Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 1

Mein Name ist Daniel Lewenstein und ich bin schwul.
Jetzt habe ich es endlich gesagt.
Und eigentlich hätte ich es viel früher sagen sollen.
Doch meine sorgsamen und streng konservativen Eltern hatten mich auf dieses altehrwürdige, noble Internat in den Bergen geschickt. Ein Hort des Wissens für die Kinder wichtiger Menschen, die für ihre Outfits mehr ausgeben, als ihre Mitarbeiter im Jahr verdienen.
Undenkbar, dass ein Homosexueller unter ihnen wandelte.
Diese Schule thronte in einem alten Schloss über einem kleinen, verschlafenen Nest. Und auch wenn im Rest der Bundesrepublik die Kirchen leerer wurden, hier waren die Leute katholischer als der Papst. Außerdem so gläubig, dass immer ein Kaplan an das Internat geschickt wurde, der die Schüler in den Fragen des Glaubens beraten konnte.
Dort lernte ich mit meinen Freunden Mark, Fabian, Sebastian und Frank.
Ich hätte es ihnen so viel eher sagen sollen.
In der sechten Klasse zum Beispiel. Da hatte ich, aus Angst vor meinen wahren Gefühlen, Mark lieber zusammengeschlagen, als mit ihm darüber zu reden. Eine Reaktion, für dich ich mich bis heute schäme. Zum Glück blieben wir dennoch befreundet.
Die Freundschaft hatte man uns sowieso in die Wiege gelegt. Denn die Väter von Mark und Fabian waren wichtige Mandanten und Franks Alter stand einem ultrawichtigen Gericht vor. Meine Eltern hatten uns schon am ersten Tag bekannt gemacht.
In der Achten hätte ich es sagen können. Direkt nach den Sommerferien, in denen Mutter mich knutschend mit dem Poolboy erwischt hatte. Man hatte mir eingeschärft, mit niemanden in der Schule über den Vorfall zu reden.
Noch nicht einmal mit dem Pfarrer.
Also schwieg ich lieber.
Als wohlerzogene Kinder aus gutem Hause hatten meine Freunde und ich unsere freie Zeit mit der Planung grandioser Streiche verbracht.
Über die Jahre hatten wir uns damit einen Namen machen können – waren regelrecht berüchtigt. Wann immer eine Maus in der Küche auftauchte, Reißzwecken auf Stühlen lagen oder Konfetti aus Lüftungsschlitzen wirbelte, rief man nach uns.
Genau so wollten wir unser letztes – dreizehntes – Schuljahr beenden.
Natürlich kam es dann doch etwas anders.

