Nur ein Gott – Kapitel 4

Shane drückte die Tür fest zu und legte seine Stirn an das Holz. 
Er hatte die Polizisten angelogen.
Durch die Tür hörte er ihre Stimmen. Sie unterhielten sich über ihn. 
»Du bist ein sündiger kleiner Pfarrer. Es ist nicht zu spät! Öffne die Tür, ruf sie zurück, gestehe und dein Gewissen ist rein!«
Die Kommissarin sprach von Fasern. Hatte sie deshalb seinen Ärmel so unerwartet angefasst? Die beiden entfernten sich von der Tür und er verstand die Worte nicht mehr. Shane zog sich zum Schreibtisch zurück und verbarg das Gesicht hinter den Händen. Wenn sie tatsächlich gegen ihn ermittelten, hatte er eben seine eigenen Ideale verraten. Niemals lügen! 
Für sein Wesen gab es Gründe. Er hatte dieses Mysterium vor Jahren versucht, zu verstehen und hatte schlüssige Antworten für sich gefunden. Aber er hatte sich auch Grenzen und Verpflichtungen gesetzt. Keine Kinder, niemanden, der schmerzlich vermisst werden würde. Gründlich arbeiten, genau abwägen und niemals Risiken eingehen. Und sollte er Fehler machen, hatte er sich geschworen, mit der Polizei zu kooperieren. 
Er hatte die Polizisten angelogen.
Aber er war doch ein guter und frommer Mensch. Deswegen hatte Pfarrer Schmidt ihn überhaupt ermutigt diesen Weg einzuschlagen, obwohl er von seinen Sünden gewusst hatte. Gerne hätte er den alten Mann um Rat gefragt. Shane zog den Rosenkranz aus der Tasche, den er von ihm erhalten hatte. Gedankenverloren strich er über die Perlen.
Warum hat er mich damals nicht zur Polizei geschickt?
»Er war doch verwirrt. Erinnerst du dich an seine Reaktion?«
Er erinnerte sich an seine Tränen. An die Dunkelheit des Beichtstuhls. Außerhalb der Kirche hatten Sirenen geheult und eine Tram war vorbei gerumpelt. Weil man in Berlin einfach überall eine Tram und Sirenen hörte. Die Aufregung hatte ihm die Kehle zugeschnürt und er hatte nur Bruchstücke gestammelt. Er hatte vorher extra die Begriffe in seinem Wörterbuch nachgeschlagen und sie doch vergessen. Pfarrer Schmidt hatte Fragen gestellt. Sie hatten geredet. Irgendwann hatte der Geistliche ihm gesagt, dass er sich nicht fürchten müsse. Gott liebe alle Menschen und würde ihm verzeihen, wenn er denn jetzt ein frommes Leben führen würde. Der Mann hatte ihm mit einem Lächeln die Absolution erteilt.
Shane stöhnte auf und rieb seine Schläfen. Rückblickend bezweifelte er, dass Pfarrer Schmidt ihn richtig verstanden hatte.
»Ist deine zarte Seele jetzt nicht mehr so rein?«
Er hatte versucht, es nicht zu tun. Hatte gegen das Verlangen erfolglos gekämpft. Am Ende hatte er es akzeptiert und sich dem Schicksal ergeben. Für jeden Toten hatte er Buße getan. Er führte ein ehrenvolles Leben im Namen seines Herrn, der ihm vergeben würde. Sein Seelenheil stand niemals auf dem Spiel. Dies war sein vorherbestimmter Weg. 
Shane hatte ihn erneut gehen müssen.
Er hatte im vergangenen Monat einen Plan vorbereitet, den er bei einem früheren Opfer erfolgreich umgesetzt hatte. Ihm war durchaus bewusst, dass die Polizei bei Todesfällen ermittelte und deshalb hatte er immer darauf geachtet, dass eine natürliche Ursache in den Berichten stand. Vermutlich war die Verbindung zwischen ihm und Petko zu naheliegend. Der Erfolg der letzten Jahre hatte ihn die Risiken übersehen lassen. Außerdem hatte er keine Zeit gehabt, um ein anderes Opfer zu finden. Das Verlangen ließ sich nicht dauerhaft ignorieren.
Auf dem Schreibtisch lag die Zeitung, die er heute Morgen zusammen mit dem Tee ignoriert hatte. Er schlug sie auf und überflog die Schlagzeilen. Dass die Leiche identifiziert worden war, hatte die Polizei nicht an die Presse weiter gegeben. Er hatte jeden Tag nach einer entsprechenden Meldung gesucht.
Der Polizist hatte ihm gegenüber nicht offen von einem Mord gesprochen und für die erfahrenen Beamten wirkte ein Unfalltod vermutlich ebenso plausibel wie ein Tötungsdelikt. Bis zum Abschluss der Ermittlungen würden sie nichts an die Zeitung weiter geben. 
Es hatte wie ein Unfall aussehen sollen.
Wie beim letzten Mal hatte er sich auf die Medikamente verlassen. Er hatte sich angewöhnt, seine Opfer unauffällig ruhig zu stellen. Fast jeder nahm heute das ein oder andere Schlafmittel. Bei Petko hätte auch Wodka gereicht und es wäre stressfreier und günstiger gewesen. Mit Bedauern fielen ihm die Whiskey-Flaschen ein, die in seinem Wohnzimmerschrank standen. Sie hätten wenigstens eine sinnvolle Verwendung gefunden. Die Gedanken kamen zu spät, aber er behielt sie im Hinterkopf. Für das nächste Mal, falls es eins gab.
Shane war auf Seite zehn der Zeitung angekommen und erinnerte sich an keine einzige Zeile. Seufzend faltete er sie zusammen und legte sie beiseite. Sein Blick blieb an den Tassen hängen, aus denen die Kommissare getrunken hatten. Erneut fragte er sich, ob er hätte mitgehen sollen. Er würde es wieder tun, sehr bald. 
Im September hatte er das feine Ziehen verspürt. Das Verlangen nach einem neuen Opfer. In der kleinen Stadt gestaltete sich die Suche delikat und schwierig. Als Pfarrer war er in die Seelsorge der Gemeinde fest eingebunden. Montags besuchte er das Krankenhaus, dienstags den Obdachlosentreff und mittwochs das Bordell. Er ging auch dorthin, wo seine Kollegen wegsahen. Dort waren die Menschen, die seine Unterstützung dringend benötigten. Shane war ein frommer Mann und wollte ihnen helfen. Seit Jahren war er praktisch jedem in diesen Milieus bekannt. 
Aus diesen Kreisen wählte er seine Opfer. 
Es verwunderte niemanden, wenn Todkranke starben, Drogensüchtige eine Überdosis nahmen oder Obdachlose spurlos verschwanden. Und keiner fragte, warum diese Menschen vorher mit ihrem Pfarrer gesprochen hatten. In den letzten sechs Jahren hatte die Polizei nur ermittelt, um die Identität der Toten zu bestätigen und die bestattungspflichtigen Personen auszumachen. 
Petko gehörte nicht dazu.
Petko war ein Fehler gewesen. 
Aber weder im September noch im Oktober hatte er ein geeignetes Opfer gefunden. Die todkranken Menschen im Krankenhaus interessierten sich nicht für geistlichen Beistand und eine neue Initiative holte die Obdachlosen von der Straße, sodass diese keine Pläne hatten, fortzugehen. Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass er selbst diese Initiative mitbegründet hatte. Aus dem Ziehen hatte sich Ende Oktober eine Übelkeit entwickelt, die ihn morgens und abends plagte. Zusätzlich wurde aus dem leisen, gelegentlichen Flüstern in seinem Kopf eine omnipräsente Stimme, die echte Gesprächspartner durchaus übertönte. Abhilfe schaffte kurzfristig das ein oder andere Medikament, doch langfristig nur ein Mensch.
Shane stand auf und horchte an der Tür. In der Ferne hörte er eine Unterhaltung. Das Tablett mit den Tassen störte ihn, aber er hatte kein Interesse, erneut auf die beiden Beamten zu treffen. Er wollte mit einer Person für eine Stunde allein sein. Er stellte sich einen Hals vor, auf den er seine Hände legte. Geweitete, ängstliche Augen, die ihm entgegenblickten. Aus dem Schrecken wurde Erkenntnis. Und das Verlangen würde verschwinden.
Er blinzelte und war zurück in seinem Büro. Mit Mühe unterdrückte Shane ein Wimmern. Die Vision war für einen Moment so real gewesen. Seine am Türrahmen festgekrallten Finger traten weiß vom Druck hervor. Die Erregung ließ sein Herz schmerzhaft Pochen. 
Ich kann das nicht mehr.
»Wie wäre es mit der Witwe Vali? Ich denke gerade an einen Selbstmord.«
Nein!
Er setzte sich zurück an den Schreibtisch und betrachtete seine zitternden Hände. Solche Symptome kannte er von den Suchtkranken, mit denen er zusammen arbeitete.
»Du bist auf Entzug und brauchst deine Droge. Schnapp dir heute Nacht doch einfach jemanden aus dem Park.«
Das wäre ein Fehler. Wie Petko.
Er schluckte und verbarg das Gesicht wieder hinter seinen Händen.
Als Petko im November der Gruppe fern blieb, hatte Shane darüber nachgedacht, es zu ignorieren. Mit den kürzer werdenden Tagen wurden seine Kirche und sein Terminkalender voller. Keine Zeit, um sich um einen Säufer zu kümmern, der nicht wollte. Pflichtbewusst hatte er trotzdem die Ehefrau informiert, denn die regelmäßige Teilnahme an den Treffen war eine Übereinkunft, um ihre Ehe zu retten. Um Frau Vali zu helfen, hatte er ihren Ehemann gesucht und versucht, ihm ins Gewissen zu reden. In der Kneipe hatte er ihn gefunden. Petko hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er kein Interesse an weiterer Hilfe hatte, indem er auf Shane eingeschlagen hatte. Mit diesem Faustschlag hatte er sein Leben beendet.
Es ging nicht um Rache. Die hätte Hass vorausgesetzt und so intensive Gefühle waren ihm praktisch fremd.
Es störte ihn folglich nicht, dass Petko trank und seine Mitmenschen schlug. Aber er hatte ein Opfer gebraucht und diesen Mann hätten nur wenige Menschen vermisst. Frau Vali hatte so außerdem die Scheidung erhalten, die sie sich insgeheim seit Jahren wünschte. 
Eine rein rationale Entscheidung.
Shane hatte sich an einen Plan aus seiner Zeit in Berlin erinnert. Die Polizei hatte den Tod der Frau damals als Unfall eingestuft. Er hatte sie betäubt und in seiner Badewanne ertränkt, in die er vorher einige Liter Wasser aus der Spree gefüllt hatte.
Um Petko ein ähnliches Ableben zu bescheren, hatte er über Tage nach Sonnenuntergang Wasser aus dem hiesigen Fluss gesammelt. Das Opfer kam von selbst zu ihm. Der streng katholische Mann hatte sich am nächsten Tag bei Shane gemeldet und um Vergebung gebeten. Er hatte auf ein persönliches Treffen bestanden und den 30. November ausgewählt. Samstag Abend war er immer allein in seiner Kirche.
Um 20:43 Uhr hatte Petko Vali das letzte Mal in seinem Leben an eine Tür geklopft, 13 Minuten zu spät. Shane ärgerte sich, dass er das Vorhaben dort nicht direkt verworfen hatte. Ein Plan war zum Scheitern verurteilt, wenn schon der Anfang nicht klappte. Anderseits hatte ihm das Verlangen keine Wahl gelassen. Wie ein Schäfchen zur Schlachtbank hatte sich der vom Regen völlig aufgeweichte und von seinen Schuldgefühlen aufgelöste Mann führen lassen. In Shanes Wohnzimmer hatten sie zusammen Tee getrunken. Auf diese Weise ließen sich Betäubungsmittel unbemerkt verabreichen. 
Routiniert hatte er Petko getröstet und ihm die letzte Beichte abgenommen. Es gab keinen Grund, seinen Opfern die Absolution und damit das Himmelreich zu verwehren. Sie hatten geredet, bis der alte Mann langsamer und gedehnter sprach. Dies hatte Shane als sein Stichwort wahrgenommen. Er hatte ihn ins Badezimmer geführt, in dem das Vollbad mit Flusswasser wartete. 
Doch die Betäubung hatte nicht wie gewünscht gewirkt. Beim Anblick der Wanne hatte Petko sich wie eine Wildkatze gewehrt und versucht zu fliehen. Es kam zu einem Kampf und am Ende hatte Shane den Mann von sich gestoßen.
Er seufzte und ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken. Er hätte die Erinnerung gerne verdrängt, doch die Bilder strömten ungefragt in seinen Geist. Nach dem Gerangel hatten ihn leere Augen angestarrt. Einer der Haken, an dem seine Handtücher hingen, hatte sich in Petkos Hinterkopf gebohrt und dabei tödlich verletzt. Mit Entsetzen hatte Shane festgestellt, dass dieser Mord das Verlangen nicht vertrieb. 
Ja, töten war für ihn wie eine Droge, aber dieses Mal die Falsche. Nach dreißig Jahren hatte er gelernt, dass das Wie ihm Befriedigung brachte. Deswegen war die Stimme in seinem Kopf weiterhin so laut wie die seiner Mitmenschen und er müde und ausgelaugt.
Er hatte Petko trotzdem in den Fluss geworfen und gehofft, dass die Kopfverletzung einem Stein zugeschrieben wurde. Den Haken hatte er gesäubert und in eines der Pakete gesteckt, die von seiner Gemeinde in die ganze Welt verschickt wurden.
»Jetzt ermittelt die Polizei wegen Mordes.«
Das steht nicht fest, du hast sie doch selbst gehört.
»Und du hast sie angelogen und sie wissen das.«
Träume ich deshalb von ihm? Von meinem eigenen Tod?
Ein weiteres Mal erinnerte er sich an die Eindrücke der letzten Nacht. Sein Ebenbild, das ihn erstochen hatte. Das Eintauchen im eiskalten Fluss. Aber der Traum hatte nicht im Wasser geendet. Er hatte gelegen und war nicht allein gewesen. Eine Stimme, wie die einer Frau. Ähnlich wie die der Kommissarin.
Es klopfte an der Tür, die schwungvoll geöffnet wurde. Shane riss den Kopf nach oben, und die Bilder verschwanden aus seinem Geist. 
In der Tür stand Jens Rohn, sein Diakon, und schaute fragend in den Raum. Er war vor etwa 18 Monaten zu ihm in die Gemeinde gekommen und ein herzensguter Mensch, neigte aber zu unbeholfenen Fragen. »Ah, Shane, weißt du, wie spät es ist?«
Er blickte dem jungen Mann ins Gesicht und hob den Zeigefinger. Doch bevor er etwas sagen konnte, flötete hinter Jens eine rauchige Stimme »Herr Pfarrer, haben Sie uns vergessen?«
Sein Blick wanderte auf die Karte mit den Terminen.
12:30 Uhr, Treffen mit dem Kirchenverein → Basar
Er rollte mit den Augen.
Jens wurde von sechs Frauen zur Seite geschoben, die in den Raum drängten. 
»Ich nehme das mal mit, ja?« Sein Diakon ergriff das Tablett auf dem Schreibtisch und die Möglichkeit zur Flucht. Eilig schloss er die Tür. 
Shane schaute zu der Gruppe auf, die eine penetrante Parfümwolke vor sich her trieb. Diese Damen waren in dieser Stadt geboren, in dieser Gemeinde getauft und hatten in den letzten wenigstens 50 Jahren jede freie Minute hier verbracht. Er war der Pfarrer, aber die Frauen des Kirchenvereins waren die Kirche. In ihrer Gegenwart fühlte er sich oft nur geduldet, wenn sie Veranstaltungen oder Anschaffungen planten. Der Geräuschpegel nahm drastisch zu und er eilte ans Fenster, um dieses zu öffnen und dem Parfüm entgegenzuwirken.
Er war sich sicher, dass es in der Hölle einen speziellen Kreis für sündige Pfarrer gab, die dort mit ihrem Förderverein Spendenbasare planen mussten.
Die sechs Damen besetzten fröhlich schnatternd sein Büro.
»Du hättest dich verhaften lassen sollen!«

