Nur ein Gott – Kapitel 2

Nach dem Gottesdienst war es still geworden in der Kirche. Die Gläubigen hatten ihren Segen empfangen und Hagen, der Küster, räumte in der Sakristei auf. Alle Gebete waren gesprochen, alle Fragen beantwortet und für einen kurzen Augenblick war der einzige Mensch in diesen ehrwürdigen Mauern Pfarrer Shane Teague. Dies waren seine Minuten der Ruhe, die die Gemeindemitglieder respektierten. 
Routiniert schritt er durch die Reihen und an den Wänden entlang. An den Schreinen waren die Kerzen akkurat gestapelt und die Bänke frei und sauber. 
Sein Weg führte zurück zum Altar. Die Buntglasfenster fingen das Sonnenlicht ganzjährig ein, wodurch der Steinblock je nach Tageszeit in verschiedenen Farben leuchtete. Shane hatte über die Zeit gelernt, das Farbenspiel wie eine Art Sonnenuhr zu lesen. Sanftes Orange, das mit dem Weihnachtsbaum harmonierte. Die Kinder der Gemeinde hatten mit ihm die Tanne vor zwei Wochen geschmückt und dabei ihre ganz eigenen Ideen einfließen lassen. Jedes hatte etwas mitgebracht, das in seinem Haushalt zum Weihnachtsfest gehörte. Die elektrischen Kerzen erleuchteten kleine Holzspielzeuge, Süßigkeiten, Früchte und eine bunte Mischung aus Christbaumkugeln. Echte Kerzen hatte seine Sekretärin Frau Retkowski untersagt. Und wenn er bedachte, mit welchem Elan die Kinder den Baum bewunderten, war es eine kluge Entscheidung gewesen.
Shane schloss die Augen, um die Gerüche dieses Kunstwerks in sich aufzunehmen. Der schwere Duft der Nadeln mischte sich mit Äpfeln, Zimt und Nelken. Und Kaffee. Er lächelte.
Seine Sekretärin kochte die zweite Kanne des Tages, so wie sie es täglich nach der Messe tat. Für ihren Pfarrer aber brühte die alte Dame Tee auf. Jeden Morgen vor dem Gottesdienst wartete eine Tasse neben der Zeitung auf seinem Schreibtisch. Und nachher würde eine Weitere auf ihn warten.
Heute hatte er sie zum ersten Mal nicht getrunken, denn er war zu spät aus seiner Wohnung in das kleine Büro geschlichen. Geschlurft wäre der passendere Begriff gewesen. Aus seinen lethargischen Gedanken hatte ihn Hagen geweckt, der nach dem fehlenden Pfarrer gesucht hatte. Sein Küster hatte nichts gesagt, auch sein Diakon hatte über den Vorfall geschwiegen. Aber die Besorgnis sprach aus ihren Gesichtern. Sein Abweichen von Routinen war ihnen allen nicht entgangen. Die Erinnerung an die Erlebnisse beschämten Shane und er wich von dem Altar zurück, an dem er hatte beten wollen. Seine Füße trugen ihn zum Eingang der Kirche. Sich selbst redete er dabei ein, dass er lediglich ein letztes Mal die Bänke auf vergessene Gegenstände prüfen wollte und nicht vor der Konfrontation mit seinen Angestellten floh.
An der Tür blieb er stehen und begutachtete seine Kirche. Sie leuchtete warm, freundlich und einladend. Vorzeigbar. 
»Fehlt nur noch ein respektabler Pfarrer«, flüsterte die Stimme kaum wahrnehmbar. Doch sie verursachte ein seltsames Ziehen in seinem Kopf, sodass er sie nie gänzlich ignorieren konnte.
Seufzend rieb er sich das Gesicht, versuchte, sie damit fortzuscheuchen.
»Dir ist bewusst, dass sie es merken? Du hättest Pfleger bleiben können. Das war doch schön?«
Warum bist du noch da? Ich habe deinen Blutzoll gezahlt!
Eine Antwort blieb die Stimme schuldig. Shane kannte es nicht anders. Seit seiner frühen Kindheit begleitete sie ihn in seinem Kopf. Ihre Einflüsterungen wurden stetig lauter und eindringlicher. Und mit ihr kam das Verlangen, dem er sich widersetzte und dennoch scheiterte. Gab er nach, verschwand es zusammen mit der Stimme. Aber sie kamen doch immer zurück. 