***

Eigentlich wollten wir Legenden werden.
Seit der fünften Klasse waren unsere Streiche ausgefallener und aufwändiger geworden und für das Ende mussten meine vier besten Freunde und ich daher ein Projekt abliefern, das unser Andenken über Jahrzehnte ehren würde.
Am Nachmittag hatte Rektor Schneider irgendeine sinnlose Neuigkeit zu verkünden. Deswegen waren wir herzlich in die Aula eingeladen. ›Herzlich eingeladen‹ bedeutete, dass es eine Pflichtveranstaltung war. Eine gute Gelegenheit also, die Räumlichkeiten nochmal gründlich unter die Lupe zu nehmen.
In der Mittagspause schlich ich deshalb in den Saal. Er war so alt wie das Schloss und entsprechend stilvoll und langweilig. Außer den riesigen Fenstern gab es nichts zu sehen. Ich stand ratlos vor einer der Säulen und starrte zur Decke. Ohne Leitern kämen wir zwar nicht dort hoch. Für das Finale plante ich aber ohnehin, einen Teil des Personals einzuspannen.
Eine Hand drückte fest meine Schulter. »Herr Lewenstein! Ich frage nicht, was Sie hier drin machen. Ich will es auch gar nicht wissen.«
Ich drehte mich langsam um. Mit einer strengen Miene sah Rektor Schneider zu mir auf. Seit der zehnten Klasse war ich größer als die meisten Männer an der Schule. Fast jeder Lehrer sah zu mir auf. Er verschränkte die Arme. Ich lächelte freundlich und hob beschwichtigend die Hände.
»Ah!« Er schüttelte den Kopf. »Ich sagte, dass ich es nicht wissen will. Hören Sie, ich will hier nachher eine ruhige Veranstaltung, die zu diesen ehrwürdigen Hallen passt.« Er tippte aufzählend gegen seine Finger. »Ich will keine lebenden Tiere hier drin haben! Und auch keine toten Tiere! Gar keine Tiere! Es werden keine Türen verschlossen, keine Mitschüler drangsaliert«, drohend hob er den Zeigefinger. »Ich mache Sie persönlich für jede Störung verantwortlich, ist das klar?«
Ich nickte.
»Gut. Dann nutzen Sie den Rest der Pause und entfernen Sie, was auch immer Sie hier versteckt haben. Sollte nachher irgendetwas passieren, werfe ich sie von der Schule. Und es ist mir egal, wie viel Geld Ihre Eltern in das Internat stecken. Es reicht!«
Ohne mich antworten zu lassen, stapfte er davon. Offensichtlich hatte es ihm keine Freude bereitet, dass wir letzte Woche sein Büro verschönert hatten. Dabei war jedes Bildnis eines nackten Clowns von Fabian mühevoll gezeichnet worden. Der junge Mann hatte ein Talent für Details, das Rektor Schneider leider nicht zu schätzen wusste.
Da ich nichts versteckt hatte, verließ ich die Aula. Ein fieser Novembersturm fegte Blätter und Nieselregen über den Innenhof. Zügig eilte ich in unser Kaminzimmer zu den anderen. Streng genommen war es ein schnöder Gemeinschaftsraum, aber Sebastian hatte es wegen eines Bildes an der Wand ›Kaminzimmer‹ getauft. Auf dem Bild war kein Kamin – es zeigte die Skyline von Manhattan vor 2001. Meine Freunde saßen an einem Tisch und spielten Blackjack um Smarties.
»Gib mir die Grünen, die schmecken besser!«, rief Sebastian.
Ich gesellte mich dazu. »Dir ist schon bewusst, dass Smarties alle gleich scheiße schmecken, oder?«, fragte ich sanft.
Die anderen schauten freudig auf.
»Hey Daniel, du bist zurück!«, stellte Frank fest. Er war unser Experte für das Offensichtliche.
»Ja, und ich hatte eine Begegnung der dritten Art mit Rektor Schneider!« Ich stöhnte auf und ließ mich theatralisch auf einem der Stühle nieder. Aus der Bank klaute ich einige Smarties.
»Hey! Du frisst unsere Einsätze? Ich dachte, du magst die nicht?«, empörte sich Mark. Ich zuckte mit den Schultern.
Fabian grinste breit. »Schneider? Der hohe Herr Schulleiter gibt sich mit dem Fußvolk ab? Sag schon, wie hat ihm der Ausflug in die Aktmalerei gefallen?«
»Hmm, er hat nicht darüber gesprochen.« Ich verzog das Gesicht und machte eine abschätzende Geste in seine Richtung. »Ich befürchte, dass du es nicht bis in den Louvre schaffen wirst. Die Aktstudie ›Clowns unverhüllt‹ ist vielleicht etwas zu speziell für ein breites Publikum.«
»Bedauerlich«, stellte er fest und tippte auf seine Karte. Mark teilte ihm eine 10 aus, 23 mit seiner 4 und der 9. Er rollte mit den Augen und schob die Karten von sich.
Durch Zufall hatten wir erfahren, dass sich Direktor Schneider vor Clowns gruselte. Und als streng gläubiger Katholik fürchtete er sich ebenfalls vor nackten Männern – so unsere Vermutung. Da ich den Schulleiter lange nicht mehr so wütend gesehen hatte, behielten wir damit Recht.
»Hört mal, er war ziemlich sauer. Er hat wieder mit dem Rausschmiss gedroht. Und wir sollen nachher schön brav sein. Kommt sicher auch irgendein hohes Tier. Lasst uns uns von unserer besten Seite zeigen.«
Die vier nickten.
Mark schaute auf. »Wir sollten sowieso in den nächsten Wochen etwas kürzer treten.«
»Wieso das denn?«, rief Frank.
»Na, weil doch jeder von uns erwartet, dass wir etwas anstellen. Wenn wir einige Wochen nichts machen, dann wird es sie richtig fertig machen. Und dann kommt unser Finale und sie werden sich ewig daran erinnern!«, schwärmte er mit glänzenden Augen. Wir alle nickten. Da hatte er Recht.
»Warten wir erstmal ab, was Schneider uns nachher erzählt«, warf ich ein.
»Hoffentlich hebt er die Trennung von Mädchen und Jungen auf«, flüsterte Sebastian. Er hatte eine Freundin auf der anderen Seite des Schlosses. Dem Teil, der für uns tabu war.
Wieder nickten alle. Das war ein gutes Stichwort. Mein letztes romantisches Abenteuer mit einer Frau lag einige Zeit zurück. Um den Schein zu wahren, benötigte ich bald eine Neue. Über die Jahre hatte ich mir einen Ruf als Frauenheld erarbeitet. Perfekte Tarnung. Zu Weihnachten wurden die Mädchen immer sentimental und leicht zu erobern. Nach den Gottesdiensten im Dorf waren wir häufig zusammen mit ihnen. Ich notierte mir den Plan im Kopf und beobachtete meine Freunde.
Mark rief eine neue Runde aus und ich stieg mit einer Packung Erdnüsse ein.