Nur ein Gott – Kapitel 3

Der Pfarrer führte sie durch eine Tür hinter dem Altar. Sonja hatte gelesen, dass die Grundmauern 500 Jahre alt waren, aber der Flur, den sie jetzt betraten, war deutlich jünger. Lieblos hatte man Räume an die Kirche geklatscht und mit einem Korridor verbunden. Grünes Linoleum auf dem Boden, dunkle Holzvertäfelung an den Wänden und ebenfalls grüne Türgriffe aus Plastik. Es roch muffig nach einer Mischung aus abgetretenen Teppichen, Bodenversiegelung und Zigarettenrauch der vergangenen Jahrzehnte. Sie kannte diesen Geruch – aus diversen Ämtern und aus ihrem Revier. Sonja war kein gläubiger Mensch, aber es tat ihr leid, dass dieses alte, ehrwürdige Gebäude mit einer derartigen Bausünde verschandelt wurde.
Sie betraten ein winziges Büro. Der Raum wurde von einem Schreibtisch aus Buchenholz dominiert, vor dem zwei schlichte Sessel standen. Der Geistliche wies mit der Hand in Richtung des Tisches. »Nehmen Sie Platz. Darf ich Ihnen etwas anbieten? Einen Kaffee oder Tee?«
Sonja nickte. »Ein Kaffee wäre sehr nett, ja.«
Sie setzten sich. Max Blick blieb an dem Kruzifix über dem Schreibtisch hängen. Er schluckte und zog sich am Hemdkragen.
»Ich bin gleich wieder bei Ihnen.« Der Pfarrer verließ den Raum.
Ihnen gegenüber führte eine weitere Tür aus dem Zimmer. An den Wänden standen Regale und Schränke, die optisch zu dem Tisch passten. Fein säuberlich reihten sich Ordner auf den Einlegeböden. Auf der Tischplatte lagen neben einem Computermonitor und den dazugehörigen Eingabemedien einige akribisch sortierte Schreibutensilien. Lediglich der Adventskranz lockerte die Atmosphäre auf und erinnerte an die Weihnachtszeit. Trotzdem wirkte auch er seltsam strukturiert und aufgeräumt. Sonja grinste und legte den Finger auf einen Stift und schob ihn etwa einen Zentimeter auf den Monitor zu. Sie war gespannt, ob der Pfarrer darauf reagieren würde.
Ihr Partner starrte weiterhin an die Wand.
»Max, was ist dein verfluchtes Problem?«
Er fuhr mit den Fingerspitzen über die Lehne. »Ich habe etwas Dummes getan. Ist jetzt nicht so wichtig.«
Sie deutete auf die Tür zum Flur. »Möchtest du etwas beichten?«
»Nein, ich bin doch nicht katholisch. Es ist nur …« Max seufzte. »Ein andermal, ja?«
Aus dem Nebenraum drang ein gedämpftes Gespräch. Sonja verstand nicht jedes Wort, aber der Pfarrer sprach mit jemandem über ihren Besuch. Sie lehnte sich zu ihrem Kollegen und senkte die Stimme. »Ist dir aufgefallen, wie nervös der Herr Pfarrer ist?«
»Wundert dich das? Niemand spricht gerne mit uns, wenn wir unangekündigt auftauchen. Und du musst ja immer gleich so förmlich werden.« Er legte den Kopf schief und verstellte die Stimme. »Kriminaloberkommissarin Sonja Junik und Kriminalkommissar Maximilian Aumüller.« 
Die Betonung ihres Rangs entging ihr nicht. »Der Mann war schon vorher nervös. Und ich denke, dass er am Altar mit jemandem gesprochen hat.«
Max nickte. »Ja, Sonja. Ganz mysteriös. Der Pfarrer, der beim Gebet spricht.« Er legte seine Hand auf ihren Unterarm und lächelte sie müde an. »Fehlt dir Hannover so sehr, dass du überall Verschwörungen sehen musst?«
Sie schnaubte und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Sonja, auch für mich ist es frustrierend, wenn die Kollegen schlampig arbeiten. Wir klären das auf, okay? Aber verbeiß dich doch nicht so an diesem Pfarrer. Vielleicht sollte ich das Gespräch führen?«
»Ja, das ist eine gute Idee. Du könntest …«
»So«, unterbrach der Pfarrer ihre Unterhaltung und stellte ein Tablet mit Kaffeetassen auf dem Schreibtisch ab.
Er nahm den beiden gegenüber auf seinem Bürostuhl Platz und schob wie beiläufig den Stift an seine ursprüngliche Position zurück. Er lächelte ihnen freundlich entgegen. »Nun, was führt sie in meine Kirche?«
Max räusperte sich. »Wir haben da einige Fragen zu einem Ihrer Gemeinde-Mitglieder, Herrn Petko Vali. Sie kennen ihn?«
Der Priester nickte. »Ja, er ist … war zweimal die Woche Besucher einer unserer Gruppen. Was ist mit ihm?«
Sonja zog ihr Notizbuch aus der Jackentasche und beobachtete den Geistlichen. Max fuhr fort. »Vergangenen Montag wurde die Leiche eines Mannes im Fluss gefunden. Gestern konnten wir ihn als Petko Vali identifizieren.«
Shane Teague bekreuzigte sich und bewegte tonlos die Lippen. Sein Blick blieb aber an Max hängen und zeugte von Interesse und nicht von Trauer. Mit den Fingerspitzen fuhr er über die Stifte und Papiere auf dem Schreibtisch. »Im Fluss? Ist er ertrunken?«
Sonja nahm eine der Tassen in die Hand und verschob dabei einen anderen der Stifte auf der Platte. Ohne den Blick von seinem Gesprächspartner zu nehmen, schob ihn der Pfarrer an seine ursprüngliche Position zurück. Sie notierte ›Pedant‹ und ›distanziert‹ in ihrem Buch und nippte an dem Kaffee.
»Die genauen Todesumstände ermitteln wir noch. Derzeit prüfen wir, ob ein Fremdverschulden vorliegt, Sie verstehen also den Ernst der Lage. Sie sagten eben ›war‹. Folglich war Herr Vali schon länger nicht mehr in der Kirche?«
Der Pfarrer nickte und nahm einen Stift und einen Notizblock vom Schreibtisch. »Ja, seit bestimmt vier Wochen nicht mehr. Haben Sie seine Ehefrau schon erreicht? Ich sollte sie anrufen …« Er notierte in einer feinen und äußerst ordentlichen Handschrift einige Worte, die Sonja nicht erkannte. Die Notiz klemmte er an die Schreibtischunterlage und legte akribisch Stift und Block zurück. 
»Unsere Kollegen sind bei ihr«, bestätigte Max. »Aber sie wird sich sicherlich über Ihren Beistand freuen. Erzählen Sie uns doch etwas von Herrn Vali. Warum kam er zu Ihnen und wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?« 
Im Büro hing eine schlichte Wanduhr. Ihr Sekundenzeiger tickte laut in die entstehende Stille. Der Pfarrer fuhr mit beiden Händen über die Tischkante und betrachtete sie dabei. Er seufzte und sah Max erneut an. »Sie werden vermutlich schon herausgefunden haben, dass Herr Vali Alkoholiker war. Deswegen war er hier, er hat zweimal pro Woche an den Treffen teilgenommen. Über deren Inhalt werde ich selbstverständlich nicht sprechen. Herr Vali hat vor etwa vier Wochen einen Rückfall erlitten und ist nicht mehr zu den Treffen erschienen. Etwa zu der Zeit habe ich ihn auch zuletzt gesehen. Ich hatte ihn gesucht und in einer Kneipe gefunden. Leider ließ er sich nicht ins Gewissen reden. Frau Vali habe ich danach noch einige Male gesprochen. Sie teilte mir mit, dass ihr Mann zu einem Freund gezogen sei, um etwas zur Ruhe zu kommen.« Sein Lächeln war verschwunden, und er zog die Brauen besorgt zusammen. 
Sonja notierte die Eckdaten seiner Aussage und Max fuhr fort. »Worüber hat Frau Vali mit Ihnen gesprochen? Gab es noch andere Probleme in der Ehe?«
Er schüttelte seinen Kopf. »Fragen Sie dies bitte Frau Vali. Ich kann darüber nicht sprechen.«
Max nickte und schaute in sein eigenes Notizbuch. Erneut erstreckte sich die Stille über einige Sekunden. Schweigen und darauf warten, dass der Gegenüber das Gespräch wieder aufnahm. Diesen Trick nutzte sie selbst häufig und es verwunderte sie nicht, dass der Priester diesen ebenfalls kannte. Sonja trank einen Schluck Kaffee, lehnte sich zurück und betrachtete den Geistlichen eindringlich. »Und auch am 30. November haben Sie ihn nicht gesehen?«
Irritiert schaute der Mann in ihre Richtung. »Wie? Nein … Na ja … eigentlich schon.« Er atmete tief aus und ordnete die Papiere auf einem perfekt geordneten Stapel.
Sonja fixierte den Priester mit den Augen. »Was denn nun? Ja oder nein? Da müssen Sie schon etwas genauer werden.«
Der Mann vermied Augenkontakt. »Er war gegen 21 Uhr am 30. November bei mir. Wir hatten einige Wochen vorher eine … Meinungsverschiedenheit in der Kneipe. Als ich ihn gesucht hatte. Dafür wollte er sich entschuldigen.«
Max schaute von seinen Notizen auf. »Meinungsverschiedenheit? Laut Zeugenaussagen haben Sie sich mit ihm geprügelt!«
Sonja blinzelte verwundert. Diesen Teil hatte Max vergessen, ihr zu erzählen. Ein Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht. Sie hätte gerne gesehen, wie sich ein katholischer Priester und ein Betrunkener in einer Kneipe prügeln. 
Shane Teague hob die Hände und schüttelte den Kopf. »So kann man das nicht sagen. Er hat mich geschlagen, das war auch alles.« 
»Sie haben also nicht zurückgeschlagen?«
Der Pfarrer schaute auf die Schreibtischunterlage und tippte auf seinen Handrücken. »Herr Vali hat den Streit angefangen, ich habe ihn beendet. Wollen wir jetzt hier Wortklauberei betreiben? Er war darauf nicht stolz und suchte meine Vergebung.«
Sie vertrieb das Grinsen aus ihrem Gesicht. »Und? Haben Sie dem Mann vergeben?«
Er schüttelte erneut den Kopf. »Nein.«
Sonja atmete erstaunt aus. »Nicht? Was ist denn passiert?«
»Vergebung erfordert Reue. Und Herr Vali war an diesem Abend so betrunken, dass er dazu nicht in der Lage war. Deshalb habe ich ihn weggeschickt. Er sollte erst wieder kommen, wenn er nüchtern ist.« Der Geistliche stand auf und schritt zur Tür. »Leider werde ich Sie nun ebenfalls fortschicken. Ich denke nicht, dass ich weitere Informationen für Sie habe und muss noch einigen Verpflichtungen nachkommen.«
Sonja verfolgte seine Bewegungen irritiert. Der Pfarrer hatte ihnen scheinbar nicht die gesamte Wahrheit gesagt und warf sie raus. Irgendetwas verbarg der Mann hinter dem stoischen Lächeln. Doch es war ein Gespräch und kein Verhör. Es endete mit seinem Wunsch.
Sie seufzte und erhob sich ebenfalls. »Es tut mir sehr leid, dass wir mit unseren Ermittlungen zum Tod eines Menschen Ihre Adventszeit stören.«
Max schaute fragend zu ihr herüber, sie hob die Schultern und nickte ihm zu. »Aber natürlich wollen wir Sie nicht aufhalten. Vielen Dank für Ihre Hilfe.« An der Tür blieb sie stehen und betrachtete den Priester. Sein braunes Haar lag makellos, das Kreuz um seinen Hals hing mittig auf den Knöpfen der Soutane. Trotz seiner Ablehnung lächelte er weiterhin freundlich auf sie herab. Er glich dem Bild aus dem Flyer so stark, als ob es erst vor wenigen Minuten aufgenommen worden war. Ihre Blicke trafen sich. Güte lag in seinen Augen und es war ihr, als wenn sie tief in ihre Seele schauten und sie wärmten. Sie schämte sich, dass sie so eine reine Person überhaupt verdächtigt hatte. 
»Sehr gerne«, murmelte er. Sonja starrte ihn weiterhin an. Sie hatte noch nie einen erwachsenen Mann mit so glatt rasierter Haut gesehen. Ihr fiel auf, dass ihr Mund offen stand. Sie schloss ihn und schaute schnell nach unten auf seine Kleidung. 
Mit dem Lösen des Blicks endete das Gefühl der Wärme und Geborgenheit. Trotzdem fühlten sich ihre Knie noch weich und ihr Mund trocken an. So hatte sie seit Jahren nicht empfunden.
Sonja atmete tiefer ein. Kaum wahrnehmbar, aber doch allgegenwärtig lag auch hier der Geruch von Weihrauch in der Luft. 
»Können wir?«, fragte Max neben ihr.
Schwarze Fasern und Spuren von Weihrauch hatte der Laborbericht gesagt. »Ich denke nicht«, raunte sie, »dass ich schon einmal einen Pfarrer in einer Soutane gesehen habe. Man sieht dies nicht mehr so häufig.«
