Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 3

Zur nächsten Religionsstunde nahm ich meinen gewohnten Platz neben Sebastian ein. Kaplan Flory trat wenige Minuten vor dem Läuten in den Raum, stellte seine Tasche ab und schaute sich um. Sein Blick blieb an mir hängen. Meine Muskeln verkrampften sich. Mir kamen Zweifel, ob es eine gute Idee war, den Lehrer erneut herauszufordern. Er kniff die Augen zusammen, hob kaum merklich die Schultern und widmete sich seinen Unterlagen. Den ersten Test hatte ich bestanden. Er hatte mich nicht ausgeschlossen, sondern mir tatsächlich nur ein Angebot unterbreitet. Erleichtert stieß ich einen Seufzer aus.
»Hattest du etwa Angst vor dem Zwerg?«, flüsterte mein Sitznachbar.
»Natürlich nicht. Hatte aber auch keinen Bock auf eine Diskussion. Du weißt doch, wie Lehrer so sein können.«
Ich legte meine Mappe auf den Tisch und reihte einige Stifte auf. Zum Erstaunen der anderen hatte ich sie gebeten, mir bei den Hausaufgaben und der Unterrichtsvorbereitung zu helfen. Vermutlich erwartete Kaplan Flory nicht, dass ich mich beteiligen würde. Doch es erschien mir richtig, wenn ich mitmachte. Was hätte ich auch sonst im Unterricht tun sollen?
Der Geistliche prüfte die Anwesenheit und tadelte den Vollpfosten Feilhauer, der mal wieder zu spät in das Klassenzimmer huschte.
»Nun, da wir vollzählig sind, würde ich gerne an unserer letzten Stunde anknüpfen.« Er stand auf und schritt um das Pult herum. »Dazu hatte ich Ihnen einige Texte und Fragen mitgegeben. Wer möchte denn seine Gedanken dazu teilen?«
Einige Hände wurden in die Höhe gestreckt. Ich starrte auf die Aufgaben, an denen sich so lange gesessen hatte. Sie waren sicherlich furchtbar formuliert. Aber nun war ich pünktlich im Unterricht und hatte die Hausaufgaben. Was sollte man da schon tun? Ich zuckte für mich selbst die Schultern und hob meine Hand ebenfalls.
Kaplan Flory ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Als er mich sah, schloss er die Augen und atmete schwer aus. »Herr Lewenstein, es ist nicht weiter schlimm, wenn Sie die Hausaufgaben nicht gemacht haben. Stören Sie einfach nicht die anderen, ja?«
»Also eigentlich … öh.« Ich legte meine Hände auf die Tischplatte. »Ich habe die Hausaufgaben schon gemacht.«
Seine Stirn zog sich zu einem Runzeln zusammen, dann hob er eine Augenbraue und starrte mich mit geöffnetem Mund an. Sebastian biss sich in die Faust, um sein dämliches Kichern zu dämpfen.
»Oh«, brachte der Kaplan schließlich hervor. »Das ist sehr … ah … löblich. Lassen Sie uns das doch nachher unter vier Augen besprechen.«
»Wenn Sie wünschen.« Enttäuscht schaute ich auf die Mappe.
Er rief Mark auf, der im Prinzip genau das wiedergab, was er mir schon bei der Vorbereitung erzählt hatte. Neben mir kicherte Sebastian noch immer in seine Faust. Ich hieb meinen Ellenbogen in seine Rippen. Er stöhnte auf, was uns einen finsteren Blick von Kaplan Flory einbrachte. Wir grinsten unschuldig und er wendete sich wieder Mark zu.
»Was gibt es da eigentlich so affig zu kichern, du Sackratte?«, zischte ich zur Seite.
»Scheiße«, fluchte Sebastian leise, während er seine Seite rieb. »Komm doch mal runter. Das Gesicht des Pfaffen war einfach nur witzig. Als ob du gleich vorlesen würdest, dass Jesus drei Schwänze hatte.«
Ich rollte mit den Augen und versuchte, den Faden des Unterrichts zu finden. Da sie noch bei den Hausaufgaben waren, gelang mir das recht schnell.
