Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 2

Der kleine Kaplan unterrichtete uns zweimal die Woche in katholischer Religion. Er war zwar extrem sexy – und er trug immer diese engen Hosen – aber sein Unterricht dafür extrem langweilig. Das lag vor allem am Fach. Ich hatte mich weder für den Glauben erwärmen können noch einen Gott, der meinesgleichen nicht liebte.
In den Stunden malte ich obszöne Bilder in meine Bibel, bewarf Mitschüler mit Radiergummis oder starrte aus dem Fenster. Die Note konnte meinen Abschluss nicht mehr gefährden, aber zumindest körperlich musste ich anwesend sein. Also boykottierte den Unterricht. Die Kommunikation zwischen Kaplan Flory und mir beschränkte sich deshalb auf »Lewenstein?« – »Hier.«
Anfang Dezember hatte es angefangen zu schneien. Der einzige Vorteil an diesem gottverlassenen Kaff in den Bergen: weiße Weihnachten. Da ich Weihnachten aber auch scheiße fand, was das relativ egal. Ich beobachtete die Flocken, die auf den Wegen liegen blieben. Schnee ist auf Dauer recht langweilig und ich suchte ein interessanteres Objekt. Kaplan Flory schritt im Klassenzimmer auf und ab und dozierte. Ich gähnte und schaute auf seinen Hintern. Er steckte erneut in einer engen Hose, die ihn gut zur Geltung kommen ließ. Ich grinste. In meinen Gedanken trug er gar keine Kleidung. Ich stellte mir vor, dass er unten rum genauso blond war, wie auf seinem Kopf. Nie zuvor hatte ich eine Person mit blonden Schamhaaren gesehen – noch nicht einmal in einem Porno. Gut, da waren sowieso alle rasiert. Ob sich Priester die Scham rasieren durften?
»Und? Haben Sie dazu auch eine Meinung, Herr Lewenstein?«
Verdattert schaute ich auf. Der Kaplan stand mit verschränkten Armen vor mir.
»Tut mir leid, Hochwürden, ich war in Gedanken woanders. Was haben Sie gefragt?«, antwortete ich mit honigsüßer Stimme.
»Und wo waren Sie?«
»Bei der befleckten Empfängnis.«
»Sie meinen wohl Unbefleckte Empfängnis?«
Ich schüttelte energisch den Kopf. »Nein, nein. Ich meinte schon befleckt. Befleckte Empfängnis, ja.«
Meine Mitschüler johlten vor Lachen. Der Geistliche seufzte. »Schauen Sie, es schneit draußen. Vielleicht wollen Sie ja etwas spazieren gehen, um sich abzukühlen?«, fragte er sanft.
»Aber dann verpasse ich doch diesen höchst lehrreichen Unterricht über … öh … das heilige Zeugs.«
Er zog die Bibel unter meinen Händen hervor und blätterte darin. Mit jeder Seite wurden die Falten zwischen seinen Brauen tiefer. Er blickte auf mich herunter und in seinen Augen lag Enttäuschung – es gab mir in diesem Moment keine Genugtuung, dass sie tatsächlich blau waren. »Gehen Sie«, flüsterte er. »Beflecken Sie von mir aus etwas, aber bitte, verlassen Sie meinen Unterricht.«
Ich schaute ihn an. Er konnte mich nicht zwingen zu gehen. Ich schob das Kinn nach vorne und öffnete den Mund zu einer entsprechenden Bemerkung. Der Mann war kaum älter als ich, was sollte er mir schon befehlen? Er blickte wartend zu mir herunter. Der junge Kaplan, frisch von der Uni. Davor ich, der neunzehnjährige Abiturient.
Wir starrten uns an.
Und da fiel mir auf, dass ich ja kaum jünger war als er. Trotzdem hatte ich mich wie ein bockiges Kleinkind verhalten. Es war mir auf einmal peinlich.
Seufzend schüttelte ich den Kopf über mein eigenes Benehmen und kramte die Sachen in den Rucksack. Ohne Kommentar verließ ich den Raum. 

