Nur ein Gott – Kapitel 1

Sonja Junik saß an dem Konferenztisch ihrer Abteilung und las den Bericht des Labors erneut. Die Ergebnisse beantworteten Fragen, warfen dabei aber leider neue auf. Seit der Identifikation des Opfers verwunderte es sie nicht, dass Petko Vali zum Zeitpunkt seines Todes einen hohen Alkoholspiegel im Blut gehabt hatte. Stirnrunzelnd nippte sie an ihrem Kaffee. Die Spuren von einem Schlafmittel ergaben dagegen keinen Sinn. Seufzend legte sie den Hefter auf den Tisch und rieb sich die Schläfen. Alkoholisiert oder unter Medikamenteneinfluss waren schon Menschen im Fluss ertrunken. Deswegen vermutete Maximilian Aumüller, ihr dienstältester Kollege, seit Anfang der Ermittlungen einen Unfalltod. Falls die jüngeren Polizisten diese Ansicht teilten, schwiegen sie darüber. 
Sie führte die Tasse zum Mund. Sie war leer. Sonja seufzte erneut.
Wenn der Mann aus dem Fluss nur ertrunken wäre, hätte sie Max zugestimmt, aber gestorben war Petko Vali durch eine Stichverletzung im Hinterkopf. Form und Position waren einfach zu perfekt, um von einem zufälligen Sturz zu kommen. Hoffentlich zeigte der Abdruck aus dem Labor ein genaueres Bild.
Das Klappen der Tür unterbrach ihre Gedanken. Breit grinsend betrat Max den Raum, warf eine Akte auf den Tisch und setzte sich neben Sonja. »Moin! Ich war heute Morgen schon sehr fleißig!«
Sie nickte und hielt ihm die Mappe entgegen. »Moin, Max. Das ehrt dich. Ich habe mich auch durch Papiere gearbeitet. Hier der Bericht des Labors. Hast du den Abdruck bekommen können?«
»Welchen Abdruck?«
»Den aus dem Kopf des Opfers?«
»Toten«, korrigierte er sie. »Aus dem Kopf des Toten. Und nein, sie brauchen noch.«
»Dann warten wir.« Sie betrachtete den Bericht. »Sag mal, weißt du, wo man schwarze Baumwollfasern und Weihrauch findet?«
Er zuckte mit den Schultern. »Was haben die mit dem Fall zu tun?«
Sonja schlug die entsprechende Seite auf und deutete auf den Text. »Die Fasern waren unter seinen Fingernägeln. Hier, Spuren von Weihrauch, und das hier ist wohl ein Färbemittel.«
Max lehnte sich zurück und las den Bericht. Er wiegte den Kopf hin und her. »Teuer.«
Irritiert schaute sie auf die Akte. »Wieso teuer?«
Er griff nach der Mappe, die er selbst mitgebracht hatte, und zog einen Flyer heraus. »Das, liebe Sonja, ist ein für die Umwelt unbedenkliches Färbemittel, das garantiert vegan entwickelt wurde. Es wird von Unternehmen genutzt, die hochwertige Kleidung herstellen, vorwiegend in Europa. Das findest du nicht bei H&M.«
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Max war ein Mensch, der keinen übermäßigen Wert auf seine Garderobe legte. Dass er über vegane Färbemittel referierte, verwunderte sie. »Woher weißt ausgerechnet du das?«
Er schob ihr den Flyer entgegen. »Ah, Judith hatte mir das erzählt, als wir damals nach einem Anzug für die Trauung gesucht haben. Ich habe in den Wochen alles über schwarze Stoffe gelernt. Alles.« Er rollte mit den Augen. 
»Ich werde es in deiner Personalakte vermerken. Falls wir erneut Hilfe bei der Identifikation von schwarzen Stofffasern benötigen, kennen wir unseren Experten.«
»Bitte nicht. Wie dem auch sei, hier«, er tippte auf die Broschüre, »findest du Weihrauch und eben solche Stoffe.«
Der Flyer war schlicht und modern gestaltet. Es handelte sich um Informationsmaterial der hiesigen Diakonie und deren Hilfsangebote, herausgegeben von den lutheranischen Gemeinden der Stadt. 