Wenn er vorlas oder dozierte, schritt der Kaplan meistens durch den Raum und zwischen unseren Tischen entlang. Vermutlich, weil er vom Pult aus gar nicht alle Schüler sehen konnte. Im Anschluss an die Hausaufgabenbesprechung ging er dieser Gewohnheit nach und trug dabei ein altertümliches Gedicht vor. Frank stützte seinen Kopf verzückt lächelnd auf die Hände. Da ich Lyrik nicht so spannend fand, lauschte ich nur der Stimme mit geschlossenen Augen. Ich liebte ihren beruhigenden Klang. Eine perfekte Vorlesestimme. In meinem Geist tauchte das Bild unserer Hütte auf. Im Ofen brannte ein knisterndes Feuer, das Dach knarrte vom Wind. Ich saß auf dem Sofa, der Geistliche neben mir.
»Oh«, hauchte die Stimme. »Das ist ja viel angenehmer, als ich gedacht habe.«
Ich riss die Augen auf. »Wie?« Von dem kleinen Tagtraum war mein Mund ganz trocken. Ich schluckte. Hoffentlich hatte ich nicht mit hängendem Kiefer in die Luft gegafft.
»Das gefällt mir. Wirklich.« Kaplan Flory stand hinter unserem Tisch. Es gefalle ihm. In einem Tagtraum neben mir vor einem Ofen zu sitzen?
»Öhm … ja?«, stammelte ich.
Er beugte sich über meine Schulter, um auf die Hausaufgaben zu zeigen. »Es tut mir leid, dass ich Ihren Beitrag vorhin ignoriert habe. Das ist wirklich ausgezeichnet formuliert. Sie …« Mir war die Aufmerksamkeit plötzlich peinlich. Ich streckte die Hand aus, um die Mappe zu schließen. Unsere Finger stießen zusammen. Von der Berührung ausgehend zog ein Kribbeln über meine Haut.
»Ja, genau die Stelle meine ich«, fuhr der Geistliche fort, die unbeholfene Geste falsch interpretierend. Er erzählte weiter. Zaghaft atmete ich gegen das Hämmern in meiner Brust an, versuchte, mich zu beruhigen. Kaplan Flory duftete fruchtig. Himbeeren. Nein, Johannisbeeren? Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf den Geruch. Doch anstatt die genauen Zutaten zu ergründen, tauchten nur Erinnerungen an verschiedene Menschen auf. Ein Mädchen, dass mir einen parfümierten Brief zusteckte. Braune Locken, die im Wind tanzten. Das Badezimmer meines Vaters. Irritiert und enttäuscht öffnete ich die Augen. Kaplan Florys Gesicht war nur wenige Zentimeter von mir entfernt. Selbst in dieser Nähe wirkten seine blonden Augenbrauen fast durchsichtig. Ich hatte irgendwo einmal gelesen, dass man an den Augenbrauen eine echte Blondine erkennen könne.
War er da unten wirklich blond?
Meine Ohren wurden heiß und die Trockenheit war in den Mund zurückgekehrt.
»Öhm«, flüsterte ich heiser.
Seine Haut war glatt und wirkte weich. Er hatte den Bart abrasiert, der letzte Woche noch sein Kinn geziert hatte. Ich leckte meine Lippen. Perfekt für einen Kuss. Für einen ganzen Schwall Küsse, von seinem schlanken Nasenrücken über die zarten Wangen und den Hals hinab.
Die Vorstellung ließ mich zittern. Die Erregung kroch tiefer.
»Sie haben sich ja rasiert«, flüsterte ich ohne jeglichen Zusammenhang das erstbeste, das in meinem Kopf auftauchte. »Sieht jugendlich aus.«
Er starrte mich fassungslos an. »Was? Wieso interessiert Sie mein Bart?«
»Öhm … ja … also, jugendlich«, stotterte ich. »Wie ein Kind … öhm … ja, weil doch. Also Pfarrer Rö… äh.«
Wut kroch langsam auf sein Gesicht. Im Raum wurde gekichert. Ich traute mich nicht, zu schauen, und hielt stattdessen den Blick auf die glattrasierte Haut meines Lehrers geheftet.