***

Draußen blieb der Schnee zwar liegen, aber es war noch recht warm und die weißen Flocken nass. Unschlüssig wanderte ich über das Gelände des Internats. Von den Parkanlagen rund um das Schloss konnte man die Siedlung sehen und es war ein romantischer Ort und die Mädchen im Dorf liebten ihn. Zu Marks Partys schmuggelten wir sie oft herein. Vor den Weihnachtsferien plante er ebenfalls eine Party und suchte dafür passende weibliche Gäste. Für mich wählte er immer die Schönsten aus, doch die waren mir egal. Ich mochte lieber seine kleine Stupsnase und wie seine langen, dünnen Finger konzentriert Karten mischten. Ich seufzte und schob den Gedanken beiseite. Vor Jahren hatte ich mir verboten, so über Mark zu denken. Ich schielte zum Mädchenflügel herüber. Dorthin durfte ich nicht, gottbewahre, aber den ganzen Tag unter jungen Männern verbringen, das war okay. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, ob ich nicht jemand hätte ins Vertrauen ziehen sollen. Pfarrer Röwer zum Beispiel. Oder Pater Klein, von dem sowieso alle gemunkelt hatten, dass er im Dorf einen Liebsten hatte. Was wohl jetzt aus dieser heimlichen Liaison geworden war?
Ich hielt meinen Blick auf den Schultrakt gerichtet. Die Gedanken an die Mitschülerinnen, die wir meist nur zum Essen sahen, halfen zu entspannen. Nichts vertrieb zielsicherer meine Erregung als der Körper einer Frau. Ich stellte sie mir einfach nackt vor.
Auf dem Baum vor mir zwitscherten einige Meisen und putzen sich gegenseitig das Gefieder. Dämliche Tiere. In irgendeinem Biobuch hatte ich gelesen, dass es unter Vögeln sehr viel Homosexualität gab. Oder war es Pansexualität? Den Viechern ging es auf jeden Fall gut, die durften lieben, wen sie wollten. Ich formte einen Schneeball und warf ihn in die Äste. Die Vögel stoben panisch in alle Richtungen davon. Geschah ihnen recht.
Kaplan Flory, gucken Sie sich diese schwuchteligen Vögel an. Die denken sicherlich nur an befleckte Empfängnis.
Sollten sich doch andere abkühlen!
Mir kam eine Idee. Grinsend lief ich zurück zum Hof, auf dem der Schnee nun liegen blieb. Den Rest der Schulstunde formte ich Schneebälle und stapelte sie hinter einer Mauer auf. Eine Abkühlung konnte vermutlich jeder meiner Mitschüler gebrauchen. Das Läuten verkündete das Ende des Unterrichts und ich duckte mich wartend.
Nach wenigen Minuten schwebte Franks nölige Stimme zu mir herüber. Er unterhielt sich mit den anderen. Sie kamen näher, direkt auf mich zu. Konzentriert lauschte ich dem Gespräch und dem feinen Knirschen des Schnees, bis sie in Reichweite waren. Ich sprang hinter der Mauer hervor und deckte Frank mit einer Salve ein. Er quietschte erschrocken auf, lief dann aber auf mich zu. »Ey, du Arsch!«, rief er und griff nach einer Handvoll Schnee. Mit einer schnellen Bewegung packt er mich und stopfte den Schnee unter meinen Kragen. Die Kälte ließ mich zusammenzucken und ich kicherte.
Franks Kopf wurde von einem Schneeball getroffen und er drehte sich langsam um. Hinter ihm stand Sebastian, die Hand auf dem Mund. »Ups, Friendly Fire.«
Ich warf ihm einen Schneeball entgegen, der weit von ihm zerbarst. Das war das Startzeichen und zwischen uns fünf flogen die Geschosse. Es galt jeder gegen jeden. Wir brauchten gut die Hälfte meiner vorbereiteten Schneebälle in wenigen Augenblicken auf.
»Gentlemen, Gentlemen!«, rief Mark und blieb stehen. Vier Bälle trafen seine Brust fast simultan. Er seufzte. »Dürfte ich um ein Parlé bitten?« Wir schwiegen ihn an. Er nickte. »So sehr ich den fairen Kampf mit euch auch schätze, dürfte ich eure Aufmerksamkeit auf die lohnenderen Ziele lenken?« Er deutete hinter sich. Auf der anderen Seite des Hofs watete der Kaplan, beladen mit einem Stapel Bücher, durch den Schnee. Schwer atmend beobachteten wir den Mann. Meine Wangen glühten von der kurzen Anstrengung. Einen Lehrer einzuseifen versprach einen krönenden Abschluss.