Der Geistliche zog die Brauen zusammen. »Sie ist nicht mehr vorgeschrieben, ja.«
»Darf ich?« Ohne eine Antwort abzuwarten, streckte sie ihre Hand zum Ärmel des Priesters. Seine Finger zuckten kaum wahrnehmbar und er schluckte sichtbar, ließ sie aber gewähren. »Was ist das für ein Material?«
Er schaute über ihre Schulter auf das Regal. »Baumwolle.« 
»Berühren Katholiken Ihre Priester eigentlich häufiger?«
»Was? Nein!« Der Pfarrer starrte sie erschrocken an »Und ich habe jetzt wirklich Termine wahrzunehmen.« Er deutete auf den Gang.
Sie nickte. »Ja, natürlich. Entschuldigung.«
Sonja folgte Max in den Flur, blieb nach wenigen Schritten stehen und drehte sich zum Büro. »Ach, eine Frage noch. Tragen Sie eigentlich immer solche Soutanen?«
Die eine Hand des Priesters lag auf dem Türgriff, die andere stemmte er in die Hüfte. Das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden. »Ich wüsste nicht, was Sie meine Kleidung angeht, aber ja. Falls Sie ein größeres Interesse an den Bekleidungsvorschriften des Klerus haben, lasse ich Ihnen gerne eine Kopie des Kirchenrechts zukommen. Guten Tag.« Er schloss die Tür.
Max blickte zur Tür und dann zu Sonja. »Was zum Geier sollte denn jetzt das?« Er beugte sich herab, um zu flüstern. »Wieso befummelst du den Pfarrer? Aber um deine Frage zu beantworten, ich glaube, dass die Priester eher die Katholiken berühren als anders herum.«
Sie betrachtete ihre Fingerspitzen und hielt sie ihm hin. »Schau, keine Fasern.«
»Bitte, was?«
»Wenn sich der Pfarrer und Herr Vali vier Wochen nicht gesehen hatten, dann können die Fasern nicht von ihm stammen. Oder aber sie hatten sich am 30. doch länger gesehen, als er es behauptet hat. Verstehst du?« Sie schritt in Richtung Ausgang.
Max kratzte sich am Kopf. »Ja, schon. Aber …«
»Mensch, Max! Der Mann muss kurz nach dem Treffen gestorben sein. Und an seiner Leiche sind Rückstände des Pfar…«
»Stop!« Er blieb stehen und hob die Hand. »Man hat schwarze Fasern gefunden. Die können auch von seiner eigenen Jacke kommen. Oder einem Schal. Oder keine Ahnung was.«
»Du hast ja Recht.« Sie seufzte. »Es ist nur … Hat sich der Pfarrer wirklich mit dem Verstorbenen geprügelt?«
Max grinste verstohlen. »Ja, laut seinen Saufkumpanen aus der Kneipe schon. Muss aber sehr kurz gewesen sein und Herr Teague scheint darauf auch nicht stolz zu sein.«
»Hat irgendjemand gesagt, was der Pfarrer in der Kneipe wollte?«
Ihr Kollege hob die Schultern. »Nein, vermutlich hat er sein verlorenes Schäfchen gesucht.« 
Sie hatten das Ende des Flures erreicht, der wieder in die Kirche führte. Neben einer der Türen teilte ihnen ein schlichtes Schild mit, dass sie das Sekretariat passierten. Max strich über seinen Notizblock. »So wirklich etwas erfahren haben wir aber nicht. Und schon gar nicht, was der Tote eigentlich nach seinem Kirchenbesuch getan hat, bevor er im Fluss gelandet ist.«
Sonja blieb stehen. »Vielleicht weiß die Sekretärin mehr. Das Schild sagt, dass sie jetzt Sprechstunde hat.« Sie klopfte und öffnete die Tür nach einem gedämpften »Herein«.
»Frau Retkowski?«
An einem Schreibtisch saß eine grauhaarige Dame und tippte am Computer. Sie schaute auf und nickte.
»Guten Morgen. Sonja Junik und Maximilian Aumüller von der Kriminalpolizei. Hätten Sie einen Moment Zeit für uns? Vielleicht können Sie uns eine Auskunft geben.«
Die Sekretärin nahm ihre Lesebrille ab. »Guten Morgen. Sie hatten eben mit Herrn Teague gesprochen, oder?« Ihre Stimme war kratzig und ließ sie noch älter wirken. »Nehmen Sie Platz. Womit kann ich ihnen helfen?«
Sonja und Max setzten sich. Auch in diesem Büro reihten sich die Unterlagen akkurat geordnet und säuberlich beschriftet in den Regalen. Allerdings wirkte der Raum weniger eingeengt. Zahlreiche Fotos von Katzen und Kindern auf dem Schreibtisch lockerten die Atmosphäre auf. Eine getöpferte Katzenfigur mit unnatürlichen Proportionen und bunter Bemalung hielt neben einem antiken Tintenfässchen Wache. Unter dem obligatorischen Kruzifix an der Wand hingen Gemälde von Kinderhänden gezeichnet.
»Von meinen Enkelkindern, sie malen gerne für ihre Oma, wenn sie mich besuchen.« Der Anblick versetzte Sonja einen feinen Stich ins Herz. Nach all den Jahren fiel es immer noch schwer, kinderreiche Frauen nicht zu beneiden. Die Sekretärin lächelte freundlich. »Möchten Sie einen Kaffee?«
»Nee, lieber nicht.« Max verzog das Gesicht. »Meine Frau sagt, ich trinke zu viel davon.«
»Ja, das hat mein Mann mir auch immer gesagt. Gott hab ihn seelig.« Sie strich über einen der Bilderrahmen und betrachtete die beiden Polizisten. »Nun, was führt Sie zu mir?«
Erst jetzt fiel Sonja auf, dass im Büro des Pfarrers kein persönlicher Gegenstand zu sehen gewesen war. Sie löste den Blick von den Bildern. »Es geht um Petko Vali, eines Ihrer Gemeindemitglieder.«
Frau Retkowski schnaubte und legte die Stirn in Falten. »Ich kenne ihn, ja. Hat sich Herr Teague doch noch zu einer Anzeige durchgerungen?«
»Wohl kaum, Herr Vali ist verstorben.«
Die Sekretärin riss die Augen auf und bekreuzigte sich. »Oh nein. Das … Es tut mir leid. Ich wollte nicht … tot? Ist er ermordet worden?«
Sonja blinzelte.
»Na, wenn Sie doch von der Kriminalpolizei sind.«
Max schüttelte den Kopf. »Wir ermitteln noch. Aber wir wissen fast nichts über Herrn Vali. Können Sie uns ein paar Fragen über ihn beantworten?«
»Ich weiß nicht. Man soll ja nichts Schlechtes über Tote sagen.«
Sonja tätschelte die Hand der Sekretärin. »Machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Wir wollen uns ein genaues Bild machen und jede Information hilft da weiter. Auch, wenn sie vielleicht weniger schön ist.«
»Was möchten Sie denn wissen?« Sie lehnte sich zurück und nippte an einer Tasse.
»Hatte Herr Vali noch andere feste Treffen, außer denen in der Kirche?« Max klappte seinen Notizblock auf. »Oder traf man ihn an bestimmten Orten an?«
Die Sekretärin strich ihren Zeigefinger über den Henkel. »Mmh.« Sie schien einen Moment nachzudenken. »Eigentlich weiß ich gar nichts über den Mann. Tut mir leid. Ich weiß nur, dass er zweimal die Woche hier war und gelegentlich im Gottesdienst. Und ich habe Gerüchte über ihn und seine Frau gehört.«
»Was denn für Gerüchte?«
Sie hob die Schultern und mied die Blicke der beiden Kommissare. Max wartete geduldig auf eine Antwort.
Sonja nickte. »Der Mann war gewalttätig, oder? Zumindest hat er sich ja mit Herrn Teague geprügelt?«
Frau Retkowski drehte den Kopf zu ihr. Sie hatte das Gesicht verzogen und Zornesröte zeigte sich auf ihrer Haut. »Wer macht sowas? Unseren armen Pfarrer prügeln! Tagelang hat man ihm das angesehen!« Sie räusperte sich verlegen und schaute in ihre Tasse. »Äh … Mehr dazu wird Ihnen aber Herr Teague sagen können. Mir wurden die Geschichten nur zugetragen und ich will nicht wie ein altes Waschweib klingen.«
»Verstehe. Das war im November, oder?«
Die Sekretärin nickte.
Max tippte auf seinen Block. »Und dann haben die beiden sich erst wieder am 30. November gesehen? Herr Teague war mit ihm verabredet?«
»Wie?« Frau Retkowski schüttelte ungläubig den Kopf und blätterte in einem Terminkalender. »Das war ein Samstag. Das kann ich mir kaum vorstellen. Samstags ist Kommunionsunterricht und danach geht Herr Teague immer einkaufen und ist erst um 19 Uhr zurück.« Sie hielt den Kalender hoch. »Kein Termin eingetragen. Sind Sie sicher, dass es der 30. war?«
»Ja, ganz sicher, dass hatte uns Herr Teague sogar bestätigt. 30. November, 21 Uhr.«
»Oh, dann hat er das vergessen einzutragen.« Sie seufzte. »Ach, das sieht ihm ähnlich. Er kennt auch keinen Feierabend. Unser Pfarrer hat ein gutes Herz und lässt niemanden im Stich.«
Sonja deutete auf den Terminplaner. »Ihr Pfarrer scheint einen straffen Tagesablauf zu haben. Er wirkte etwas angespannt.«
»Wundert Sie das?« Sie klappte das Büchlein zu und legte es zur Seite. »Vor Jahren schon wurden die Gemeinden zusammengelegt. Wir haben hier genug Arbeit für mindestens zwei weitere Priester. Es ist ein Segen für uns alle, dass wir mit Herrn Teague einen so tüchtigen Pfarrer erhalten haben. Aber vor hohen Feiertagen ist immer so viel zu tun, dass er von morgens bis abends beschäftigt ist. Heute Morgen hat er sogar seinen Tee vergessen.«
»Macht er das häufiger?«
»Was meinen Sie?«
Sonja zeigte erneut auf den Terminkalender. »Dinge vergessen. Sie sagten eben, dass er das Treffen vergessen hat einzutragen. Aber sie sagten auch, dass Herr Teague immer zur gleichen Zeit einkaufen geht. Er wirkt sonst eher ped… sehr ordentlich.«
»Eigentlich nicht. Er ist wirklich sehr akkurat. Herr Rohn sagt immer, dass man nach ihm die Uhr stellen könne. Wie gesagt, wir haben sehr viel zu tun. Unser Pfarrer kümmert sich wirklich aufopferungsvoll um die Gemeinde.«
»Ist er sehr beliebt?«
»Aber ja! Seit er hier ist, kommen die Leute auch wieder.« Ihre Augen glänzten und ein entzücktes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. »Es ist wieder wie damals…« Frau Retkowski seufzte und schaute zu Sonja. »Wieso sprechen wir jetzt eigentlich über Herrn Teague?«
»Hat sich so ergeben.« 
Max räusperte sich. »Um nochmal auf Herrn Vali zurückzukommen. Haben Sie irgendeine Idee, wohin er nach seinem Besuch hier gegangen sein könnte? Haben Sie vielleicht darüber ein Gerücht gehört?«
Sie schüttelte traurig den Kopf. »Nein, tut mir leid. Fragen Sie mal in den Kneipen hier in der Gegend. Die Straße hinterm Park führt zu einer. Aber passen sie da auf, so ein anderer Trunkenbold hat auf der Brücke vor einigen Wochen die Lampen kaputt gefahren und vor dem nächsten Jahr wird die Stadt das wohl nicht richten.«
Er schnaubte. »Ich erinnere mich.«
Die Sekretärin schaute sie erwartungsvoll an. »Hatten Sie noch andere Fragen?«
Sonja erhob sich. »Nein, das war eigentlich alles. Vielen Dank für Ihre Zeit.«
»Sehr gerne.« Sie blickte ihnen bis zur Tür hinterher und wandte sich wieder Ihrem Computer zu.
Schweigend betraten sie das Kirchenschiff. Die Buntglasfenster ließen den Altarbereich nicht mehr orange, sondern in einem Türkis leuchten. Sonja betrachtete die Szenerie für einen Moment. Die Instagram-Seite hatte ein Bild mit ähnlichen Farben gezeigt. »Max, wir haben gar nicht wegen dieser Internetseite gefragt.«
Er folgte ihrem Blick und drückte ihre Schulter. »Na, dann hast du wenigstens einen Grund, deinen Pfarrer nochmal zu sprechen.«
»Es ist nicht mein Pfarrer.«
»Du hast aber einen ganz schönen Narren an ihm gefressen.«
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Er verschweigt uns etwas und ich denke, dass es mit dem Toten zu tun hat.«
»Lass uns doch erstmal zurück ins Revier und nachher in dieser Kneipe nachfragen. Vermutlich ist der Mann dorthin, um seinen Kummer zu ertränken.«
Max hatte Recht, die Kneipen waren die beste Möglichkeit, um mehr über den Verstorbenen zu erfahren. Sie nickte und verließ mit ihrem Kollegen die Kirche. 