Erneut blieb sein Blick an der Tür zu den Büros hängen. Dahinter lagen seine Verpflichtungen. Hinter ihm lag der Parkplatz, nur wenige Schritte entfernt. Für einige Sekunden zog es ihn dort hinunter, zu seinem Wagen. Fort von den Gedanken, der Anspannung, dem Schlafmangel.
Er wandte den Kopf zur Tür. Aus dem Augenwinkel nahm er ein Funkeln war. Er näherte sich dem Weihwasserbecken am Eingang. Auf dem steinernen Boden glänzte ein roter Knopf. Shane betrachtete das Objekt. Es war nicht das erste Fundstück dieser Art. In seiner Schreibtischschublade bewahrte er eine Kiste mit einer ansehnlichen Sammlung von Weihwasser-Knöpfen auf. Er schob seinen Ärmel zum Ellenbogen und tauchte seine Hand in das Becken. Durch die Wellen änderte sich der Lichteinfall und das Wasser schimmerte rot. 
Und plötzlich stand er nicht mehr in der Kirche, sondern kniete wieder in seinem Badezimmer. Die Blutlache kroch in die Fugen. Er schrubbte über die Fliesen. Das Wasser verdünnte das Blut zu pinken Schlieren. Es klebte an seinen Händen. 
Shane schloss die Augen, versuchte, die Bilder zu verdrängen.
Ein eisiger Windhauch trocknete den Schweiß auf seinem Nacken. Er stand auf der dunklen Brücke. In der Woche davor hatte ein LKW die Beleuchtung beschädigt und nur die schmale Mondsichel spendete fahles Licht. Deswegen hatte er diesen Tag und diesen Ort ausgesucht. In seinem schwarzen Mantel war er nicht zu erkennen. 
Es war so still. 
Totenstill. 
Nur das gurgelnde Geräusch des Wassers, das die Brückenpfeiler umspülte, drang vom Fluss herauf. Wie geplant schob er die Leiche über die Brüstung. Mit einem lauten Platschen traf sie auf der Wasseroberfläche auf.
Zu laut!
Er riss die Augen auf. 
Shane stand in seiner Kirche und die Bilder waren nur eine Erinnerung an einen bösen Traum. Ihm wurde bewusst, dass er während der Vision den Atem angehalten hatte. Irritiert atmete er aus und ein, versuchte, seinen gewohnten Rhythmus zu finden. Er wischte den Schweiß von seiner Stirn. Seine Hand war kühl und feucht. 
Das Becken! 
Auf dem Ärmelsaum hatten Wasserspritzer dunkle Flecken hinterlassen. 
Er war nicht mehr makellos.
Shane wischte erfolglos über den Stoff. 
Sein Herzschlag beschleunigte sich. Es musste weg.
Erneut rieb er mit seinem Daumen den Saum. Die Flecken wurden größer. 
»Geht weg!«
Shane rieb fester.
»Geht doch endlich weg«, keuchte er verzweifelt. Er wollte nicht, dass ihn jemand so besudelt sah.
Tief in seinem Kopf kicherte die Stimme über seinen Versuch, das Blut aus dem Stoff zu entfernen.
Shane blinzelte und ließ die Arme sinken. 
Das war kein Blut. Das war geweihtes Wasser. Und damit ungefährlich. Erleichtert atmete er aus und tauchte die Finger erneut in das Becken, um sich zu bekreuzigen. »Siehe«, flüsterte er mit geschlossenen Augen, »Gott ist mein Heil; ich vertraue und erschrecke nicht. Denn meine Stärke und mein Lied ist Gott, der Herr.«
Vorsichtig schaute er sich um. Er war noch immer allein in der Kirche. 
Nach dem Gottesdienst, wenn die Kirche aufgeräumt war, betete er gerne für sich. Das hatte er geplant, bevor ihn die Erinnerungen hierher getrieben hatten. Erneut war er von seiner Routine abgewichen. Shane schritt auf den Altar zu und sein Blick wanderte am Kreuz nach oben. »Herr, was habe ich getan?«
Die geschnitzte Figur starrte leidend auf ihn herab, ohne eine Antwort zu geben. So stand er einige Minuten vor dem Abbild seines Herrn. Umgeben von der andächtigen Stille der Kirche und den weihnachtlichen Gerüchen. Inmitten der Gemeinde und doch allein. 