Um uns herum hallten Lachen, Kreischen der anderen Schüler, die ebenfalls durch den ersten Schnee tobten. Gelegentlich durchbrach eine Ermahnung den Lärm. Wir bewaffneten uns mit der restlichen Munition und liefen über den Hof.
Mark räusperte sich laut. »Hochwürden?«
Der Kaplan blieb stehen und drehte sich um.
Ohne zu warten, warfen wir unsere Schneebälle mit aller Wucht auf ihn. Er schrie auf und schützte das Gesicht mit den Händen. Lachend rannten wir weiter.
Ich rutschte auf dem Schnee und hielt mich mit Mühe auf den Beinen. Vor mir liefen Sebastian und Frank vom Hof und jauchzten dabei wie kleine Kinder. Unsicher schaute ich meinen Freunden hinterher. Vorhin erst hatte ich mich für mein kindisches Benehmen geschämt. Und trotzdem hatten wir einen Lehrer eingeseift. Ich verzog das Gesicht. Das mit dem erwachsen sein klappte ja echt gut.
»Ach, verdammt«, flüsterte Kaplan Flory hinter mir. Ich ging neugierig zu ihm zurück. Er sammelte die Bücher vom Boden auf, die er bei unserem Angriff fallen gelassen hatte. Der Schneematsch weichte die Seiten mittlerweile auf.
»Herr Flory, ich …«
»Sie schon wieder?«, unterbrach er mich. Er hob den Zeigefinger und schaute wütend zu mir auf. Seine Jacke war nass und Haare klebten vor seinen Augen. »War das nicht langsam genug für heute? Haben Sie noch irgendetwas vergessen, damit Sie sich heute wieder wie dreizehn fühlen können?«
Wohlige Wärme breitete sich in mir aus. Schnell sammelte ich einige der Bücher auf. »Nein, ich … wollte … ich sollte … also.« Ich hätte ihn gerne in meine Arme geschlossen, weil er wie ein begossener Pudel aussah. Und aus irgendeinem Grund machte ihn das sogar noch attraktiver. Stattdessen hustete ich verlegen. »Also … hmm … mich für vorhin entschuldigen?«
»Ach, so?« Er schaute mich erwartungsvoll an. Mir fiel darauf nichts weiter ein und ich blickte auf den Boden. Der Kaplan seufzte und setzte seinen Weg fort. Da ich noch einige Bücher hielt, lief ich ihm hinterher.
»Sie wollten sich also entschuldigen. Mit einer halben Tonne Schnee?«, fragte er im Gehen.
»Ich, nein. Also …«
»Schon klar, das hat sich so ergeben«, unterbrach er mich. »Der Hof war voll mit Menschen. Sie hätten jeden Lehrer und jeden Mitschülern auswählen können, aber Sie haben sich für mich entschieden. Das kleinste, das schwächste Ziel. Wollten noch einmal nachsetzen? Ich kenne das schon aus meiner eigenen Schulzeit und wissen Sie was? Es ist mir egal. Aber für Sie ist das nicht egal.«
»Was? Wieso für mich?«
Er schaute zu mir hoch. »Weil Sie sich selbst Steine in den Weg legen, wenn Sie sich so verhalten. Ich bin Ihr Lehrer, auch wenn Sie auf mich herabschauen können. Das sehen Sie aber nicht. Sie sehen in mir keinen Lehrer, keine Autoritätsperson.«
»Es tut mir leid wegen der Bücher«, flüsterte ich und hielt ihm die Tür zum Lehrertrakt auf.
»Danke, aber es geht nicht um die Bücher. Es sind nur Bücher, die kann ich ersetzen. Es geht um Sie. Sie werden in Ihrem Leben immer Vorgesetzte haben. Nach der Schule die Dozenten und Professoren an der Uni. Im Berufsleben werden Sie Vorgesetzte haben. Es gibt immer eine Autoritätsperson über Ihnen. Ich muss meinem Pfarrer Rechenschaft ablegen, Herr Schneider der Schulbehörde und Ihren Eltern.«
»Ich verstehe nicht …«
»Ich weiß«, flüsterte der Kaplan. Vor der Tür seines Büros blieb er stehen und schaute sich um. Die Bücher legte er auf dem Stapel in meinen Armen ab, um in seinen Taschen zu kramen. »Es ist so, diese Menschen – Ihre Eltern, Ihre Lehrer, ich – sind älter als Sie, aber es wird der Tag kommen, da sind Vorgesetzte vielleicht jünger als Sie. Oder dümmer, oder seltsamer, das ist unerheblich. Sie müssen lernen, sich Menschen unterzuordnen. Es geht nicht immer nur um Sie und Sie können leider nicht immer bekommen, was Sie wollen. Das sollten Sie schnell lernen.«
Aus seinen Taschen beförderte er Kreide, einen Radiergummi, Streichhölzer und irgendwann einen Schlüssel.