***

Vier Stunden später hatten wir uns alle geputzt und gestriegelt in der Aula des Internats eingefunden. In unseren dunkelblauen Anzügen und den gestreiften Krawatten sahen wir bei solchen Anlässen furchtbar seriös aus. Weil wir dabei nach Klassen sortiert aufgereiht wurden, stand vor mir immer Müller aus der Stufe unter uns. Ich hasste den Kerl und wünschte, wenigstens Juckpulver eingepackt zu haben.
Rektor Schneider erzählte an seinem Pult langatmig irgendetwas über die Schule. Es hatte mich vor acht Jahren nicht interessiert und es interessierte mich heute noch weniger. Neben ihm stand irgendein Oberstreber aus den unteren Klassen. Zumindest war der blonde Junge klein. Ich betrachtete die Säulen und die Decke. Mein erster Vorschlag für das große Finale hatte Schleim enthalten. Viel Schleim. Aber das war einfallslos und kindisch. Die Abschlussfeier würde ebenfalls hier stattfinden. Ähnlich langweilig und monoton. Die Monotonie war unser Angriffsziel. Die Party aufpeppen und übernehmen, sie den Erwachsenen entreißen.
Hey, wir waren doch auch Erwachsene! Warum durften wir da nie mitentscheiden?
»… Kaplan Flory noch einige Worte an Sie richten«, endete der Schulleiter seine Rede. Erschrocken richtete ich den Blick nach vorne. Ein Geistlicher war mir entgangen und vermutlich würde das unser neuer Religionslehrer werden. Kaplan Klein war nämlich in den Sommerferien überraschend zu seinem Chef abberufen worden. Der Mann tat jetzt irgendetwas ultra Heiliges im Vatikan. Dem Papst die Nase putzen oder so. Damit war seine ursprüngliche Stelle an der Schule vakant.
Außer Schneider stand vorne aber nur dieser Oberstreber. Seine Bewegung änderte den Lichteinfall auf die Kleidung. Er trug gar keine dunkelblaue Schuluniform, sondern einen schwarzen Anzug. An sein Revers war ein Kreuz gesteckt und ein weißer Kragen steckte im grauen Hemd. Ich rollte mit den Augen. Ein Geistlicher!
Habemus magistrum![1]
Ein winziger Kaplan stellte sich an das Pult, über das er nur knapp sehen konnte. Weil Fabian ›Ludwig‹ mit Nachnamen hieß, stand er neben mir. Er knuffte meine Seite.
»Kleinster Priester der Welt«, flüsterte er kichernd. Ich grinste breit, doch Rektor Schneider starrte mich mit einem finsteren Blick an. Das Grinsen erstarb sofort. Das war der Nachteil daran, fast zwei Meter groß zu sein. Ich konnte zwar alles überblicken, aber den Augen der anderen nicht entgehen. Für den Schulleiter setzte ich eine brave Miene auf und schaute auf den Kaplan.
Eine Strähne seines blonden Haares fiel in sein Gesicht. Nach wenigen Worten strich er sie hinter das Ohr. Sie rutschte erneut und er strich sie wieder fort. Es war ein niedliches Spiel. Ich hatte damit gerechnet, dass er piepsig sprechen würde. Wie ein Chipmunk vielleicht, passend zu seiner Körpergröße. Doch seine Stimme war sanft, warm und wohlklingend. Sie zog mich in ihren Bann, so wie ihr Besitzer. Ich hörte nicht seine Worte, lauschte nur dem Klang und ließ meinen Blick über den Geistlichen wandern. Sein Gesicht war freundlich, entspannt, fast selig. Mein Herz klopfte schneller. Auf die Distanz konnte ich die Farbe seiner wachen Augen nicht erkennen, die seine Zuhörer aufmerksam beobachteten. Ich hoffte, dass sie blau waren, es hätte zu diesen hellen Haaren gepasst.
Ich biss auf meine Lippe. Die Beleuchtung ließ den Mann förmlich strahlen. In meinem Bauch breitete sich wohlige Wärme aus, die langsam nach unten wanderte.
Ein erneuter Knuff in meine Seite unterbrach den Bann und bewahrte mich vor einer peinlichen Situation in der Lendengegend. Scheiße, ich war doch keine dreizehn!
»Alter, an welche Braut denkst du denn?«, flüsterte Fabian neben mir. Irritiert schaute ich zu ihm herab.
»Fehlte nicht mehr viel und du hättest auf den Boden gesabbert«, beantwortete er die Frage in meinem Gesicht.
Ich atmete tief ein. »Kennst du nicht«, raunte ich zurück.
»Kannst du sie mir dann mal vorstellen?«
Ein Räuspern zog meine Aufmerksamkeit zu sich. Rektor Schneider schaute streng zu uns herüber. Er beobachtete unsere Bewegungen und zog die Brauen zusammen.
»Mal sehen.« Ich stellte mich aufrecht und fixierte einen Punkt über dem kleinen Kaplan. Um mich abzulenken, dachte ich an diese Antonia von Marks letzter Party und ihre geistlose Konversation. Wenigstens im Bett hatte sie die Klappe gehalten.
Seufzend blickte ich kurz auf den Redner.
Mit so einem sexy Religionslehrer konnte es ein heiteres Abschlussjahr werden.

[1] Wir haben einen Lehrer.

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