Verwirrt zog sie die Brauen zusammen. »Äh, was hat denn die Diakonie mit Weihrauch zu tun?«
Max signalisierte ihr, weiter zu blättern. »Letzte Seite.«
Am Ende des Flyers war eine Übersicht der verschiedenen Gruppen und deren Terminen. Die Veranstaltungen verteilten sich auf die unterschiedlichen Räumlichkeiten in der Stadt und einige fanden in der katholischen Gemeinde statt. Auf der Rückseite lächelten ihr die Seelsorger entgegen, viele der Pastorinnen und Pastoren standesgemäß in schwarzen und grauen Hemden. Sie schaute Max an. »Ich kann dir immer noch nicht ganz folgen. Wir haben einen ertrunkenen Schlosser und keinen Pastoren.«
Triumphierend deutete er auf die Akte auf dem Tisch. Seufzend zog sie die Mappe zu sich heran und schlug sie auf. Das erste Blatt war eine Vermisstenanzeige für ihren Toten, Petko Vali, aufgegeben von seiner Ehefrau. »Max, ich möchte nicht Rätselraten.«
Er hob beschwichtigend die Arme. »Gut, gut. Pass auf. Frau Vali hat ihren Mann vor einer Woche vermisst gemeldet. Zuletzt gesprochen hatte sie ihn eine Woche davor, und da wollte er in die Kirche.«
Sonja nickte. »Und wieso hat sie ihn erst so spät vermisst?«
Er zuckte mit den Schultern. »Das kann ich dir nicht sagen, das steht hier nicht. Dafür haben die Kollegen aufgeschrieben, dass er mit dem Pfarrer sprechen wollte.«
Max zeigte auf ein Bild von zwei Männern vor einer dunklen Holztür. »Genau diesem hier. Er leitet die Gruppe für die Alkoholiker.«
Der hochgewachsene Geistliche trug eine Soutane, in seinem makellosen Gesicht lag ein mildes Lächeln. Laut Bildunterschrift waren dies Pfarrer Shane Teague und Diakon Jens Rohn der katholischen Kirchengemeinde. Sonja betrachtete den Priester genauer. »Bist du dir sicher, dass er ein Priester ist? Der sieht ja eher aus wie ein Model.«
Max kicherte wie ein Kind. »Auch Priester dürfen doch gut aussehen, oder? Auf jeden Fall hast du da deine Verbindung. Soutanen kauft man vermutlich nicht von der Stange.«
Sie nickte und legte den Flyer auf den Tisch. »Was hat er denn zu dem Verschwinden gesagt?«
Seufzend lehnte sich Max in dem Stuhl zurück. »Die Kollegen haben nicht mit ihm gesprochen.«
Sonja schaute Max schweigend an. Der Tote in der Pathologie war vor mindestens zwei Wochen verstorben. Die Ehefrau hatte ihn spät vermisst gemeldet, und den letzten Menschen, der ihn gesehen hatte, hatten die Beamten gar nicht erst vernommen. 
»Warum nicht?«, brach sie das Schweigen.