»Aber eine Sache können Sie bekommen, die Sie so dringend wollen.« Er steckte den Schlüssel in das Schloss und schaute zu mir hoch. »Wenn es Sie so belastet, brauchen Sie nicht mehr in meinen Unterricht zu kommen. Ich kenne Ihre Zensuren, der Kurs ist Ihnen vermutlich egal. Ich trage vier Punkte ein und wir müssen uns damit nicht mehr belasten.«
Ich nickte irritiert. Er nahm mir die Bücher ab. »Sie sind ein intelligenter junger Mann, werfen Sie das nicht wegen Albernheiten weg.«
Der Kaplan trat in sein Büro und schloss die Tür hinter sich. Unschlüssig betrachtete ich sie einen Moment. Der Mann hatte mich von diesem langweiligsten aller Unterrichtsfächer freigesprochen. Ich war mir nicht sicher, ob das eine Belohnung oder eine Bestrafung war.

***

In Gedanken ging ich das Gespräch mit dem Kaplan erneut durch und grübelte über die Bedeutung der Unterrichtsbefreiung. Erst, am Ufer, merkte ich, dass mich meine Füße an den See getragen hatten. Der frische Schnee war an einigen Stellen zerwühlt, aber es zeichneten sich deutlich die Fußspuren von vier Menschen ab, die in Richtung des Wäldchens gegangen waren. Ich folgte den Spuren.
Das Gelände der Schule grenzte an einen riesigen See, dessen Ufer Grüppchen von Bäumen schmückten. Und eben das Wäldchen, auf das ich nun ebenfalls zu stapfte. Darin lag versteckt eine verlassene Hütte. Entdeckt hatten wir sie im zweiten Schuljahr bei einem ausgedehnteren Spaziergang durch die Ländereien des Internats. Der Wald lag außerhalb des Schulgeländes und unser Aufenthalt dort war bis zur zehnten Klasse immer ein Verstoß gegen die geltenden Ordnungen. Doch es gab ohnehin nur wenige Punkte der Schulordnung, die wir in den letzten sieben Jahren nicht gebrochen hatten. Mark hatte den eigentlichen Besitzer dieser Hütte schnell ausfindig gemacht und ihn davon überzeugen können, uns das Häuschen zu überlassen. Ich hatte bis heute keine Ahnung, wie er das angestellt hatte, aber so war Mark eben. Er kam mit Menschen einfach gut aus, hatte Beziehungen in alle Richtungen und wann immer wir etwas brauchten, kannte er eine Person, die ihm einen Gefallen schuldete.
Wir hatten die Hütte repariert und für unsere Bedürfnisse angepasst. Zuerst nutzten wir sie für konspirative Treffen oder, um uns vor älteren Schülern zu verstecken. Als wir selbst älter wurden, lagerten wir Bier, um uns heimlich zu betrinken. Wir hatten ebenfalls mit Substanzen experimentiert, die verboten waren, weil sie illegal waren. Und irgendwann hatten wir unsere Freundinnen dorthin gebracht. Aus diesem Grund gab es Nägel an der Tür und ein Hufeisen. Hing es dort, wollte man zu zweit alleine sein.
Zwischen den Bäumen umgab mich Stille, die nur von dem leisen Knirschen des Schnees getrübt wurde. Die eiskalte Luft kitzelte in der Nase. Trotzdem sog ich sie gierig ein. Unter den Duft der harzigen Tannen hatte sich der Geruch eines Holzfeuers gemischt. Die Hütte war also besetzt.
Es würde der letzte Winter hier oben für uns sein. Eine leichte Melancholie legte sich auf meine Brust. Auf der einen Seite sehnte ich den Abschluss und die damit verbundene Freiheit herbei, aber auf der anderen liebte ich die Abgeschiedenheit unseres Internats und würde es schmerzlich vermissen. Ich setzte den Weg fort und nach einigen Schritten tauchte die Holzhütte vor mir auf, die sich zwischen immergrünen Nadelbäumen versteckte. Aus dem Schornstein quoll Rauch, die Tür zierte ein Tannenzweig. Etwa drei Meter entfernt blieb ich erneut stehen und betrachtete das eingeschneite Häuschen. Jetzt im Winter erinnerte mich die Szenerie an diese romantischen Postkarten, die unsere alte Haushälterin zu Weihnachten verschickte.