Nur ein Gott – Kapitel 2

Nach dem Gottesdienst war es still geworden in der Kirche. Die Gläubigen hatten ihren Segen empfangen und Hagen, der Küster, räumte in der Sakristei auf. Alle Gebete waren gesprochen, alle Fragen beantwortet und für einen kurzen Augenblick war der einzige Mensch in diesen ehrwürdigen Mauern Pfarrer Shane Teague. Dies waren seine Minuten der Ruhe, die die Gemeindemitglieder respektierten. 
Routiniert schritt er durch die Reihen und an den Wänden entlang. An den Schreinen waren die Kerzen akkurat gestapelt und die Bänke frei und sauber. 
Sein Weg führte zurück zum Altar. Die Buntglasfenster fingen das Sonnenlicht ganzjährig ein, wodurch der Steinblock je nach Tageszeit in verschiedenen Farben leuchtete. Shane hatte über die Zeit gelernt, das Farbenspiel wie eine Art Sonnenuhr zu lesen. Sanftes Orange, das mit dem Weihnachtsbaum harmonierte. Die Kinder der Gemeinde hatten mit ihm die Tanne vor zwei Wochen geschmückt und dabei ihre ganz eigenen Ideen einfließen lassen. Jedes hatte etwas mitgebracht, das in seinem Haushalt zum Weihnachtsfest gehörte. Die elektrischen Kerzen erleuchteten kleine Holzspielzeuge, Süßigkeiten, Früchte und eine bunte Mischung aus Christbaumkugeln. Echte Kerzen hatte seine Sekretärin Frau Retkowski untersagt. Und wenn er bedachte, mit welchem Elan die Kinder den Baum bewunderten, war es eine kluge Entscheidung gewesen.
Shane schloss die Augen, um die Gerüche dieses Kunstwerks in sich aufzunehmen. Der schwere Duft der Nadeln mischte sich mit Äpfeln, Zimt und Nelken. Und Kaffee. Er lächelte.
Seine Sekretärin kochte die zweite Kanne des Tages, so wie sie es täglich nach der Messe tat. Für ihren Pfarrer aber brühte die alte Dame Tee auf. Jeden Morgen vor dem Gottesdienst wartete eine Tasse neben der Zeitung auf seinem Schreibtisch. Und nachher würde eine Weitere auf ihn warten.
Heute hatte er sie zum ersten Mal nicht getrunken, denn er war zu spät aus seiner Wohnung in das kleine Büro geschlichen. Geschlurft wäre der passendere Begriff gewesen. Aus seinen lethargischen Gedanken hatte ihn Hagen geweckt, der nach dem fehlenden Pfarrer gesucht hatte. Sein Küster hatte nichts gesagt, auch sein Diakon hatte über den Vorfall geschwiegen. Aber die Besorgnis sprach aus ihren Gesichtern. Sein Abweichen von Routinen war ihnen allen nicht entgangen. Die Erinnerung an die Erlebnisse beschämten Shane und er wich von dem Altar zurück, an dem er hatte beten wollen. Seine Füße trugen ihn zum Eingang der Kirche. Sich selbst redete er dabei ein, dass er lediglich ein letztes Mal die Bänke auf vergessene Gegenstände prüfen wollte und nicht vor der Konfrontation mit seinen Angestellten floh.
An der Tür blieb er stehen und begutachtete seine Kirche. Sie leuchtete warm, freundlich und einladend. Vorzeigbar. 
»Fehlt nur noch ein respektabler Pfarrer«, flüsterte die Stimme kaum wahrnehmbar. Doch sie verursachte ein seltsames Ziehen in seinem Kopf, sodass er sie nie gänzlich ignorieren konnte.
Seufzend rieb er sich das Gesicht, versuchte, sie damit fortzuscheuchen.
»Dir ist bewusst, dass sie es merken? Du hättest Pfleger bleiben können. Das war doch schön?«
Warum bist du noch da? Ich habe deinen Blutzoll gezahlt!
Eine Antwort blieb die Stimme schuldig. Shane kannte es nicht anders. Seit seiner frühen Kindheit begleitete sie ihn in seinem Kopf. Ihre Einflüsterungen wurden stetig lauter und eindringlicher. Und mit ihr kam das Verlangen, dem er sich widersetzte und dennoch scheiterte. Gab er nach, verschwand es zusammen mit der Stimme. Aber sie kamen doch immer zurück. 
Erneut blieb sein Blick an der Tür zu den Büros hängen. Dahinter lagen seine Verpflichtungen. Hinter ihm lag der Parkplatz, nur wenige Schritte entfernt. Für einige Sekunden zog es ihn dort hinunter, zu seinem Wagen. Fort von den Gedanken, der Anspannung, dem Schlafmangel.
Er wandte den Kopf zur Tür. Aus dem Augenwinkel nahm er ein Funkeln war. Er näherte sich dem Weihwasserbecken am Eingang. Auf dem steinernen Boden glänzte ein roter Knopf. Shane betrachtete das Objekt. Es war nicht das erste Fundstück dieser Art. In seiner Schreibtischschublade bewahrte er eine Kiste mit einer ansehnlichen Sammlung von Weihwasser-Knöpfen auf. Er schob seinen Ärmel zum Ellenbogen und tauchte seine Hand in das Becken. Durch die Wellen änderte sich der Lichteinfall und das Wasser schimmerte rot. 
Und plötzlich stand er nicht mehr in der Kirche, sondern kniete wieder in seinem Badezimmer. Die Blutlache kroch in die Fugen. Er schrubbte über die Fliesen. Das Wasser verdünnte das Blut zu pinken Schlieren. Es klebte an seinen Händen. 
Shane schloss die Augen, versuchte, die Bilder zu verdrängen.
Ein eisiger Windhauch trocknete den Schweiß auf seinem Nacken. Er stand auf der dunklen Brücke. In der Woche davor hatte ein LKW die Beleuchtung beschädigt und nur die schmale Mondsichel spendete fahles Licht. Deswegen hatte er diesen Tag und diesen Ort ausgesucht. In seinem schwarzen Mantel war er nicht zu erkennen. 
Es war so still. 
Totenstill. 
Nur das gurgelnde Geräusch des Wassers, das die Brückenpfeiler umspülte, drang vom Fluss herauf. Wie geplant schob er die Leiche über die Brüstung. Mit einem lauten Platschen traf sie auf der Wasseroberfläche auf.
Zu laut!
Er riss die Augen auf. 
Shane stand in seiner Kirche und die Bilder waren nur eine Erinnerung an einen bösen Traum. Ihm wurde bewusst, dass er während der Vision den Atem angehalten hatte. Irritiert atmete er aus und ein, versuchte, seinen gewohnten Rhythmus zu finden. Er wischte den Schweiß von seiner Stirn. Seine Hand war kühl und feucht. 
Das Becken! 
Auf dem Ärmelsaum hatten Wasserspritzer dunkle Flecken hinterlassen. 
Er war nicht mehr makellos.
Shane wischte erfolglos über den Stoff. 
Sein Herzschlag beschleunigte sich. Es musste weg.
Erneut rieb er mit seinem Daumen den Saum. Die Flecken wurden größer. 
»Geht weg!«
Shane rieb fester.
»Geht doch endlich weg«, keuchte er verzweifelt. Er wollte nicht, dass ihn jemand so besudelt sah.
Tief in seinem Kopf kicherte die Stimme über seinen Versuch, das Blut aus dem Stoff zu entfernen.
Shane blinzelte und ließ die Arme sinken. 
Das war kein Blut. Das war geweihtes Wasser. Und damit ungefährlich. Erleichtert atmete er aus und tauchte die Finger erneut in das Becken, um sich zu bekreuzigen. »Siehe«, flüsterte er mit geschlossenen Augen, »Gott ist mein Heil; ich vertraue und erschrecke nicht. Denn meine Stärke und mein Lied ist Gott, der Herr.«
Vorsichtig schaute er sich um. Er war noch immer allein in der Kirche. 
Nach dem Gottesdienst, wenn die Kirche aufgeräumt war, betete er gerne für sich. Das hatte er geplant, bevor ihn die Erinnerungen hierher getrieben hatten. Erneut war er von seiner Routine abgewichen. Shane schritt auf den Altar zu und sein Blick wanderte am Kreuz nach oben. »Herr, was habe ich getan?«
Die geschnitzte Figur starrte leidend auf ihn herab, ohne eine Antwort zu geben. So stand er einige Minuten vor dem Abbild seines Herrn. Umgeben von der andächtigen Stille der Kirche und den weihnachtlichen Gerüchen. Inmitten der Gemeinde und doch allein. 
Was habe ich getan?
Das wusste er genau. Es war geradezu anmaßend, dass er Gott um eine Antwort gebeten hatte, die ihm längst bekannt war. Shane senkte verlegen den Blick und legte die Hände übereinander.
Etwas drückte schmerzhaft in seine Haut. Irritiert betrachtete er das Objekt.
Der Knopf aus dem Becken glänzte im Licht. Er steckte ihn in die Tasche.
Erneut legte er die Hände übereinander und schloss die Augen. Sofort tauchten die Fetzen aus seinem Traum auf. Die dunkle Brücke, der eiskalte Wind und die unerträgliche Blutlache. Sein Geist war zu aufgewühlt, um erfolgreich zu beten. 
Es waren nur Träume, die ihn nicht beunruhigen durften. 
Shane atmete langsam ein und konzentrierte sich auf seine Sinne. Die Stimmen von Jens und Hagen drangen gedämpft durch die Tür. Sie unterhielten sich, doch das Thema war nicht zu verstehen. Er entfernte sich in Gedanken von der Tür und stellte sich stattdessen den bunten Weihnachtsbaum vor. Seine Nase nahm nun auch Orangen war und verschiedene Harze. Er folgte den Gerüchen und rief sich die Stunden mit den Kindern in Erinnerung. Sie hatten um den Baum gestanden und ihm genau erklärt, wo welcher Schmuck aufzuhängen sei.
Die Anspannung wich aus seinem Körper. Shane ließ sich auf die Knie sinken, um endlich zu beten.
»Bitte«, flüsterte er, »lass mich jetzt nicht allein. Für die Gemeinde muss ich durchhalten und ich werde es schaffen.« 
»Darf ich mir auch etwas wünschen?«
Shane seufzte und setzte sein Gebet fort. »Aber verzeih mir, dass ich es erneut tun werde.«
»Es ist ja schließlich Weihnachten.« 
Verschwinde aus meinen Gedanken.
»Ich werde es erst nach Weihnachten tun. Bis dahin werde ich stark sein.«
»Herr Teague? Shane Teague?« 
»Ich sagte, dass du verschwinden sollst!«, zischte er. 
Da hatte ein Mensch gerufen. Nicht die Stimme. Shane blinzelte verwundert über seinen eigenen Ausbruch und wandte sich zur Tür der Kirche.
Dort standen zwei Personen, die erwartungsvoll zu ihm herübersahen. Er nickte ihnen zu und erhob sich. Auf die Distanz hatten sie ihn nicht gehört – zumindest hoffte er es. Er lächelte sie freundlich an und beobachtete sie aufmerksam.
Voran schritt eine Frau, die etwa einen Kopf kleiner war als er selbst. Sie trug ihre blonden Haare in einem strengen Dutt und schaut ihm fest entgegen. Ihre Gesichtszüge waren so streng wie ihre Frisur, doch als sich ihre Blicke trafen, erwiderte sie das Lächeln und ihre Miene hellte sich auf. Unter ihrer offenen Winterjacke sah er ein graues Hemd und eine enge Jeans. 
Hinter ihr folgte ein Hüne von nahezu zwei Metern Größe. Er hatte den Kopf eingezogen und schaute sich scheu um. Schuldbeladen blieb sein Blick an der Jesus-Statue hängen. Kaum merklich bewegte er die Lippen und blickte zum Pfarrer. Außerhalb dieser Mauern war der kräftige Mann mit seinem militärischen Bürstenhaarschnitt mit Sicherheit eine gewaltige Präsenz. Doch das Gotteshaus trieb ihm Respekt ein. Shane kannte solche Blicke von Glaubensgeschwistern, denen schuldhaft bewusst war, dass sie viel zu selten an Gottesdiensten teilnahmen. Da er den Mann nie zuvor getroffen hatte, vermutete er, dass es sich um ein Mitglied von Pastorin Gerickes Gemeinde handelte. 
Die Jacken der beiden Gäste beulten sich charakteristisch auf Hüfthöhe aus.
Shane nickte erneut. »Ja, ich bin Shane Teague und Pfarrer dieser Kirche. Guten Morgen.«
»Moin«, murmelte der Hüne. 
Sie deutete ein Nicken an und betrachtete den Weihnachtsbaum. »Guten Morgen. Das ist aber ein beeindruckender Baum. Sehr … farbenfroh.«
»Vielen Dank. Wir haben ihn mit den Kindern der Gemeinde gestaltet.« Shane zog die Brauen zusammen. »Ich freue mich über jeden Besuch in meiner Kirche, aber sie sind nicht wegen des Baumes hier. Es sind eher persönliche Gründe, oder?« Er schaute zu dem Mann auf. »Sie müssen sich nicht schuldig fühlen. Sie sind auch in meiner Kirche jederzeit willkommen.«
»Ähm.« Er senkte den Kopf und betrachtete Shanes Schuhe. »Wie …«
»Sie sind doch evangelisch?«
Der Mann nickte scheu. Behutsam legte Shane ihm eine Hand auf den Unterarm. »Sie müssen keine Angst haben. Ich beiße nicht und wir haben das Verbrennen von Häretikern vor Jahrhunderten eingestellt.«
Die Frau neben ihnen lachte herzhaft. »Oh, vielen Dank, dass Sie das sagen. Er stellt sich schon den ganzen Vormittag deswegen an!«
»Wegen der Häresie? Wollen Sie konvertieren?«
»Was?« Der Hüne schaute erschrocken auf. »Nein! Meine Frau würde mich erschlagen.«
Shane blickte von ihm zu der Frau. »Dann müssen Sie mir weiterhelfen. Was möchte die Polizei von mir?«
»Wenn ich bedenke, wie stümperhaft du gearbeitet hast, kommen sie, um dich zu verhaften!«
Sie blinzelte und legte die Stirn in Falten. Shane ignorierte den geistigen Zwischenruf und zeigte auf ihre Hüfte. »Ihre Dienstwaffen.« Er lächelte die beiden erwartungsvoll an. »Nun, Sie kennen meinen Namen, aber ich nicht Ihre. Mit wem habe ich die Ehre?« 
Sie räusperte sich. »Äh, ja. Entschuldigung. Kriminaloberkommissarin Sonja Junik und Kriminalkommissar Maximilian Aumüller.« Die Frau deutete auf sich und ihren Kollegen. Junik, der Name klang vertraut, doch ihm fiel der Zusammenhang nicht ein. 
Shane lächelte stoisch und atmete tief ein. Die beiden Polizisten wirkten freundlich und entspannt. Sie kamen nicht, um ihn zu verhaften.
»Sie haben eine gute Beobachtungsgabe.« Sie rieb sich das Kinn. »Hochwürden?«
»Korrekt. Aber das höre ich gar nicht so häufig. Die meisten Menschen sagen nur ›Herr Pfarrer‹ zu mir oder ›Herr Teague‹.«
»Ich verstehe.« Sonja Junik ließ ihren Blick über den Altar und den Baum schweifen. »Nun …«
Shane hielt den Atem an und fixierte die Polizistin.
Für den Besuch der beiden Polizisten gab es bei näherer Betrachtung nur einen Grund. Derart stümperhaft hatte er es seit langer Zeit nicht getan und er hatte trotzdem gehofft, dass ihn sein Fehler nicht vor Weihnachten einholte. Weil es in den vergangenen Jahren reibungslos verlaufen war, hatte er sich in trügerischer Sicherheit gewähnt. Doch jetzt war die Kriminalpolizei seinetwegen hier.
»Ihre Kirche ist wirklich schön«, sprach sie weiter. »Es tut mir sehr leid, dass wir heute nicht deswegen hier sind.«
Shanes Miene bleib freundlich. Er zwang sich, zu atmen, versuchte sein rasendes Herz zu beruhigen. Es ging nicht um ihn. Seine Kirche stand den unterschiedlichsten Menschen offen. Außerdem beteiligte er sich an verschiedenen Projekten in der Stadt. Die beiden Ermittler suchten womöglich nur einen der Obdachlosen, die er einmal in der Woche traf. 
Ein Schatten huschte über das Gesicht der Polizistin und ihr Blick wurde ernster. »Wir möchten Ihnen einige Fragen stellen. Gibt es dazu eventuell einen etwas privateren Raum?«
Seine Atmung wirkte weiterhin falsch und fremd. »Natürlich.« Er räusperte sich. »Folgen Sie mir, bitte.« Shane deutete auf die Tür zu den Büroräumen. 
Er schritt um den Altar. Hinter sich hörte er die Schritte der beiden Polizisten.