Er schnaubte. »Sie beherrschen die deutsche Sprache ja wirklich vorzüglich, Herr Lewenstein. Das hätte ich nach Ihrem Text gar nicht erwartet. Möchten Sie das vielleicht tiefgehender ausführen?« Seine Stimme klang höher.
»Äh.« Die Hitze der Ohren breitete sich auf meinem Gesicht aus. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass mich alle anstarrten. »Ent-öh-entschuldigung«, presste ich mit gesenktem Kopf hervor.
»Seien Sie bitte nachsichtig«, schaltete sich Sebastian ein. »Deutsch ist nicht Daniels Muttersprache.«
»Nein?«, fragte der Kaplan verwundert.
»Nein. Er kommt vom Planeten Öhmja und die sprechen da alle die Dumpfbackensprache.« Zur Bekräftigung seiner Aussage tätschelte er meine Schultern. »Er kann also gar nichts dafür.«
Sie schauten sich mit ernster Mine an. Um uns herum kicherten und lachten die Schüler. Ich suchte den Raum in der Hoffnung ab, dass sich für mich ein Erdloch auftat. Kopfschüttelnd stieg auch der Geistliche in das Lachen ein. »Na, dann belassen wir das heute mal dabei.« Er setzte seinen Weg durch das Klassenzimmer fort. »Wo waren wir stehen geblieben? Ach, ja.«
Sebastian streichelte jetzt meinen Arm. »Was ist mit dir los?« Er klang besorgt.
»Lass die Schwuchtelei« Ich zog den Arm weg. »Planet Öhmja? Dafür sollte ich dir eigentlich ordentlich die Visage vermöbeln.«
»Ey, Arschgeige. Ich habe dir gerade den Arsch gerettet. Plapperst herum wie ein schüchternes Mädchen. So dankst du es mir? Kannst mich mal.« Geräuschvoll rutschte er samt Stuhl so weit wie möglich von mir weg.
Ich seufzte. »Hey, so meinte ich …«
Sebastian formte einen Tierkopf, indem er Mittelfinger und Ringfinger auf den Daumen legte und die anderen beiden Finger abspreizte. »Schnauzefuchs.«
Mein Lehrer hielt mich für einen grenzdebilen Schwachkopf und mein Freund war beleidigt.
Das hatte ich ja sauber verkackt.
»Ist bei Ihnen dahinten alles in Ordnung?«, fragte Kaplan Flory durch den Raum.
»Jaja. Alles gut. Mir steht heute nur nicht mehr der Sinn nach Außerirdischen.« Sebastian nickte abschätzig in meine Richtung. Mit dieser Bemerkung erstarb auch der letzte Rest Libido. Wenigstens konnte ich wieder frei atmen.
»Nun, da wir sowieso bei eher kindlichen Themen sind; ich habe ich da noch etwas für Sie.« Der Geistliche blieb vor dem Pult stehen. »Pfarrer Röwer bat mich, Sie an das diesjährige Lichterfest zu erinnern. Wir würden uns freuen, wenn auch Ihr Jahrgang der alten Tradition folgt, und sich Freiwillige für die Durchführung des Fests melden. Sie können auf mich oder auf jede andere Person im Pastoralbüro zugehen. Sie kennen das ja sicherlich schon?«
Ein bestätigendes Raunen ging durch die Reihen. Das alljährliche Lichterfest war ein sterbenslangweiliger Fackelzug durch die Ortschaft. Die Kinder liebten es, aber wir waren dem Alter entwachsen. Es hatte sich eingebürgert, dass irgendwelche Oberstreber des 13. Jahrgangs dabei halfen. Also nichts für meine Freunde oder mich.
Ich war mir sicher, dass Kaplan Flory schon irgendeinen Trottel für diese Aufgabe finden würde.