Was habe ich getan?
Das wusste er genau. Es war geradezu anmaßend, dass er Gott um eine Antwort gebeten hatte, die ihm längst bekannt war. Shane senkte verlegen den Blick und legte die Hände übereinander.
Etwas drückte schmerzhaft in seine Haut. Irritiert betrachtete er das Objekt.
Der Knopf aus dem Becken glänzte im Licht. Er steckte ihn in die Tasche.
Erneut legte er die Hände übereinander und schloss die Augen. Sofort tauchten die Fetzen aus seinem Traum auf. Die dunkle Brücke, der eiskalte Wind und die unerträgliche Blutlache. Sein Geist war zu aufgewühlt, um erfolgreich zu beten. 
Es waren nur Träume, die ihn nicht beunruhigen durften. 
Shane atmete langsam ein und konzentrierte sich auf seine Sinne. Die Stimmen von Jens und Hagen drangen gedämpft durch die Tür. Sie unterhielten sich, doch das Thema war nicht zu verstehen. Er entfernte sich in Gedanken von der Tür und stellte sich stattdessen den bunten Weihnachtsbaum vor. Seine Nase nahm nun auch Orangen war und verschiedene Harze. Er folgte den Gerüchen und rief sich die Stunden mit den Kindern in Erinnerung. Sie hatten um den Baum gestanden und ihm genau erklärt, wo welcher Schmuck aufzuhängen sei.
Die Anspannung wich aus seinem Körper. Shane ließ sich auf die Knie sinken, um endlich zu beten.
»Bitte«, flüsterte er, »lass mich jetzt nicht allein. Für die Gemeinde muss ich durchhalten und ich werde es schaffen.« 
»Darf ich mir auch etwas wünschen?«
Shane seufzte und setzte sein Gebet fort. »Aber verzeih mir, dass ich es erneut tun werde.«
»Es ist ja schließlich Weihnachten.« 
Verschwinde aus meinen Gedanken.
»Ich werde es erst nach Weihnachten tun. Bis dahin werde ich stark sein.«
»Herr Teague? Shane Teague?« 
»Ich sagte, dass du verschwinden sollst!«, zischte er. 
Da hatte ein Mensch gerufen. Nicht die Stimme. Shane blinzelte verwundert über seinen eigenen Ausbruch und wandte sich zur Tür der Kirche.
Dort standen zwei Personen, die erwartungsvoll zu ihm herübersahen. Er nickte ihnen zu und erhob sich. Auf die Distanz hatten sie ihn nicht gehört – zumindest hoffte er es. Er lächelte sie freundlich an und beobachtete sie aufmerksam.
Voran schritt eine Frau, die etwa einen Kopf kleiner war als er selbst. Sie trug ihre blonden Haare in einem strengen Dutt und schaut ihm fest entgegen. Ihre Gesichtszüge waren so streng wie ihre Frisur, doch als sich ihre Blicke trafen, erwiderte sie das Lächeln und ihre Miene hellte sich auf. Unter ihrer offenen Winterjacke sah er ein graues Hemd und eine enge Jeans. 
Hinter ihr folgte ein Hüne von nahezu zwei Metern Größe. Er hatte den Kopf eingezogen und schaute sich scheu um. Schuldbeladen blieb sein Blick an der Jesus-Statue hängen. Kaum merklich bewegte er die Lippen und blickte zum Pfarrer. Außerhalb dieser Mauern war der kräftige Mann mit seinem militärischen Bürstenhaarschnitt mit Sicherheit eine gewaltige Präsenz. Doch das Gotteshaus trieb ihm Respekt ein. Shane kannte solche Blicke von Glaubensgeschwistern, denen schuldhaft bewusst war, dass sie viel zu selten an Gottesdiensten teilnahmen. Da er den Mann nie zuvor getroffen hatte, vermutete er, dass es sich um ein Mitglied von Pastorin Gerickes Gemeinde handelte. 
Die Jacken der beiden Gäste beulten sich charakteristisch auf Hüfthöhe aus.
Shane nickte erneut. »Ja, ich bin Shane Teague und Pfarrer dieser Kirche. Guten Morgen.«
»Moin«, murmelte der Hüne. 