Nur ein Gott – Kapitel 1

Sonja Junik saß an dem Konferenztisch ihrer Abteilung und las den Bericht des Labors erneut. Die Ergebnisse beantworteten Fragen, warfen dabei aber leider neue auf. Seit der Identifikation des Opfers verwunderte es sie nicht, dass Petko Vali zum Zeitpunkt seines Todes einen hohen Alkoholspiegel im Blut gehabt hatte. Stirnrunzelnd nippte sie an ihrem Kaffee. Die Spuren von einem Schlafmittel ergaben dagegen keinen Sinn. Seufzend legte sie den Hefter auf den Tisch und rieb sich die Schläfen. Alkoholisiert oder unter Medikamenteneinfluss waren schon Menschen im Fluss ertrunken. Deswegen vermutete Maximilian Aumüller, ihr dienstältester Kollege, seit Anfang der Ermittlungen einen Unfalltod. Falls die jüngeren Polizisten diese Ansicht teilten, schwiegen sie darüber. 
Sie führte die Tasse zum Mund. Sie war leer. Sonja seufzte erneut.
Wenn der Mann aus dem Fluss nur ertrunken wäre, hätte sie Max zugestimmt, aber gestorben war Petko Vali durch eine Stichverletzung im Hinterkopf. Form und Position waren einfach zu perfekt, um von einem zufälligen Sturz zu kommen. Hoffentlich zeigte der Abdruck aus dem Labor ein genaueres Bild.
Das Klappen der Tür unterbrach ihre Gedanken. Breit grinsend betrat Max den Raum, warf eine Akte auf den Tisch und setzte sich neben Sonja. »Moin! Ich war heute Morgen schon sehr fleißig!«
Sie nickte und hielt ihm die Mappe entgegen. »Moin, Max. Das ehrt dich. Ich habe mich auch durch Papiere gearbeitet. Hier der Bericht des Labors. Hast du den Abdruck bekommen können?«
»Welchen Abdruck?«
»Den aus dem Kopf des Opfers?«
»Toten«, korrigierte er sie. »Aus dem Kopf des Toten. Und nein, sie brauchen noch.«
»Dann warten wir.« Sie betrachtete den Bericht. »Sag mal, weißt du, wo man schwarze Baumwollfasern und Weihrauch findet?«
Er zuckte mit den Schultern. »Was haben die mit dem Fall zu tun?«
Sonja schlug die entsprechende Seite auf und deutete auf den Text. »Die Fasern waren unter seinen Fingernägeln. Hier, Spuren von Weihrauch, und das hier ist wohl ein Färbemittel.«
Max lehnte sich zurück und las den Bericht. Er wiegte den Kopf hin und her. »Teuer.«
Irritiert schaute sie auf die Akte. »Wieso teuer?«
Er griff nach der Mappe, die er selbst mitgebracht hatte, und zog einen Flyer heraus. »Das, liebe Sonja, ist ein für die Umwelt unbedenkliches Färbemittel, das garantiert vegan entwickelt wurde. Es wird von Unternehmen genutzt, die hochwertige Kleidung herstellen, vorwiegend in Europa. Das findest du nicht bei H&M.«
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Max war ein Mensch, der keinen übermäßigen Wert auf seine Garderobe legte. Dass er über vegane Färbemittel referierte, verwunderte sie. »Woher weißt ausgerechnet du das?«
Er schob ihr den Flyer entgegen. »Ah, Judith hatte mir das erzählt, als wir damals nach einem Anzug für die Trauung gesucht haben. Ich habe in den Wochen alles über schwarze Stoffe gelernt. Alles.« Er rollte mit den Augen. 
»Ich werde es in deiner Personalakte vermerken. Falls wir erneut Hilfe bei der Identifikation von schwarzen Stofffasern benötigen, kennen wir unseren Experten.«
»Bitte nicht. Wie dem auch sei, hier«, er tippte auf die Broschüre, »findest du Weihrauch und eben solche Stoffe.«
Der Flyer war schlicht und modern gestaltet. Es handelte sich um Informationsmaterial der hiesigen Diakonie und deren Hilfsangebote, herausgegeben von den lutheranischen Gemeinden der Stadt. 
Verwirrt zog sie die Brauen zusammen. »Äh, was hat denn die Diakonie mit Weihrauch zu tun?«
Max signalisierte ihr, weiter zu blättern. »Letzte Seite.«
Am Ende des Flyers war eine Übersicht der verschiedenen Gruppen und deren Terminen. Die Veranstaltungen verteilten sich auf die unterschiedlichen Räumlichkeiten in der Stadt und einige fanden in der katholischen Gemeinde statt. Auf der Rückseite lächelten ihr die Seelsorger entgegen, viele der Pastorinnen und Pastoren standesgemäß in schwarzen und grauen Hemden. Sie schaute Max an. »Ich kann dir immer noch nicht ganz folgen. Wir haben einen ertrunkenen Schlosser und keinen Pastoren.«
Triumphierend deutete er auf die Akte auf dem Tisch. Seufzend zog sie die Mappe zu sich heran und schlug sie auf. Das erste Blatt war eine Vermisstenanzeige für ihren Toten, Petko Vali, aufgegeben von seiner Ehefrau. »Max, ich möchte nicht Rätselraten.«
Er hob beschwichtigend die Arme. »Gut, gut. Pass auf. Frau Vali hat ihren Mann vor einer Woche vermisst gemeldet. Zuletzt gesprochen hatte sie ihn eine Woche davor, und da wollte er in die Kirche.«
Sonja nickte. »Und wieso hat sie ihn erst so spät vermisst?«
Er zuckte mit den Schultern. »Das kann ich dir nicht sagen, das steht hier nicht. Dafür haben die Kollegen aufgeschrieben, dass er mit dem Pfarrer sprechen wollte.«
Max zeigte auf ein Bild von zwei Männern vor einer dunklen Holztür. »Genau diesem hier. Er leitet die Gruppe für die Alkoholiker.«
Der hochgewachsene Geistliche trug eine Soutane, in seinem makellosen Gesicht lag ein mildes Lächeln. Laut Bildunterschrift waren dies Pfarrer Shane Teague und Diakon Jens Rohn der katholischen Kirchengemeinde. Sonja betrachtete den Priester genauer. »Bist du dir sicher, dass er ein Priester ist? Der sieht ja eher aus wie ein Model.«
Max kicherte wie ein Kind. »Auch Priester dürfen doch gut aussehen, oder? Auf jeden Fall hast du da deine Verbindung. Soutanen kauft man vermutlich nicht von der Stange.«
Sie nickte und legte den Flyer auf den Tisch. »Was hat er denn zu dem Verschwinden gesagt?«
Seufzend lehnte sich Max in dem Stuhl zurück. »Die Kollegen haben nicht mit ihm gesprochen.«
Sonja schaute Max schweigend an. Der Tote in der Pathologie war vor mindestens zwei Wochen verstorben. Die Ehefrau hatte ihn spät vermisst gemeldet, und den letzten Menschen, der ihn gesehen hatte, hatten die Beamten gar nicht erst vernommen. 
»Warum nicht?«, brach sie das Schweigen.
»Warum nicht was?«
»Warum hat niemand den Pfarrer befragt? Steht es dort?«
Der Kommissar blätterte durch die Unterlagen. »Sie haben ihn nicht angetroffen. Danach hat man es wohl vergessen.«
Sie hob eine Augenbraue. »Vergessen? Manchmal habe ich das Gefühl, dass ›Ermittlung‹ in dieser Dienststelle ein Fremdwort ist. Du weißt, was das heißt?« 
»Ermittlung? Ja, natürlich.« Max runzelte die Stirn. »Aber darauf wolltest du nicht hinaus.«
Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Wir müssen da selbst nachhaken. Sag, kennst du jemanden aus der Kirchengemeinde?«
»Wir?«, er schaute sie verwundert an. »Du willst, dass ich mitgehe?«
Langsam stand sie auf und deutete mit einer Handbewegung in den leeren Raum. »Ja, Max, du. Es ist niemand sonst hier und ich fahre ungern allein los. Hast du ein Problem damit?«
Ihr Kollege zog den Kopf ein und betrachtete scheu seine Schuhe. »Nein, nein. Ist alles in Ordnung.«
Max war ein eindrucksvoller Kerl und seine bloße Anwesenheit schüchterte Menschen ein, nicht anders herum. Sonja kniff die Augen zusammen. »Was hast du?«
»Ich gehe nicht gerne in katholische Kirchen.«
»Du musst ja nicht gerne reingehen.« Sie schüttelte den Kopf und setzte sich an ihren Schreibtisch. »Ich bin auch kein großer Fan der katholischen Kirche.«
Er folgte ihr und beobachtete sie von der Tür aus. 
Obwohl sie hier aufgewachsen war, hatte sie die Kirche auf der anderen Seite der Innenstadt nie von innen gesehen. Als Kinder hatten sie im Park daneben gespielt und in der Adventszeit den Markt besucht, den die Gemeinde veranstaltete. Weitere Berührungspunkte zwischen Evangelen und Katholiken gab es nicht. Aber Sonja hatte dem Glauben sowieso abgeschworen. Sie googelte und prüfte die Webseite des Gotteshauses. »Max, du hast noch Gnadenfrist, dort ist jetzt eine Art Messe.«
»An einem Freitag?«
»Ja, ›Laudes‹, was auch immer das ist. Wir sollten erst danach hinfahren.«
Er atmete hörbar aus und schlich zu seinem Schreibtisch. 
Die Google-Ergebnisse wiesen ebenfalls auf eine Instagram-Seite. Sonja zog die Brauen zusammen. Sie klickte auf den Link und pfiff durch die Zähne. »Komm her, das musst du sehen. Der Pfarrer hat eine Fan-Seite!«
Max sprang auf und lief zu ihr herüber. »Bitte, was?«
Er schaute über ihre Schulter auf den Bildschirm. Der Account enthielt hunderte Posts. Sonja scrollte fasziniert durch die Beiträge. 
Shane Teague in weißer Robe vor dem Altar.
Beim Segen spenden.
Im Gespräch mit einer Gruppe.
Auf einem Foto saß er auf einer Parkbank und betrachtete ein Eichhörnchen vor sich. Es strahlte Ruhe und Gelassenheit aus. Sie erstellte einen Screenshot und scrollte weiter.
Alle Bilder einte, dass sie aus der Distanz oder seltsamen Winkeln fotografiert worden waren. Vermutlich aufgenommen ohne Zustimmung der abgebildeten Person. 
Max richtete sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. »Das ist absolut grotesk. Und schau dir mal die hier an. Ich denke nicht, dass er von den Bildern weiß. Das grenzt doch schon an Stalking!«
»Ja, das tut es. Ziemlich seltsam, wenn du mich fragst.«
»Wir können ja nachher mit ihm darüber sprechen.« Er klopfte auf ihre Schulter. »Sieh es mal so, wenn er wegen der Fotos Anzeige erstattet, kriegen wir doch noch etwas zu tun. Aber erstmal Frühstück.« Max zog eine Brotdose aus seinem Schreibtisch und inspizierte den Inhalt.
»Wir haben doch etwas zu tun? Und überhaupt, ich dachte, die Kirche macht dir Angst?«
»Nein«, nuschelte er in sein Frühstück. »Ich habe keine Angst. Ich gehe nur nicht gerne hin. Der Pfarrer hingegen sieht nett aus.«
»Also befragen wir den Pfarrer?«
Max nickte. »Ja, du hast mich überredet, ich komme mit.«
»Kaffee?« Sie stellte die Maschine an, ohne auf seine Antwort zu warten.
Einen Internet-Star hatte sie noch nie befragt.

Nur ein Gott – Prolog

Das Wasser verdünnte die Blutlache. Still kroch die Flüssigkeit durch die Fugen der Fliesen.
Das ist falsch.
Er scheuerte gegen das Rinnsal. 
Kein Blut. Wasser. Ich wollte Wasser. Blut ist schwierig.
»Es ist auf deiner Kleidung.« Die Stimme verhallte kichernd.
Seine Hände waren besudelt. Blutig. Schweiß rann über seine Haut, den Nacken hinab. Der Kragen war zu eng. Er löste den Knopf, der weiße Streifen fiel zu Boden. Gierig sog die Baumwolle die Lache auf. Er schrubbte. Jede Bewegung entfernte einen weiteren Teil seines Verbrechens.
Die Fliesen glänzten weiß und rein vor ihm. Erschöpft legte er die Hände in seinen Schoß und atmete ein. 
Erledigt.
»Du hast da was vergessen. Schau.«
Er schaute sich um. Am Haken klebte Blut. Er wischte es weg.
»Noch nicht ganz.«
Aus der Wand sickerte Blut. An den Schrauben vorbei. Rhythmisch im Takt des Herzschlags bahnte es sich seinen Weg.
Er schrubbte.
Es floss schneller.
Die Anstrengung ließ ihn keuchen, doch er gab nicht auf. Hektischer rieb er an den Fliesen.
Es pulsierte unaufhörlich über seine Hände.
Die Zunge klebte in seinem trockenen Mund. 
Ich brauche eine Pause.
»Du machst es nur schlimmer.«
Die Fliesen blendeten. Er wandte den Blick ab. Die Wände schienen kein Ende zu finden. Das Badezimmer war zu groß.
»Das schaffst du niemals.«
Dann entsorge ich erst die Leiche. 
Sie sind immer schwerer, wenn sie tot sind.
Die kühle Luft half gegen den Schweiß. Auf der Brücke hatte ein Fahrzeug die Lampen beschädigt. Deswegen war er hier. Schwarze Soutane in finsterer Nacht.
»Ich gebe zu, dass war kein schlechter Plan.«
Seine Füße fanden den Weg. Er ließ die Leiche zu Boden fallen.
Hier ist der Fluss tief genug.
Er zog an dem Toten. 
Zu schwer. Pause. Ich brauche eine Pause. 
Trotzdem stemmte er sich gegen die Last. Sie bewegte sich. Er schob sie über die Brüstung. Es platschte unten im Fluss.
Er starrte in die Finsternis.
»Du hättest etwas sagen sollen.«
Er drehte sich um. Vor ihm stand sein Ebenbild. Akkurat angekleidet. Der weiße Kragen leuchtete aus der Dunkelheit. Es hob den Arm, das Messer in der Hand. 
Es tut mir leid.
»Sei still, es ist gleich vorbei.«
Es stach zu.
Er fiel über die Brüstung, versuchte, sich zu halten. 
»Lass einfach los.«
Das Wasser war eiskalt. Er atmete ein. Die Klinge steckte tief in seiner Brust. Jeder Atemzug jagte eine Welle des Schmerzes durch seinen Körper. 
Die Kälte kam von unten, durch seine nasse Kleidung, das Wasser von oben.
»Ich hole Hilfe.« Eine reine, körperlose Stimme.
Er streckte seine Finger in ihre Richtung.
Lassen Sie mich nicht allein. 
Sie antwortete nicht.

Nur ein Gott (in Bearbeitung)

»Sonja, hast du schon einmal einen Menschen sterben sehen? Gesehen, wie das Leben langsam aus seinen Augen weicht? Ich muss nur leicht ziehen und ich kann es erleben.«

Nur ein Gott ist mein Erstlingswerk. Obwohl ich mit dem ersten Entwurf sehr zufrieden war, benötigt der Roman noch Feinschliff. Deswegen veröffentliche ich derzeit nur die überarbeiteten Kapitel.
Gerne lese ich in den Kommentaren euer Feedback dazu.
Es handelt sich im einen Thriller mit Mystery-Aspekten.

Das Cover ist ein grober Entwurf und noch nicht final.

Klappentext:
Pater Shane Teague ist ein frommer Mann – und Serienmörder.
Seit Wochen plagen ihn Albträume und der Wunsch nach einem neuen Opfer. Denn sein letzter Mord hat ihm nicht die erhoffte Befriedigung gebracht. Stattdessen ruft seine schlampige Arbeit die Kommissarin Sonja Junik auf den Plan, die dem Pfarrer seine Fassade als devoter Katholik nicht abkauft.
Während sich die beiden in einem Kriminalfall vertiefen, erwacht ein antiker und rachsüchtiger Gott, der ganz andere Pläne mit dem Priester hat.