***

Weder beim Mittagessen noch am frühen Abend war Sebastian bereit, mir zuzuhören. Jeden Versuch quittierte er mit dem Schweigefuchs, sehr zur Erheiterung der anderen. Wenigstens bei ihm wollte ich mich entschuldigen. Frank war nach draußen verschwunden, um mit seiner Lilly zu telefonieren. Fabian hielt einen Monolog über die katastrophalen Arbeitsbedingungen bei irgendeiner Firma. Seit er mit seiner Freundin Yvonne zusammen war, mutierte er zu einem veganen Hippie, der gegen das Establishment, den Kapitalismus und das Fehlen von ethischen Grundsätzen wetterte. Sie hatten sich auf einer Demonstration vor einem dieser riesigen Bürogebäude kennen gelernt. Bis heute wusste sie nicht, dass er da eigentlich nur hatte seinen Vater besuchen wollen. Mark hörte dem Monolog tatsächlich nickend zu. Ich selbst hatte das Interesse nach wenigen Sekunden und den Faden einige Sätze später verloren. Aber weil das Kaminzimmer gut besucht und jede Sitzgruppe mit schwatzenden Mitschülern besetzt war, könnte ich nur in meinem eigenen Zimmer dem Vortrag entgehen.
»Hey«, flüsterte ich zu Sebastian, der lesend neben mir saß. Wie erwartet hob er die Hand. In den letzten Jahren war es immer mal vorgekommen, dass sich zwei oder drei von uns verkracht hatten. Und jedes Mal hatte man sich vertragen. Ich vermutete, dass sein Ärger bald verrauchen würde.
»Eins verstehe ich nicht«, warf Mark in eine der Pausen ein, in denen Fabian Luft holte. »Wenn es dich so sehr stört, warum änderst du es dann nicht?«
»Was? Ich? Wieso ich? Wie sollte ich denn da was machen können?« Der Einwand hatte ihn sichtlich irritiert.
»Du willst mich doch verarschen?«
Ich hob meine Hand. »Öhm.« Sebastian zeigte mir einen Schweigefuchs, ohne aufzusehen.
»Jaja, ich habe nicht mit dir gesprochen, Mister Schnauzefuchs. Beruhig dich. Mark, was meinst du?«
»Die fragliche Firma wurde vor knapp zwei Jahren von einem internationalen Konglomerat aufgekauft. Und im Sommer wurde die Mehrheit der Aktien an einen jungen Mann weiter gegeben. Wartet.« Er zog sein Telefon aus der Tasche und tippte darauf herum. »Ja, hier steht es. Den Typen kennt ihr vermutlich nicht. Ein Fabian Ludwig.«
Fabian starrte ihn mit geöffnetem Mund an.
»Woher weißt du so etwas?«, fragte ich.
»Ich lese den Wirtschaftsteil, seit ich mit euch Kapitalistengören abhänge. Solltet ihr auch mal tun.«
»Und warum weißt du nicht, dass es deine Firma ist, Fabian?«
»Verdammt.« Fabian rieb sich das Gesicht. »Ich hatte meinem Vater nicht zugehört. Bin für den Krempel nur der Inhaber, um das Tagesgeschäft kümmern sich andere. Irgendwas wegen Steuern.« Er sprang auf. »Ich muss mal telefonieren.«
Mark schaute ihm grinsend hinterher. »Was Yvonne wohl davon hält? Ist ihr eigentlich bewusst, dass sie mit dem Feind ins Bett springt? Die Autonome und der Bonzensohn. Könnte ein ZDF-Zweiteiler werden.«
Ich nickte zustimmend.
»Sie weiß es nicht«, brummte Sebastian über sein Buch.
»Das ist aber unfair. Sie sollte schon wissen, wen sie da datet. Na, wir sehen sie ja an Silvester. Vielleicht könnte man darüber reden.«
»Untersteht euch. Wenn es jemand Yvonne sagt, dann Fabian. Keiner von euch Armleuchtern wird ihr das erzählen.« Er blätterte um. »Und nun will ich lesen.«
»Also sind wir zu zweit.« Mark tätschelte meine Hand. »Lass uns etwas Schönes machen. Ohne Frauen, denen man immer alles recht machen will. Die Liebe macht mich fertig. Ein Freund nach dem anderen fällt an sie.« Er nickte in Richtung Sebastian. »Selbst unser Pferdenarr hat sich verliebt. Du bleibst mir treu, oder?«
»Klar.«
Liebe. Wie fühlte sich das eigentlich an? Als mich Kaplan Flory im Unterricht berührt hatte, hatte ich dieses Kribbeln gespürt. Es war auf eine unbekannte Art zeitgleich angenehm und unangenehm gewesen. Geilheit, doch auch mehr.