Die Fußspuren führten zur Tür. Ich folgte ihnen, klopfte den Schnee von meinen Schuhen und trat ein.
Mein Blick fiel zuerst auf Sebastian, der vor unserer beachtlichen Spirituosensammlung eine Whiskey-Flasche betrachtete. In der Mitte des Raumes saß Frank mit freiem Oberkörper auf einem Hocker. Mark hatte eine Hand auf seiner Schulter liegen und zeigte mit der anderen auf seinen Rücken. Fabian schaute nickend zu. Der Holzofen mit der Panoramascheibe für gemütliche Stunden – vor dem Ding wollte bisher jedes Mädchen kuscheln – hatte die Hütte bereits ordentlich aufgewärmt.
»Ich lasse euch fünf Minuten alleine und schon befummelt ihr euch? Was wird das hier?«, rief ich in den Raum und hing meine Jacke auf.
Sebastian hob sein Glas. »Daniel, wir dachten schon, du wärst in Gefangenschaft geraten. Oder gar gefallen!« Er zeigte fragend auf die Flasche. Ich nickte und setzte mich mit einer auffordernden Geste in Richtung Whiskey auf das Sofa.
»Ich zeige Fabian, wie er Yvonne massieren kann«, erklärte Mark und knete eine Muskelpartie. Frank gab ein leises Seufzen von sich.
Mir wurde ein Glas gereicht. Ich nippte. Hatte die kühle Luft nur gekitzelt, so stach der Alkohol in meine Nase. Laut unserem Schnaps-Guru Sebastian sollte das Zeug nach Vanille und Trauben schmecken. Für mich schmeckte es vor allem nach Pinselreiniger und ich hatte nie verstanden, was jemand daran fand. Doch ich wollte vor den anderen nicht wie ein Weichei wirken. Deshalb trank ich fleißig mit und lobte den Geschmack mit auswendig gelernten Phrasen. Wenigstens tat er seine Wirkung und verursachte ein Gefühl von Wärme im Magen.
Ich beobachtete Marks Finger. Vom Öl glänzend strichen sie über die Haut, drückten geübt die Muskeln. Wie gerne hätte ich mit Frank getauscht. Dieser gab nun ein schmerzerfülltes Grunzen von sich.
Ich zeigte auf ihn. »Eh? Dein Opfer sieht aber nicht gerade glücklich aus.«
»Freud’ muss Leid, Leid muss Freude haben«, murmelte Frank.
»Er zitiert ja schon wieder Lessing, ich denke, dass ihm das nicht guttut.«
Sebastian schüttelte den Kopf. »Das war Goethe, du Banause.«
Ich hob die Schultern. »Von mir aus.«
Frank öffnete die Augen. »Es ist ein Traum. Du solltest dich auch mal von Mark durchkneten lassen.«
»Nee, danke. Das wird mir zu schwul.« Ich nippte an dem Glas. Bloß nicht zu intim werden.
»Ach, du schon wieder.« Fabian setzte sich neben mich. »Mark, lass uns das wann anders fortführen. Daniel fürchtet sonst wieder um seine Männlichkeit.«
Der Angesprochene winkte ab und ignorierte die Aufforderung. Für eine Weile saßen wir schweigend da. Ich starrte auf die Wände. Im Ofen knackte das Holz. Zwischen zwei Holzbohlen hatte sich ein Loch gebildet und ich wollte gerade vorschlagen, dass wir es flicken sollten, als Mark mit der Zunge schnalzte. »Also, Daniel, warum bist du zurückgeblieben?«
»Na, weil die Schaukel zu dicht an der Wand stand!«, rief Fabian und lachte grunzend über seinen furchtbaren Scherz.