Inhalt

Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 6

Ganz automatisch war ich in mein Zimmer gestolpert. Wir brauchten Wärme. Zu den Privilegien der Oberstufe gehörte ein kleiner Kamin in den eigenen Räumen. Ich stellte den zitternden Kaplan in das Badezimmer, riss alle Heizungen auf und entfachte ein Feuer. Wegen der tauben Finger benötigte ich einige Anläufe, bis die Flammen knisternd Hitze ausstrahlten.
»Ausziehen!«, rief ich dem Geistlichen zu. Laut einer Fernsehdokumentation war es notwendig, dass man die nasse Kleidung auszog. Doch er stand nur apathisch und tropfend im Raum. 
»Bitte, Sie müssen aus den nassen Sachen raus. Kommen Sie«, redete ich auf ihn ein. Da er weiterhin nicht reagierte, zog ich ihm den Mantel aus und versuchte, sein Hemd aufzuknöpfen. »Es wird gleich wärmer, versprochen.« Zwar kam langsam das Gefühl ein meine Finger zurück, ein schmerzhaftes Puckern, aber die verfluchten Knöpfe stellten eine Herausforderung dar. Verzweifelt riss ich an dem Stoff, bis er nachgab. Unter Beteuerungen, dass es bald besser sei, gelang es mir, Kaplan Flory zu entkleiden. Ich rubbelte ihn trocken, wickelte ihn in Handtücher und setzte ihn vor den Kamin. Zur Sicherheit holte ich alle Decken hervor und deckte den Geistlichen zu. »Ruhen Sie sich aus.«
Schnaufend sank ich auf den Stuhl am Schreibtisch. Obwohl wir jetzt im Warmen waren, zitterte ich am ganzen Körper – mir war kalt? Auf dem Boden sammelte sich Wasser. Meine eigene Kleidung war bei der Rettungsaktion ebenfalls völlig aufgeweicht. Zähneklappernd fischte ich die letzten trockenen Handtücher aus dem Schrank. 
Vor dem Kamin hatte sich der Kaplan aus allen verfügbaren Decken einen Kokon gebaut. Es sah zwar sehr niedlich aus, aber mir war kalt. Behutsam zog ich an der obersten Schicht. »Haben Sie etwas Platz für mich?« Da er nicht antwortete, schob ich mich unter die Decken. Trotz des Eisbads verströmte er diesen betörenden, blumigen Geruch. Er atmete tief und gleichmäßig. War er eingeschlafen? Auch ich spürte eine bleierne Müdigkeit und schloss die Augen, um kurz auszuruhen. 

***


Pechschwarze Dunkelheit umgab mich. Schwerelos trieb ich dahin. 
»Sie müssen sich an den Sternen orientieren«, hallte die Stimme des Kaplans.
»Aber wie?«
»Ich habe es Ihnen doch gezeigt?«
Da waren tatsächlich Lichtpunkte. Ungeordnet hingen sie in Gruppen über mir. Ich war mir sicher, dass ich nur mit ihrer Hilfe nach Hause finden würde. Er hatte es erklärt. Linien bilden, Sterne verbinden. Immer, wenn ich einen Punkt fixierte, wanderte er weiter. Ich versuchte es erneut, erfolglos. Panik stieg in mir auf. Die Dunkelheit wollte nicht enden.

***

Ein Feuer knackte. Mein Herz hämmerte schmerzhaft gegen die Rippen. Ich riss die Augen auf und schaute mich erschrocken um. Im gedämpften Licht des Kamins erkannte ich den Schreibtisch, das Bett, den gemütlichen Sessel am Fenster – mein Zimmer. Die Dunkelheit gehörte nur zu einem bösen Traum. Erleichtert seufzte ich auf.
»Danke«, hauchte eine zarte Stimme. 
Auf einen Ellenbogen gestützt lag Kaplan Flory lächelnd neben mir. Durch die Spiegelung der Flammen leuchteten seine Augen bernsteinfarben.
Wir schauten uns an. Er nestelte am Saum eines Handtuchs und sein Finger berührte wie zufällig meinen Arm. Den vielsagenden Blick konnte ich mir doch nicht einbilden? Zaghaft streichelte ich über seine Wange. Er blickte mich schweigend an. Wollte er mehr?
Ich rollte mich auf die Seite. Unsere Gesichter trennten nur wenige Zentimeter. Noch immer schwieg er, rückte aber nicht von mir fort. Vor Anspannung hielt ich den Atem an.
Das war der Moment, doch er würde den ersten Schritt nicht gehen.
Ich schloss die Augen und drückte meine Lippen auf seine. Genauso plötzlich zog ich den Kopf wieder zurück. »Öh, tut …«
»Hmm.« Über die Brust, am Schlüsselbein vorbei streichelte er mich und legte seine Hand in meinen Nacken. »Wunderschön.«
»Ich …«
Mit sanften Druck führte er unsere Lippen erneut zusammen. Sinnlich spielte er mit der Zunge, knabberte an meiner Haut. Sein Mund wanderte tiefer.
Zärtlich kraulte ich seine Brust, folgte den angenehm kitzelnden Härchen in Richtung seiner Scham. Mit jedem Zentimeter, den ich über seine Bauchmuskeln glitt, spannte er sie stärker an. Seine Atmung wirkte gepresst und er hatte aufgehört zu küssen. 
Etwas stimmte nicht. 
Irritiert blickte ich auf. Er schaute mich mit geweiteten Augen an. 
»Soll ich aufhören?«
Er schüttelte den Kopf. 
»Sind Sie nervös?«
Er nickte.
»Schon einmal gemacht?«
Die Muskeln um seine Augen zuckten und er schloss die Lider. Ich verstand.
»Ich zeige es Ihnen, ja?«
»Ich heiße Sven«, flüsterte er. 
»Okay, Sven.« Zärtlich küsste ich seinen Hals. »Es wird dir gefallen.«
Sanft führte ich seine Hände und lauschte dem verzückten Stöhnen.

***

Unsere Körper mit Fingern und Lippen zu erkunden, war erschöpfender, als ich angenommen hatte. Schwer atmend lagen wir nebeneinander vor dem Kamin. Das knisternde Feuer ließ den Raum romantisch flackern. Ich kuschelte mich an Sven und küsste seinen Hals. Er schmeckte salzig. Dieser wundervoll zarte Mann musste mit Küssen überschüttet werden. Jeden Zentimeter seiner Haut wollte ich berühren.
»Du hast mir eben das Leben gerettet.«
Ich war an den Schlüsselbeinen angekommen und sprach zwischen den Küssen. »Hmm? Das Leben … gerettet? Mit Sex? Das war … nur ein … Handjob.«
Er kicherte. »Nein, draußen auf dem See.«
»Hmm.« Sven gehörte zu den Menschen, die nach Sex gerne redeten. Da ich gerade beschäftigt war, störte es mich nicht. Ich fuhr mit seiner Brust fort.
»Als ich im Wasser war … die Leute sagen immer, dass das Leben an einem vorbeizöge. Und ich dachte wirklich, dass ich sterben werde. Aber weißt du, was meine Gedanken waren?«
»Hmm?« Hatte ich die rechte Brustwarze schon geküsst? Zur Sicherheit drückte ich meine Lippen erneut auf sie.
»Ich dachte, ›Was wird nur Gott von dir halten, wenn du wie ein tropfnasser Pudel auftauchst?‹ Das ist doch ein alberner Gedanke, oder?«
»Hmm.« Die blonden, fast durchsichtigen Haare auf seinem Bauch kitzelten an den Lippen. Vorsichtig tastete ich mich weiter zum Bauchnabel.
»Es war auch blöd, überhaupt da raus zu laufen. Ich wollte es eigentlich nur als Ausrede nehmen, damit ich das Telefonat jederzeit beenden könnte, verstehst du?«
»Hmm.« Ich küsste seine Hüftknochen. Langsam musste ich mich entscheiden. Entweder ich wanderte die Beine hinab und wieder hinauf, oder ich drehte ihn um. Mein Ziel, dieser kleine, liebliche, reizende Hintern, lag dort. Allein der Gedanke an ihn erregte mich. Lange würde ich nicht mehr aushalten.
»Mein Vater ist etwas anstrengend. Lange Geschichte, aber unser Verhältnis ist einfach nicht so gut. Wie sieht das bei dir aus?«
»Hmm.« 
»Daniel?«
»Hmm?«
»Verstehst du dich gut mit deinen Eltern?«
Ich würde einfach seine Scham hinabwandern, bis ich es nicht mehr aushielt, und mir dann den Hintern vorknöpfen. Meine Lippen setzten ihren Weg fort. »Das kannst … du dir … doch selbst … denken. Ich … bin hier … und nicht … bei meinen … Eltern unterm … Weihnachts…«
»Scheiße! Weihnachten!« Sven richtete sich abrupt auf. »Wie spät ist es? Oh Gott!«
»He, ich war hier noch nicht fertig!«
»Wo sind meine Sachen?« Er sprang auf. »Weihnachten, wie konnte ich das vergessen?« Er lief ins Badezimmer.
Ich rollte mich auf den Bauch und schaute ihm hinterher. »Ja, ich weiß. Kommt immer so plötzlich. Geschenke vergessen?«
»Nein«, brummte er, die Taschen seines Mantels durchwühlend. »Weihnachtsmesse.«
»Ach die.« Ich gähnte. »Lass die doch ausfallen, da gehen eh nur Oberstreber hin. Bleib lieber hier bei mir, vor dem Kamin.«
Sven trat ins Zimmer zurück und blickte mich streng an. »Das kann ich ja wohl schlecht?«
»Wieso?«
»Daniel!«
Ich zog die Brauen zusammen. Es stimmt einfach, dass einem bei starker Erregung das Blut im Gehirn fehlt. Erst, als mein Blick auf das Kreuz an seinem Mantelaufschlag fiel, machte es Klick. »Oh, ja. Du musst arbeiten. Du wirst doch keinen Ärger kriegen?«
»Wenn ich zu spät komme? Nein, nicht sehr.« Er betrachtete traurig sein Handy. »Ach, das war noch ganz neu.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Kauf halt ein Neues. Jetzt musst du deinen Vater nicht anrufen.«
»Ja, ganz toll.« Er seufzte und legte das defekte Gerät auf den Tisch. »Gehst du zur Messe?«
»Ich habe mich das ganze Jahr darauf gefreut, die zu verpassen! Aber dir wünsche ich ganz viel Spaß!« Ich nickte zu meinem Penis. »Ich werde aber gleich duschen und an dich denken, falls das hilft?« 
Kopfschüttelnd untersuchte Sven seine Kleidung. »Daniel?«
»Ja?«
»Hast du … wie komme ich denn jetzt in mein Zimmer?«
Die Klamotten waren natürlich noch nass, die konnte er nicht anziehen. »Vielleicht habe ich was.« Ich reichte ihm einen Kapuzenpullover und eine Trainingshose. »Ist vielleicht etwas groß.«
Sven versank in meinem Pullover, aber mit der Kapuze war er nicht zu erkennen. Lachend krempelte ich die Hosenbeine um. »Das ist ein Anblick!«
»Lachst du mich aus?«
»Nein. Du bist nur so unglaublich süß.« Ich zog ihn für einen Kuss an mich. 
»Ich muss jetzt wirklich gehen.«
Widerwillig ließ ich ihn los. »Gute Nacht, dann.« 
Sven lächelte mich an. »Ja, gute Nacht.« Er huschte aus dem Zimmer.
Priester vor einem Kamin – ein wahrlich heiliger Abend. Ich vergrub mein Gesicht in den Decken. Sie rochen noch nach ihm. 

***

Als der Boden zu unbequem wurde, ging ich duschen. Das warme Wasser wusch die letzten Zeugnisse unserer kleinen Sünde von meiner Haut. Der Gedanke ließ mich grinsen. Falls der alte Mann da oben im Himmel tatsächlich existierte, erwartete uns sicherlich ein Plätzchen in der Hölle. Als Kind hatte ich Hoffnung und Trost in die Religion gesetzt. Doch seit ich meine wahren Gefühle entdeckt hatte, mied ich diesen Gott, der in mir einen Fehler sah. Und trotzdem hatte er Sven zu seinem Diener berufen. Ein seltsamer Plan.
In ein Handtuch gewickelt schlurfte ich zum Bett. Auf Marks Party waren die Gäste vermutlich schon rotzevoll. Neben widerlichem Bier, uninteressanten Frauen und in den Ohren schmerzender Musik, würde mich dort also das Gegröle Betrunkener erwarten. Dann lieber ins Bett. 
Die Decken verströmten Svens Geruch. Der saß unten in der Kirche und bereitete mit Pfarrer Röwer die Messe vor. Ich hatte zwar behauptet, nicht hingehen zu wollen, doch die Aussicht, meinen Geliebten wiederzusehen, erhöhte die Attraktivität der Veranstaltung enorm. Es war noch ausreichend Zeit bis zu ihrem Beginn.
Und Sven könnte mir danach vielleicht erklären, warum Gott Schwule hasste, sie aber als Priester akzeptierte. Immerhin waren solche Fragen Teil seines Berufs als Kaplan.
Warm eingepackt stapfte ich hinunter ins Dorf.