»Warum nicht was?«
»Warum hat niemand den Pfarrer befragt? Steht es dort?«
Der Kommissar blätterte durch die Unterlagen. »Sie haben ihn nicht angetroffen. Danach hat man es wohl vergessen.«
Sie hob eine Augenbraue. »Vergessen? Manchmal habe ich das Gefühl, dass ›Ermittlung‹ in dieser Dienststelle ein Fremdwort ist. Du weißt, was das heißt?« 
»Ermittlung? Ja, natürlich.« Max runzelte die Stirn. »Aber darauf wolltest du nicht hinaus.«
Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Wir müssen da selbst nachhaken. Sag, kennst du jemanden aus der Kirchengemeinde?«
»Wir?«, er schaute sie verwundert an. »Du willst, dass ich mitgehe?«
Langsam stand sie auf und deutete mit einer Handbewegung in den leeren Raum. »Ja, Max, du. Es ist niemand sonst hier und ich fahre ungern allein los. Hast du ein Problem damit?«
Ihr Kollege zog den Kopf ein und betrachtete scheu seine Schuhe. »Nein, nein. Ist alles in Ordnung.«
Max war ein eindrucksvoller Kerl und seine bloße Anwesenheit schüchterte Menschen ein, nicht anders herum. Sonja kniff die Augen zusammen. »Was hast du?«
»Ich gehe nicht gerne in katholische Kirchen.«
»Du musst ja nicht gerne reingehen.« Sie schüttelte den Kopf und setzte sich an ihren Schreibtisch. »Ich bin auch kein großer Fan der katholischen Kirche.«
Er folgte ihr und beobachtete sie von der Tür aus. 
Obwohl sie hier aufgewachsen war, hatte sie die Kirche auf der anderen Seite der Innenstadt nie von innen gesehen. Als Kinder hatten sie im Park daneben gespielt und in der Adventszeit den Markt besucht, den die Gemeinde veranstaltete. Weitere Berührungspunkte zwischen Evangelen und Katholiken gab es nicht. Aber Sonja hatte dem Glauben sowieso abgeschworen. Sie googelte und prüfte die Webseite des Gotteshauses. »Max, du hast noch Gnadenfrist, dort ist jetzt eine Art Messe.«
»An einem Freitag?«
»Ja, ›Laudes‹, was auch immer das ist. Wir sollten erst danach hinfahren.«
Er atmete hörbar aus und schlich zu seinem Schreibtisch. 
Die Google-Ergebnisse wiesen ebenfalls auf eine Instagram-Seite. Sonja zog die Brauen zusammen. Sie klickte auf den Link und pfiff durch die Zähne. »Komm her, das musst du sehen. Der Pfarrer hat eine Fan-Seite!«
Max sprang auf und lief zu ihr herüber. »Bitte, was?«
Er schaute über ihre Schulter auf den Bildschirm. Der Account enthielt hunderte Posts. Sonja scrollte fasziniert durch die Beiträge. 
Shane Teague in weißer Robe vor dem Altar.
Beim Segen spenden.
Im Gespräch mit einer Gruppe.
Auf einem Foto saß er auf einer Parkbank und betrachtete ein Eichhörnchen vor sich. Es strahlte Ruhe und Gelassenheit aus. Sie erstellte einen Screenshot und scrollte weiter.
Alle Bilder einte, dass sie aus der Distanz oder seltsamen Winkeln fotografiert worden waren. Vermutlich aufgenommen ohne Zustimmung der abgebildeten Person. 
Max richtete sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. »Das ist absolut grotesk. Und schau dir mal die hier an. Ich denke nicht, dass er von den Bildern weiß. Das grenzt doch schon an Stalking!«
»Ja, das tut es. Ziemlich seltsam, wenn du mich fragst.«
»Wir können ja nachher mit ihm darüber sprechen.« Er klopfte auf ihre Schulter. »Sieh es mal so, wenn er wegen der Fotos Anzeige erstattet, kriegen wir doch noch etwas zu tun. Aber erstmal Frühstück.« Max zog eine Brotdose aus seinem Schreibtisch und inspizierte den Inhalt.
»Wir haben doch etwas zu tun? Und überhaupt, ich dachte, die Kirche macht dir Angst?«
»Nein«, nuschelte er in sein Frühstück. »Ich habe keine Angst. Ich gehe nur nicht gerne hin. Der Pfarrer hingegen sieht nett aus.«
»Also befragen wir den Pfarrer?«
Max nickte. »Ja, du hast mich überredet, ich komme mit.«
»Kaffee?« Sie stellte die Maschine an, ohne auf seine Antwort zu warten.
Einen Internet-Star hatte sie noch nie befragt.

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