden. 

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