War das diese Liebe, von der alle so altklug sprachen?
Hatte ich jemals zuvor so empfunden?
»Aber …«
Obwohl ich Mark gerade Treue zugesagt hatte, wollte ich auch diese neuartigen Empfindungen ergründen.
»Was?« Er hob eine Augenbraue. »Was aber, Daniel?«
»Aber, falls ich – rein hypothetisch – etwas mehr über Liebe erfa…«
»Oh nein!« Mark warf die Arme in die Luft. »Nicht du auch noch!«
Ich hob beschwichtigend die Hände. »Hey, ganz ruhig. Mir kam vorhin nur eine Frage dazu.«
Er zog kopfschüttelnd eine Schnute. »Dann frag halt Frank. Der liest doch ständig diese furchtbaren Elegien.«
»Gute Idee«. Ich stand auf.
»Jetzt?«
»Ja, ich komme doch gleich wieder.«
Mark verschränkte die Arme vor der Brust. »Hoffentlich.«

***

Draußen blies ein eiskalter Wind über den Innenhof. Während Telefonaten mit Lilly liebte Frank es, vom Burgtor auf den See zu schauen. Zitternd verbarg ich meine Hände in den Taschen des Mantels und stapfte in Richtung seines Lieblingsplatzes. Auf den steinernen Stufen wurden mir Fetzen des Gesprächs zugetragen.
»… legst zuerst auf.« Er kicherte.
Der Wehrgang und die Zinnen waren überdacht, sodass es dort oben selbst im Winter auszuhalten war. Ich bog in die kleine Nische, in der sich Frank normalerweise versteckte, und stieß mit ihm zusammen.
»Hey, du Riesen… Daniel?«
»Sorry.«
»Was willst du denn hier?«
Ich nickte zur Nische. »Hab ne Frage.«
Er folgte zur Mauer. Vom Wind war hier nichts zu spüren. Ich blies mir in die Hände und ließ meinen Blick über die Landschaft gleiten. Der Schnee der letzten Tage hatte das Gelände eingehüllt. Mittig klaffte das schwarze Loch des Sees, dessen Wasser nur an den Rändern von einer dünnen Eisschicht bedeckt war. Blieb es so kalt, war er Silvester komplett zugefroren. Im neuen Jahr hätten wir so die Möglichkeit, ein letztes Mal über das Eis zu schlittern. Der Mond kam hinter einer Wolke zum Vorschein. Seine Sichel glänzte im See auf. Ich seufzte. Es war so ein friedlicher Anblick. Zwar zogen wir Frank gerne mit seiner romantischen Ader auf, doch insgeheim liebten wir alle den Blick auf den See.
»Kalt geworden, der See friert schon«, murmelte ich.
»Ja, das war abzusehen. Ist im Winter ja meistens kalt.« Er rieb seine Hände aneinander und steckte sie unter die Achseln. »Aber … Daniel, mir wird es langsam zu kalt. Was wolltest du fragen? Wollen wir nicht lieber drinnen reden?«
»Mir ist da was passiert … Oder vielleicht. So genau weiß ich das noch gar nicht. Ist wegen jemand anderem.«
»Scheiße«, keuchte Frank. »Du hast Eine geschwängert? Daniel, deine Eltern werden dich enterben …«
»Was? Nein! Wie kommst du da drauf?« Ich starrte ihn an.
»Na, weil du doch … egal. Was ist dir passiert?«
Mein Blick wanderte wieder zum See. Wenn mir etwas passierte, dann musste es eine ungewollte Schwangerschaft sein. So dachten die Leute. Bei all den Partys und all den fremden Frauen war das durchaus möglich. Ich seufzte gedehnt. »Das ist es nicht. Es geht aber um eine … öhm … Frank, woran erkennt man, dass man verliebt ist?«
Seine Hand drückte meine Schulter. »Vielfach wirken die Pfeile des Amors, denn einige ritzen, und vom schleichenden Gift kranket auf Jahre das Herz; aber mächtig befiedert, mit frisch geschliffener Schärfe,
dringen die andern ins Mark, zünden auf einmal uns an.«
Ich nickte. »Ja, das hätte ich jetzt auch gesagt. Fontane?«
»Fast, Goethe … Daniel, es dringt tief in dich ein. Du weißt doch, was sie sagen? Alle Lieder ergeben einen Sinn, das tun sie. Es schmerzt und ist wundervoll zu gleich. Und wenn deine Liebste bei dir ist, erkennst du die wahre Schönheit der Welt.«
Er starrte nun ebenfalls über das Gelände, seine Mine seltsam verklärt.