Sie deutete ein Nicken an und betrachtete den Weihnachtsbaum. »Guten Morgen. Das ist aber ein beeindruckender Baum. Sehr … farbenfroh.«
»Vielen Dank. Wir haben ihn mit den Kindern der Gemeinde gestaltet.« Shane zog die Brauen zusammen. »Ich freue mich über jeden Besuch in meiner Kirche, aber sie sind nicht wegen des Baumes hier. Es sind eher persönliche Gründe, oder?« Er schaute zu dem Mann auf. »Sie müssen sich nicht schuldig fühlen. Sie sind auch in meiner Kirche jederzeit willkommen.«
»Ähm.« Er senkte den Kopf und betrachtete Shanes Schuhe. »Wie …«
»Sie sind doch evangelisch?«
Der Mann nickte scheu. Behutsam legte Shane ihm eine Hand auf den Unterarm. »Sie müssen keine Angst haben. Ich beiße nicht und wir haben das Verbrennen von Häretikern vor Jahrhunderten eingestellt.«
Die Frau neben ihnen lachte herzhaft. »Oh, vielen Dank, dass Sie das sagen. Er stellt sich schon den ganzen Vormittag deswegen an!«
»Wegen der Häresie? Wollen Sie konvertieren?«
»Was?« Der Hüne schaute erschrocken auf. »Nein! Meine Frau würde mich erschlagen.«
Shane blickte von ihm zu der Frau. »Dann müssen Sie mir weiterhelfen. Was möchte die Polizei von mir?«
»Wenn ich bedenke, wie stümperhaft du gearbeitet hast, kommen sie, um dich zu verhaften!«
Sie blinzelte und legte die Stirn in Falten. Shane ignorierte den geistigen Zwischenruf und zeigte auf ihre Hüfte. »Ihre Dienstwaffen.« Er lächelte die beiden erwartungsvoll an. »Nun, Sie kennen meinen Namen, aber ich nicht Ihre. Mit wem habe ich die Ehre?« 
Sie räusperte sich. »Äh, ja. Entschuldigung. Kriminaloberkommissarin Sonja Junik und Kriminalkommissar Maximilian Aumüller.« Die Frau deutete auf sich und ihren Kollegen. Junik, der Name klang vertraut, doch ihm fiel der Zusammenhang nicht ein. 
Shane lächelte stoisch und atmete tief ein. Die beiden Polizisten wirkten freundlich und entspannt. Sie kamen nicht, um ihn zu verhaften.
»Sie haben eine gute Beobachtungsgabe.« Sie rieb sich das Kinn. »Hochwürden?«
»Korrekt. Aber das höre ich gar nicht so häufig. Die meisten Menschen sagen nur ›Herr Pfarrer‹ zu mir oder ›Herr Teague‹.«
»Ich verstehe.« Sonja Junik ließ ihren Blick über den Altar und den Baum schweifen. »Nun …«
Shane hielt den Atem an und fixierte die Polizistin.
Für den Besuch der beiden Polizisten gab es bei näherer Betrachtung nur einen Grund. Derart stümperhaft hatte er es seit langer Zeit nicht getan und er hatte trotzdem gehofft, dass ihn sein Fehler nicht vor Weihnachten einholte. Weil es in den vergangenen Jahren reibungslos verlaufen war, hatte er sich in trügerischer Sicherheit gewähnt. Doch jetzt war die Kriminalpolizei seinetwegen hier.
»Ihre Kirche ist wirklich schön«, sprach sie weiter. »Es tut mir sehr leid, dass wir heute nicht deswegen hier sind.«
Shanes Miene bleib freundlich. Er zwang sich, zu atmen, versuchte sein rasendes Herz zu beruhigen. Es ging nicht um ihn. Seine Kirche stand den unterschiedlichsten Menschen offen. Außerdem beteiligte er sich an verschiedenen Projekten in der Stadt. Die beiden Ermittler suchten womöglich nur einen der Obdachlosen, die er einmal in der Woche traf. 
Ein Schatten huschte über das Gesicht der Polizistin und ihr Blick wurde ernster. »Wir möchten Ihnen einige Fragen stellen. Gibt es dazu eventuell einen etwas privateren Raum?«
Seine Atmung wirkte weiterhin falsch und fremd. »Natürlich.« Er räusperte sich. »Folgen Sie mir, bitte.« Shane deutete auf die Tür zu den Büroräumen. 
Er schritt um den Altar. Hinter sich hörte er die Schritte der beiden Polizisten.

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