»Ich hatte noch was mit Kaplan Winzig zu besprechen. Wegen der befleckten Empfängnis.«
Sebastian hob die Augenbrauen. »Ach, das kannst du bei dem doch vergessen. Der hat den Frauen abgeschworen.« Er holte tief Luft, um einen theatralischen Seufzer von sich zu geben. »Man, der ist doch fast noch ein Kind! Keine Haare am Sack, aber schon dem Zölibat nachgehen. Furchtbar, wenn man so drüber nachdenkt.«
Mark nickte. »Der Priestermangel muss ein echtes Problem sein, wenn die jetzt schon Grundschüler weihen. Was sagte er, wie alt er ist? Siebzehn? Sieht eher aus wie sieben.«
Ich kicherte. »Na, wenn man sich so anschaut, wie Priester ihr Leben gestalten, freuen die sich bestimmt über ein paar Jungs in den Seminaren, um …«
»Genug!«, rief Frank und schob Mark von sich. »Wir sind doch alle Katholiken!«
»Also, ich nicht.«
»Doch, Daniel, du auch. Ich stand bei der Firmung neben dir.« Er zog sich wieder an.
»Ja, fein. Auf dem Papier vielleicht. Aber wenn ich hier raus bin, trete ich direkt aus dem Verein aus.«
»Das ist schade«, flüsterte er, während er sich die Krawatte band.
Darauf wusste niemand eine Antwort.
Als Kinder waren wir artig zu den Gottesdiensten und den verschiedenen Pflichten angetreten. Aber umso älter wir wurden, umso langweiliger wurde uns dabei. Irgendwann hatten wir an einem Samstag eine wilde Party gefeiert und am Sonntag nicht aufstehen wollen. Das war das Ende unserer religiösen Zeit gewesen. Bis heute hatte ich gedacht, dass die anderen ebenfalls kein Interesse mehr an der Kirche hatten.
Ich schaute erneut auf das Loch in der Wand, um es zur Sprache zu bringen. Doch eine Reparatur wäre unnötig. Nach uns würde die Hütte nicht mehr genutzt. Warum also damit aufhalten?
Fabian hustete und brach das Schweigen. »Und was ist jetzt dabei rausgekommen?«
»Wobei?«, wollte Sebastian wissen.
»Na, bei dem Gespräch mit dem Kaplan. Daniel.« Er drehte sich zu mir. »Was hast du mit ihm besprochen? Er hat dich ja einfach ziehen lassen.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Was hätte er denn tun sollen? Denken darf ich ja, was ich will. Wir haben das geklärt. Ich muss nicht mehr in seinen Unterricht.«
Mark stieß einen Pfiff aus. »Er hat dich vom Unterricht ausgeschlossen? Eh, wenn du da null Punkte kassierst, kriegst du keinen Abschluss, das weißt du?«
»Ja, schon. Aber er will mir vier Punkte eintragen. Dann muss ich nicht mehr hin und bin trotzdem im Sommer weg.«
»Frechheit!« Sebastian stemmte die Hände in die Hüften. »Du pöbelst rum und wirst belohnt. Ich will auch keinen Religionsunterricht mehr. Hey, vielleicht kriegen wir alle den Deal, nachdem wir ihn vorhin so eingeseift haben.«
»Und was wirst du dann in der Zeit machen?«, fragte Mark.
»Ich weiß nicht. Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, dass das eine Bestrafung ist.«
Er tätschelte meine Schulter. »Natürlich ist das eine Bestrafung. Ist es immer. Stört es dich denn?«
»Ich sehe das so«, warf Frank ein. »Wenn du keine Lust darauf hast, geh nicht hin. Und wenn du den Kaplan ärgern willst, geh hin. Hast ja nichts zu verlieren, oder?«
»Ja, geh weiterhin hin!«, rief Sebastian. »Du kannst uns doch nicht mit dem kleinen Pfaffen alleine lassen. Ohne dich ist es sonst ultralangweilig.«
Um Zeit zu schinden, kontrollierte ich das Feuer und legte ein Scheit nach. Der Unterricht war zwar öde, aber ich hatte ihn bisher ertragen. Und der Lehrer war verdammt sexy. In den Schulstunden hätte ich neunzig Minuten, um ihn zu betrachten.
»Gut.« Ich drehte mich um. »Ich kann euch wirklich nicht mit Kaplan Flory allein lassen. Ihr habt mich überredet. Ich nehme weiter am Unterricht teil.«
Sebastian klatsche in die Hände. »Sauber! Lasst uns feiern!« Er schenkte allen Whiskey ein. Wir stießen an.
Ich würde eine neue Bibel brauchen.

Ein Gedanke zu „Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 2“

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.