Ich schüttelte den Kopf. »Du klingst wie ein Glückskeks.«
»Mag sein. Wer ist es denn?«
»Hey! Ich habe nicht gesagt, dass ich verliebt bin. Ich wollte das nur mal so allgemein wissen.«
»Na klar.« Frank klopfte mir auf den Rücken. »Deshalb trabst du durch den Schnee zu mir. Weil du nur mal allgemein fragen wolltest. Wenn du meinen Rat willst, geh zu ihr und erzähle ihr von deinen Gefühlen.«
Meine Finger umklammerten die Zinnen. »Das kann ich nicht.«
»Jedes Neue, auch das Glück, erschreckt.«
»Hmm. Schiller?«
Er gab mir einen Wink mit dem Zeigefinger. »Gut geraten. Du musst keine Angst haben. Die Frauen gucken dir hinterher. Warum solltest du dich genau in die Eine verlieben, die nicht von dir begeistert ist?«
Ich hob die Schultern. Er tätschelte erneut meinen Rücken. »Ich gehe nun aber rein. Wenn du dich weiter unterhalten willst, weißt du, wo du mich findest.«
Nickend betrachtete ich wieder den See. Franks Worte waren wie immer schwer verständlich gewesen. Vermutlich lernte er heimlich Gedichte auswendig, nur, um uns damit verwirren zu können. Doch heute hatten sie tatsächlich einen Sinn für mich ergeben. Ich seufzte. Also war das wirklich Liebe. Und diese sollte ich einfach gestehen.
»Kaplan Flory, ich muss etwas beichten«, hörte ich mich in Gedanken sagen. »Immer, wenn Sie einen Raum betreten, pocht mein Herz so laut und ich will sie mit Küssen überschütten. Fühlen Sie genauso?« Danach würde er sicherlich ein Angebot der Unterrichtsbefreiung zu einem Unterrichtsausschluss umwandeln. Ein Geständnis wäre nicht drin. Doch zumindest etwas mehr Zeit müsste ich mit ihm verbringen können. Er war ein Lehrer, mit denen hatten wir ständig zu tun.
»Sag mal, hast du eine Idee wie …« Verwundert blickte ich mich um. Frank war nach drinnen gegangen. Mit der Frage blieb ich allein.
In Gedanken wägte ich die Optionen ab. Nachsitzen – darin war ich unangefochtener Schulmeister. Mit meinen angesammelten Nachsitzstunden konnte ein weiterer Schüler Abitur machen. Einige Lehrer hielten sich Oberstreber als Assistenten. Doch selbst wenn ich Kaplan Flory dazu überreden könnte, Sebastian und Fabian würden mich dafür verprügeln. Verdient, wie ich meinte. Aber mit den Feiertagen vor der Tür ließ sich sicherlich etwas finden. Weihnachtsbäume schmücken, Dekoration aufhängen, Festessen vorbereiten oder … Ich schlug mir mit der flachen Hand an die Stirn.
Feste. Natürlich!
Es musste schnell gehen, bevor mich der Mut verließ. Auf der glatten Treppe rutschten meine Schuhe und ich übersprang die letzten Stufen, um nicht zu stürzen. Hinein in die Schule, durch leere Korridore, hetzte ich meinem Ziel entgegen. Schwer atmend hämmerte ich gegen die Tür.
Sie wurde einen Spalt geöffnet. Eisblaue Augen blinzelten verwirrt. »Was wollen Sie denn um di…«
»He… Ka…«, schnaufte ich wankend. Um nicht umzufallen und etwas Luft zu holen, klammerte ich mich an den Türrahmen. »Ich würde … ihnen gerne … bei dem … Lichterfest helfen. Herr Flory.«

Ein Gedanke zu „Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 3“

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