***

Die Messe war gut besucht und Sven hatte mich nicht entdeckt. Für meine Fragen wäre ein intimeres Plätzchen ohnehin sinnvoller. Also wartete ich im Anschluss zwischen den Bäumen auf ihn. Es gab nur den einen Weg zur Schule und damit lief er nach dem Gottesdienst hier entlang. Leider hatte ich unterschätzt, wie lange Priester in ihrer Kirche herumhockten. Mittlerweile stand ich gelangweilt in dem Wäldchen hinter dem Dorf. Die Kälte fand ihren Weg durch Handschuhe und Mantel. Um mich zu wärmen, trat ich von einem Bein auf das andere. Endlich stapfte die kleine, dick eingepackte Gestalt an meinem Versteck vorbei. Ich schlich ihm hinterher. »Na? Zu spät gekommen, weil du … na ja … gekommen bist?«
Er zuckte zusammen und drehte sich zu mir um. »Sie? Was machen Sie denn hier?«
Ich schloss zu ihm auf. »Ah, ich habe die Messe besucht und dachte, wir könnten gemeinsam nach Hause gehen. Damit du nicht wieder ins Wasser fällst.« 
»Ich dachte, dass Sie die Messe nicht mögen?«
»Ja, dachte ich auch. Aber die Alternative wäre diese doofe Party gewesen. Ehrlich gesagt wurde der Gottesdienst optisch aufgewertet.« Ich griff seine Hände und legte meine Stirn an seine. »Du siehst in so einem Messgewand verdammt sexy aus.«
Er trat erschrocken zurück. »Bitte sagen Sie so etwas nicht.« Sven setzte den Weg zügig fort. »Das vorhin, das war ein Fehler.«
»Ach, was denn genau?«
Obwohl es recht dunkel war, sah ich, dass er rot anlief. »Alles«, flüsterte er mit zitternder Stimme. Wir liefen einige Schritte schweigend auf die Schule zu. Ich konnte ihn gut verstehen. Nach meinem ersten Mal hatte ich mich tagelang nicht aus meinem Zimmer getraut. Vorsichtig fasste ich seine Hand. »Hey, du musst dich dafür nicht schämen. Es war doch schön, oder?«
Er blieb stehen. »Ja, das war es. Aber es darf niemand erfahren. Falls jemand fragt, ich hatte Pfarrer Röwer gesagt, dass ein Schüler meine spirituelle Führung benötigte.« Zwar hatte ich geführt, aber spirituell war es auf jeden Fall gewesen. »Sagen Sie einfach, dass Sie gebeichtet hätten, okay?«
»Ach? Und was soll ich gebeichtet haben?«
Er seufzte. »Das ist doch egal. Es würde ja sowieso niemand erfahren.«
Wir setzten unseren Weg schweigend nebeneinander fort. In den meisten Fällen hatte ich mit einer Person nur eine Nacht verbracht. Aber Sven wollte ich wieder sehen. Er strömte einen angenehmen Duft nach Weihrauch und Sommerblüten aus, der mich an einen glücklichen Moment erinnerte. Bilder ließen sich diesem Gedanken nicht zuordnen, nur eine innere Zufriedenheit und wohlige Wärme. 
»Liebt Gott uns?«
Er schaute nicht auf. »Was ist denn … Warum fragen Sie das?«
»Na, weil wir doch ständig irgendwie gegen seine Gesetze verstoßen, oder?«
Sven nickte. »Gott liebt alle Menschen. Auch Sie, sonst könnte er Ihnen ja nicht vergeben, wenn Sie beichten. Machen Sie sich keine Sorgen.«
Ich hatte wissen wollen, warum wir überhaupt sündigten. Aber der Kaplan stapfte schnaufend neben mir die Straße entlang und ich bezweifelte, dass er heute Abend für eine theologische Diskussion aufgeschlossen war. 
Vor uns tauchte das verschneite Schloss glitzernd auf. In der Nacht waren wichtige Wege ausgeleuchtet und der Schnee reflektierte die spärliche Beleuchtung. Im Hof zog ich Sven in eine Ecke, die von den Fenstern nicht einsehbar war. 
»Darf ich morgen noch einmal zur Beichte kommen?«, flüsterte ich. 
Wir standen uns gegenüber und er schaute zu mir hoch. In seinen blauen Augen entdeckte ich feine grüne und braune Linien, die mir nie bei einem Menschen aufgefallen waren. Klare, glänzende Augen. Sie bewegten sich hin und her, suchten mein Gesicht ab. 
»Wir dürfen das nicht tun.«
Ich nickte zögerlich. 
Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel und unser Atem trieb in dünnen Wölkchen davon. Er legte seine Hände auf meine Brust, ich meine auf seine Schultern. Wir schauten uns in die Augen. Dieses Kribbeln, dass ich nur in seiner Nähe verspürte, kroch erneut über mich.  Es war so einzigartig, dass ich nicht wollte, dass es aufhörte. 
»Scheiß drauf«, hauchte er und reckte den Kopf oben. Unsere Lippen berührten sich. 
Der Kuss war lang, intensiv und der schönste, den ich je erlebt hatte. 
Als wir uns voneinander lösten, lag eine dünne Schicht Schnee auf seiner Mütze.
»Wir sollten ins Bett gehen«, stellte er fest. Ich lächelte zu ihm herab und öffnete den Mund, doch er schüttelte den Kopf. »Jeder in sein Eigenes. Gute Nacht.«
»Gute Nacht.« Ich drückte seine Hände und ließ ihn los. Zügig lief er ins Gebäude. 
Ich blieb einige Minuten in der Ecke und grübelte über die vergangenen Wochen. Sven hatte mehrfach einen Schritt auf mich zugemacht. Das heute Nacht war mehr als ein One-Night-Stand. Es sei denn, dies eben war ein Abschiedskuss gewesen. Ein verdammt Guter. 
Sein gehauchtes ›Scheiß drauf‹ ließ viele Deutungen zu. 
In meinem Badezimmer lag doch noch seine nasse Kleidung. Wir mussten uns erneut treffen. 
Hier draußen würde ich keine Antwort finden und es fröstelte mich. 
Ich tat es Sven gleich und schlich in das Gebäude.

Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 5

Unser Gespräch beschäftigte mich bis in die Träume. Wir standen erneut am Seeufer, zu zweit, keine schreienden Kinder. Endlich konnte ich ihn küssen. Doch er reagierte mit Wut und Abscheu, lief von mir fort. In diesen Nächten wachte ich schweißgebadet auf. Im Unterricht ließ sich Kaplan Flory nichts anmerken und mit jedem Tag, der verstrich, zweifelte ich, dass er mit mir geflirtet hatte. Sicherlich nur Einbildung, ein Wunsch eines verknallten Teenagers. 
Ich mied den Geistlichen und verbrachte stattdessen mehr Zeit mit meinen Freunden. Wir planten unser Finale. Insgesamt waren wir damit recht erfolgreich, leider war die aktuelle Idee an der Verfügbarkeit von Antilopen gescheitert. Bis zu den Weihnachtsferien hatten wir keine Lösung gefunden und so ruhte die Planung bis ins nächste Jahr. Frank, Fabian und Sebastian folgten den meisten Schülern und fuhren zu ihren Familien. Meinen Eltern war ich scheißegal, also besuchte ich gewöhnlich Mark, dessen Verwandte mich mochten. Aber er hatte sich mit seinem Alten verkracht und wir blieben im Internat.
Heiligabend saß ich grübelnd im Kaminzimmer. Die Träume waren nicht verschwunden. Unter normalen Umständen hätte ich mit meinen Freunden darüber gesprochen. Doch die durften nicht wissen, dass ich auf ihn stand. Der Kaplan der Schule war auch unser Vertrauenslehrer. 
»Herr Flory, haben Sie mit mir geflirtet?«, hörte ich mich in Gedanken fragen. Die Reaktion war die gleiche wie in meinen Träumen. Ein verächtlicher Blick, eine zugeknallte Tür. 
Mark schlang seine Arme von hinten um mich und drückte seine Stirn in meine Haare. »Du, ich, Party. Heute. Keine Widerrede«, sprach er bestimmend.
»Ja?«
Er rutschte auf den Stuhl neben mir. »Sag, hast du jetzt auch eine feste Freundin, oder bist du noch frei?«
»Ich habe doch die ganze Zeit gesagt, dass ich keine Frau beeindrucken wollte. Ich bin Single. Warum willst du das schon wieder wissen?« 
»Also war die ganze Sache mit dem Lichterfest für den Arsch?«
Ich rollte mit den Augen.
»Wie dem auch sei, wir feiern heute Abend eine Weihnachtsparty. Alles kurzfristig und viel Platz ist nicht, deshalb muss ich die Gäste mit Bedacht auswählen. Was sagst du zu der Dame?« Mark schob mir sein Telefon zu. Es zeigte das Bild einer leicht bekleideten Frau. 
»Heißer Feger«, log ich.
»Und sagt dir auch die zu?«
Ich nickte, ohne das Bild anzusehen. »Du, mir ist gar nicht so nach Besuch. Ich dachte, wir machen uns einen gemütlichen Abend zu zweit.«
»Nur du und ich? Das ist verlockend, aber eigentlich wollte ich dieses Jahr noch etwas Spaß haben. Du doch auch?« 
»Öh, ja, schon.«
»Super, dann lass mich mal machen!«, er sprang auf und wuschelte durch mein Haar. Mit dem Telefon in der Hand verließ er den Raum. Mark kannte jeden im Umkreis – vermutlich sogar in der gesamten Bundesrepublik. Trotz des strengen Alkoholverbots veranstaltete er feuchtfröhliche Partys auf dem Schulgelände, zu denen auch vorwiegend weibliche Gäste von außerhalb kamen. Ich hatte nie verstanden, wie er das vor den Lehrern versteckte, aber es funktionierte. Nach den Worten von Kaplan Flory zu urteilen, waren unsere Lehrkräfte gar nicht so unwissend, wie er immer dachte. Seufzend ließ ich meinen Kopf auf die Tischplatte sinken und starrte auf den grauen Himmel. Es schneite schon wieder. Scheiß weiße Weihnachten, was für ein Segen. Am Abend würde mir also eine angetrunkene Frau ins Ohr säuseln, wie unfassbar romantisch das eingeschneite Schloss war. Ich hätte nach Hause fahren sollen. Dort durfte ich wenigstens Männer treffen. Meine Eltern hatten mir erlaubt, schwul zu sein, solange es niemand in der Schule erfuhr. Ja, sie hatten es mir erlaubt, als wenn das Gegenstand einer Diskussion gewesen wäre. Sie hofften vermutlich, dass es sich verwachsen würde oder so. Ich sprang auf und lief Mark nach. Er stand am Treppenabsatz und telefonierte. 
»Mark!«, rief ich über den Flur. »Ich …«
»Ja?« Er schaute mich mit seinem verschmitzten Grinsen an. 
»Ich bin schwul«, wollte ich ihm entgegen schreien. »Ich will keine Frauen treffen. Heute Abend nicht und generell nie wieder. Ich will Kaplan Flory, nackt auf meinem Bett. Oder dich.« Nichts von dem sprach ich laut aus.
Wegen meines Zögerns hob er erwartungsvoll die Brauen.
Ich holte tief Luft und öffnete den Mund. »Lad doch bitte die Brünette ein, ja?«, sagte ich stattdessen. Er nickte und drehte sich um. Ich biss mir auf die Zunge, die den falschen Satz ausgespuckt hatte. Das wäre einer dieser Momente gewesen. Mark war einer meiner besten Freunde, aber ich war zu feige, ihm die Wahrheit zu sagen.
Erneut musste ich am Abend die Maskerade wahren.

***

Deshalb stand ich einige Stunden später in einem der Kellergewölbe und hielt mich an einem schalen Bier fest. Neben mir erzählten zwei Frauen in meinem Alter von ihren Ausbildungen. Beide flirteten bei jeder Gelegenheit aggressiv mit intensivem Körperkontakt. Von der lauten Musik und den belanglosen Gesprächen schwirrte mir der Kopf. Unter einem Vorwand verdrückte ich mich nach draußen. Es gab einen Notausgang, den die Raucher benutzten.
Ich ließ die Tür zufallen und genoss die plötzliche Stille. Es hatte aufgehört zu schneien, war jetzt aber arschkalt. Der Wind biss durch mein Sakko. Trotzdem blieb ich und atmete tief durch, die Eiskristalle kitzelten in der Nase. Die Wolken gaben fleckenweise den Blick auf die Sterne frei. Ich suchte den Himmel nach den Sternbildern ab, die mir Kaplan Flory gezeigt hatte. Die Kälte ließ mich frösteln und ich gab es auf. Ohne warmen Mantel machte es keinen Spaß. 
Also wieder rein. Die Kellertür hatte aber nur einen Knauf und ich Depp hatte die Tür zufallen lassen, anstatt sie zu verkeilen. Ich war ausgesperrt. Der nächste offene Zugang lag im Hauptgebäude – auf der anderen Seite des Komplexes. Mein Handy lag sicher und warm bei Mark. Ich stöhnte auf, lehnte die Stirn an die Tür und wartete auf einen Raucher.
Doch es kam niemand. Dafür erinnerte mich der Wind freundlich an die arktischen Temperaturen.
Scheiß Öko-Generation, keiner rauchte mehr.
Es blieb nur der lange Weg. Zähneklappernd stapfte ich um das Gebäude.
Der Schnee war zu Haufen unterschiedlichster Höhe aufgeweht und die schmale Mondsichel spendete nur wenig Licht, wenn sie zwischen den Wolken auftauchte. Nach einigen Schritten waren meine Hosenbeine durchnässt. Ich bahnte mir fluchend den Weg. Scheiß weiße Weihnachten. Wie konnte das nur irgendeine Person ernsthaft romantisch finden?
Außer mir war mindestens ein anderer so dämlich gewesen, bei dem Wetter raus zu gehen. In einiger Entfernung stapfte eine Gestalt durch den Schnee. 
Ich versuchte, aufzuschließen, damit ich wenigstens nicht alleine frieren musste. Der Depp lief aber in die falsche Richtung, auf den See zu. Mir war egal, warum er dort hinlief, ich wollte ins Warme zurück.
Aus den Augenwinkeln sah ich den Typen am Ufer langlaufen. Bisher war der See nur an den Rändern mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Trotzdem stapfte er auf das Wasser zu. Ich lief eine Warnung rufend hinter der Gestalt her, doch der Wind trug meine Stimme fort. Zwei weitere Schritte, und er war in dem dunklen Loch verschwunden. Nur das Platschen drang zu mir. Ich rannte schneller und suchte das Eis ab. An einer Stelle deutete ein schwarzer Kreis auf den Unfall. Die Person versuchte verzweifelt, das Ufer zu erreichen. Unter ihren panischen Bewegungen brachen immer mehr Stücke des Eis ab. 
»Ruhig bleiben, ich helfe dir!«
Ich warf mich flach auf den Boden. In einem Film hatten es die Figuren ähnlich getan. Meine Füße fanden Halt ein einem ufernahen Baumstamm. Vorsichtig schob ich mich über den Schnee, die Arme ausgestreckt. Weit hatte es der Pechvogel nicht geschafft, aber es reichte. Unsere Hände trafen sich und wir griffen beherzt zu. Das eiskalte Wasser stach schmerzhaft. Vor Schreck ließ ich los. Doch die Finger der Gestalt hatten sich bereits in den Stoff meines Sakkos gekrallt, sodass sie nicht unterging. Um die Kälte zu ignorieren, konzentrierte ich mich auf die Aufgabe, erneuerte den Griff und zog. Platschen, pfeifen und schnaufen. Der Typ war schwer. 
Als er endlich auf das Ufer rutschte, sank ich keuchend neben ihn. Zähneklappernd lagen wir im Schnee, der Wind trug unseren Atem in Wölkchen davon. Meine Hände und Arme waren mittlerweile taub. 
»Wa…«, begann ich, doch das Sprechen war nahezu unmöglich. Das schwarze Häufchen gab einen kratzigen Laut von sich und drehte den Kopf. Blondes Haar klebte auf dem Gesicht – Kaplan Flory.
»Hochw…«, versuchte ich es erneut und gab auf. Wir mussten hier weg, sofort.
Ich half dem Mann hoch und schob ihn in Richtung des Schlosses. Mechanisch bahnten wir uns den Weg durch den Schnee. Er wurde mit jedem Schritt langsamer. Ich zog an seiner Hand. »Ko… ko… kommen Sie, r… rein.« 
Der Wind hatte meinen Kopf in einen einzigen Eisblock verwandelt. Der Weg war nicht weit, doch unter diesen Bedingungen eine Tortur. Der Geistliche blieb wimmernd stehen. Wir waren nur wenige Meter vom nächsten Eingang entfernt.
»Bi… bi… bitte«, flehte ich ihn an, zog erneut an ihm, aber er bewegte sich nicht. Mit einem leeren Blick starrte er auf dem Schnee. Ich schaute von ihm zum Schloss und zurück. Mir war bewusst, dass die Zeit drängte. Er musste ins Warme. Beherzt griff ich zu und hob ihn in meine Arme. Seine vollgesogene Kleidung war schwer und glitschig. Die ersten Schritte rutschte ich eher, als zu gehen. 
Schnaufend schleppte ich ihn die letzten Meter zum Nebeneingang und durch die Tür. Wie im Traum wankte ich, die eiskalte Beute fest umklammert, durch die Gänge. 
Wir trafen niemanden. 

Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 4

Meine freiwillige Meldung hatte den Kaplan erstaunt, doch er war nicht näher darauf eingegangen. Er hatte mir einige Informationen mitgegeben und mich gebeten, am Samstag nach dem Gottesdienst in das Pfarrhaus zu kommen. Dort wolle man alle weiteren Details besprechen. Das Lichterfest fand jedes Jahr in der Woche vor Weihnachten statt. Es war ein Laternenumzug, der einen Volkshelden feierte. Den eher heidnischen Brauch hatte früh ein gewiefter Pfarrer übernommen und dem ganzen Spektakel noch einen religiösen Stempel aufgedrückt. Vor dem eigentlichen Umzug gab es eine Messe. Die älteren Schüler durften danach auf die jüngeren aufpassen. Die Kinder aus dem Dorf wurden von ihren eigenen Eltern beaufsichtigt. 
Ich war zufrieden, in den nächsten Tagen mehr Zeit mit Kaplan Flory zu verbringen. Allerdings rechnete ich mit Spott von Seiten meiner Freunde. Da ich ihnen den wahren Grund nicht nennen durfte und mir keine alternative Erklärung einfiel, hatte ich den restlichen Abend alleine verbracht.
Am Morgen steuerte ich dennoch unseren Tisch im Speisesaal an. Ewig konnte ich es sowieso nicht herauszögern. Fabian saß dort bereits und stocherte lustlos in seinem Müsli herum.
»Es ist 7:08 Uhr«, brummte er und tippte auf das Glas seiner Armbanduhr.
Ich deute auf die Dose in der Mitte des Tisches. »Das ist Zucker.« 
»Was?«
»Ich dachte, dass wir offensichtliche Fakten austauschen.«
Er rollte mit den Augen. »Nein! Wir sind hier seit Jahren um 7 Uhr verabredet und in letzter Zeit kommt ihr Penner immer später.«
Ich füllte zwei Tassen und schob ihm eine hin. »Hier, trink deinen Kaffee, dann wird das besser.«
Er schob sie zurück. »Ich trinke keinen Kaffee mehr. Yvonne sagt, dass der nicht gut für mich ist. Außerdem werden die Kaffeebauern ausgebeutet und der Regenwald abgeholzt. Und gut für das Klima ist das auch nicht.«
Fabian plapperte regelmäßig die Worte nach, die ihm Yvonne vorbetete. Sie wollte die Welt verbessern und hatte ihn deshalb zum Verzicht tierischer Produkte überredet. Die Missionierung versuchte er nun an uns. Und es ging uns gehörig auf den Zeiger. 
Ich betrachtete die Tasse in meiner Hand. »Fabian, deine Familie produziert doch Kaffee? Wie geht Yvonne damit um?«
Er verzog das Gesicht und widmete sich seiner Müslischale.
Frank setzte sich neben mich. »Na, wie ist es gelaufen?«
»Es lief gar nichts. Ich habe nachgedacht.«
»Du und denken!«, rief Sebastian hinter mir. »Oh, Kaffee!« Er schnappte sich die Tasse, die Fabian verschmäht hatte.
»Arschloch«, murmelte ich. 
Mir wurden die Schultern gedrückt. Warmer Atem strich über meine Ohrmuschel. »Ja, Arschloch passt gut«, grummelte Mark. »Du hast eine seltsame Auffassung von ›gleich‹.« Er hielt mir seine eigene Armbanduhr vor das Gesicht. »Zwölf Stunden ist nicht ›gleich‹. Immer lasst ihr mich allein.«
»Du bist doch selbst zu spät, Affenarsch!«, knurrte Fabian.
»Vollpfosten.«
»Sackratte.«
»Pimmelgesicht!«
»Kackspaten!«
»Nachsitzen«, sprach eine feste Stimme. Wir schauten zum Sprecher auf. Rektor Schneider betrachtete uns mit verschränkten Armen. »Wenn Sie sinnlose Beleidigungen brüllen wollen, gehen Sie doch bitte in Ihre Zimmer. Noch ein Wort von diesem Tisch, und Sie sitzen bis zu Ihren Prüfungen nach. Ich kann manchmal nicht glauben, dass wir Sie fünf in einem halben Jahr los sind. Ich empfinde tiefes Mitleid für die Universitäten, an die Sie gehen werden.« Kopfschüttelnd setzte er seinen Weg zu den Lehrertischen fort.
»Er wird uns vermissen«, flüsterte Frank.
Mark rutschte auf seinen Platz. »Apropos vermissen. Wo warst du, Daniel? Du gehst in letzter Zeit regelmäßig verloren.«
Ich steckte mir ein Toast in den Mund.
»Ich kann warten, das ist dir klar, oder? Früher oder später musst du antworten.« Er hieb auf ein Ei ein. »Du jagst auch einer Frau hinterher, oder? Sei ehrlich! Ihr habt durch mich Zugang zu den schönsten Frauen der Welt, aber ihr müsst euch an eine binden. Was stimmt nicht mit euch?«
»Mark, beruhig dich. Ich war nicht mit einer Frau zusammen. Aber, ich habe da was gemacht … ihr werdet es vermutlich nicht mögen. Es ist einfach so passiert.«
Sebastian starrte mich an böse. »Wenn du den Laphroaig alleine gesoffen hast …«
»Nein, nein. Keine Angst. Öhm … also, ich habe mich für das Lichterfest gemeldet.«
Mark warf die Arme in die Luft. »Schluss, aus vorbei. Ich gebe es auf. Der Typ hat doch den Verstand verloren. Freiwillige Meldung!«
»Warte mal.« Fabian hob die Hand. »Lass ihn ausreden. Da kommt sicherlich noch was. Du willst das Fest sprengen, ja? Teile deine Gedanken mit uns.«
Das war eigentlich eine geniale Tarnung. Deswegen nickte ich zögernd. »Ja, genau. Ich will mir mal anhören, was die planen und ob man da was drehen kann. Es war gestern so eine spontane Idee. Außerdem wäre das wohl verdächtig, wenn wir alle da auftauchen, oder?«
Meine Freunde raunten zustimmend.
Mark beäugte mich misstrauisch. »Und du willst wirklich nicht nur eine Braut beeindrucken? Was sollte dann dieses ganze Liebesgefasel gestern?«
»Ach, das.« Ich winkte ab. »War ordentlich kacken, dann ging es wieder.«
Er kicherte. »Okay, dann erforsche du die langweiligen Gefilde des Kirchenvereins. Wir halten dir den Weg frei.«
Ich nickte. »Top, danke.«
Bis zum Unterrichtsbeginn lenkten wir das Gespräch auf wichtigere Themen und diskutierten unseren Berlin-Trip an Silvester. 

***

Am Samstag verabschiedeten mich meine Freunde überschwänglich und steckten mir einen Flachmann zu. Euphorisch war ich der Straße ins Dorf gefolgt. Doch schon nach wenigen Minuten im Pfarrhaus bereute ich die freiwillige Meldung. Das Komitee bestand aus fünf Oberstrebern, zwei Mädchen der zwölften Klasse, Pfarrer Röwer, Kaplan Flory und Omas aus der Gemeinde. Die Besprechungen waren öde und niemand lachte über meine aufmunternden Witze. Leider gab es auch keine Gelegenheit, sich die Veranstaltung schön zu trinken. Die Geistlichen hätten sich beschwert und die Alten auf gerechtes Teilen bestanden. 
Auf den Rückwegen scharten sich die Streber um unseren Kaplan, um Speichel zu lecken, seine Tasche zu tragen oder anderen Streberkram zu machen. Nicht eine Sekunde waren wir allein. In den Religionsstunden war ich ihm näher als bei den Festvorbereitungen. 
Aus der Nummer mit dem Lichterfest kam ich nicht wieder heraus. In den ersten Jahren hatte uns der Laternenumzug durch den meist verschneiten Wald beeindruckt. Wir kamen aus den großen Städten, so etwas war uns unbekannt gewesen. Doch je älter wir wurden, desto uninteressanter wurde die Veranstaltung. Nach dem Umzug gab es ein gemütliches Ende bei Glühwein und Würstchen, an der die Kinder und die Alten gerne teilnahmen. Als Teenager hatte man andere Vorstellungen von einer geilen Party.
Also ergab ich mich meinem selbst gewählten Schicksal und trabte wenige Tage vor Weihnachten mit einer Fackel durch den Wald. Die kleinen Scheißer liefen fröhlich singend neben mir her. Man hielt sich an den Händen, die Gesichter vom Schein der LED-Kerzen erleuchtet. Es war furchtbar kalt und von der Latscherei schmerzten die Füße. Meine Hand hielt niemand. Kaplan Flory führte mit dem Pfarrer die Prozession an. Natürlich hatten die Oberstreber die begehrten Plätze in den vorderen Reihen eingenommen. Dort sah man ja ihre tollen Leistungen. 

***

Nach dem Umzug wärmte ich mich an einem Feuer und beobachtete die Menschen auf dem Festplatz. Sie standen in Grüppchen zusammen, unterhielten sich, tranken und aßen. Die Kinder tollten um die Feuerschalen und durch den Schnee. Obwohl ich die meisten von ihnen kannte, fiel mir kein geeigneter Gesprächspartner ein. Meine Freunde und ich hatten uns immer vom Rest der Schule und des Dorfes abgekapselt. Als Ergebnis war ich jetzt der Außenseiter und zog mich lieber zum Seeufer zurück, um der belastenden Fröhlichkeit der Menschen zu entgehen.
Seufzend zog ich den Flachmann aus dem Mantel, der dort seit dem ersten Treffen ungenutzt steckte. Am gegenüberliegenden Ufer, versteckt zwischen den Bäumen, saßen die anderen jetzt in der Hütte und tranken auf mein Wohl. Darüber thronte hell erleuchtet unsere Schule. Erneut wurde mir klar, dass ich diese langjährige Heimat bald verlassen musste. Die Erkenntnis zwickte unangenehm in meinem Hinterkopf – falls es nicht die Kälte war. Vielleicht sollte ich mich doch unter die Leute mischen und diese Geselligkeit ein letztes Mal genießen, bevor das Studium rief. Sehr viele Gelegenheiten gab es nicht mehr. 
Jemand zog mir den Flachmann aus der Hand. Ich versuchte, ihn festzuhalten, war aber zu langsam. 
»Soso«, brummte Kaplan Flory neben mir. Er öffnete den Verschluss, roch an der Öffnung und trank einen Schluck. »Sehr gut. Scotch?«
Sprachlos starrte ich ihn an. 
Er nahm einen weiteren Zug und reichte mir den Schnaps zurück. »Cornelius sagte schon, dass es bei Ihnen einen guten Single Malt zu holen gäbe. Sie und Ihre Freunde hätten einen ausgezeichneten Geschmack. Er hat recht. Es lohnt sich, Sie zu filzen.«
Cornelius Schneider, unser Schulleiter. Ich lenkte den Blick auf den See und erwartete schweigend die folgende Standpauke. Stattdessen schwieg auch der Geistliche für einen unangenehm langen Moment. 
»Rektor Schneider hat Ihnen das gesagt?«, brach ich die Stille.
»Aber ja. Sie glauben doch nicht, dass Ihre Eskapaden niemandem aufgefallen wären, oder? Herr Lewenstein, Sie und Ihre Freunde sind dafür berüchtigt.« 
Ich schaute zu ihm. Auf seinem Gesicht lag ein freundliches Lächeln. »Ich dachte …«
»Dass ich Sie ausschimpfen würde? Wir sind nicht in der Schule und Sie sind erwachsen. Wenn Sie am See trinken wollen, werde ich Sie nicht aufhalten.« Er zwinkerte mir zu. »Außerdem haben Sie sich heute Abend vorbildlich verhalten. Ich gebe zu, dass ich nach den Geschichten über Sie etwas Angst hatte.«
Auf das unerwartete Lob fiel mir keine sinnvolle Antwort ein. Deshalb flüsterte ich ein beschämtes »Danke« und starrte auf den Schnee. Das freundliche, fast kameradschaftliche Auftreten des Kaplans verstärkte meine Irritation. 
»Sie stehen hier so allein. Sie konnten die Person nicht beeindrucken, wegen der Sie hier sind?«
»Wie?«
Er tätschelte meinen Arm. »Sie haben sich in wenigen Wochen gewandelt. Da gibt es doch jemanden?«
»Öhm?« Von der Fragerei schlug mein Herz einen schnellen Rhythmus. Dabei hatte ich bei diesem kacklangweiligen Laternenumzug mitgemacht, um bei ihm zu sein. Nun schnürte mir die Nervosität die Kehle zu, und ich musste zweimal schlucken, bevor ich antworten konnte. »Ja … nein … sie weiß nicht … e… sie darf es auch nicht wissen. Geheimnis.« Zur Bekräftigung nickte ich ihm zu.
Der Kaplan legte den Kopf zur Seite. »Verstehe. Nun, mich haben Sie jedenfalls beeindruckt.«
Ich starrte grinsend in den Himmel. Trotz der kalten Luft überzog Hitze mein Gesicht. 
Er war beeindruckt.
Von mir.
Für diese Worte hätte ich ihn so gerne geküsst oder wenigstens seine Hand gehalten. Seufzend strich ich über den Flachmann. 
Die Stimme des Geistlichen riss mich aus den Gedanken. 
»…en verführt, oder?«
»Wie?«
»Ich sagte, dass die Sterne hier in den Bergen traumhaft schön sind.«
»Öhm … ja, ich denke schon?« Die Sterne hatten mir nie viel bedeutet. Es waren eben Lichtpunkte am Himmel.
»Sie haben doch bestimmt schon Mädchen verführt, indem Sie die Sternenbilder erklärt haben?«
»Hmm.« Ich schielte zu ihm herab. Eine eher ungewöhnliche Frage für einen Geistlichen, aber vermutlich wollte er mich nur von meinem vermeintlichen Liebeskummer ablenken. »Nein, öhm … ich weiß nichts über die Sternbilder.«
»Nicht? Da haben Sie über Jahre so einen Ausblick und haben sich damit nie beschäftigt?« Es klang wie ein Vorwurf. Den mühsam aufgebauten Respekt hatte ich erfolgreich wieder zunichtegemacht. Aus irgendeinem Grund lagen in der Gegenwart des Kaplans Fettnäpfchen aus, in die ich mit traumwandlerischer Sicherheit trat. Als Antwort schüttelte ich traurig den Kopf.
»Das ist schade.« Er klopfte mir auf den Rücken und ließ seine Hand zwischen den Schulterblättern liegen. »Damit ihr Ausflug nicht völlig umsonst war, kann ich Ihnen gerne ein wenig erzählen. Für die Zukunft.«
»Okay«, flüsterte ich. 
»Fangen wir mit etwas Leichtem an: dem Großen Wagen. Den kennen Sie sicherlich? Dafür müssen wir uns aber etwas bewegen.« Er übte sanften Druck aus und drehte mich ein Stück. Fasziniert von der Intimität ließ ich ihn gewähren. 
»Dort ist er.« Sein Finger beschrieb einen Bogen. 
»Sieht nicht aus wie ein Wagen.«
»Na, eigentlich ist es auch der Große Bär. Manche nennen es auch ›Schöpfkelle‹.«
So sahen die hellen Punkte schon eher aus.
»Was Sie auch das ganze Jahr über sehen und leicht finden können, ist Kassiopeia.« Er zeigte auf einen anderen Haufen Stern. »Das Himmels-W, weil es aussieht …«
»Wie ein W! Ja, das erkenne ich.« Ich rutschte näher an ihn heran, um den Bewegungen seiner Hand besser folgen zu können. Dicht genug, um auch seinen blumigen Duft wahrzunehmen. 
»Mit den beiden können Sie den Polarstern finden. Sie denken sich einfach eine Linie zwischen dem mittleren Stern von Kassiopeia und der Deichsel des Großen Wagen, dort. In der Mitte liegt der Polarstern.«
Der von ihm beschriebene Weg deutete auf eine Gruppe von mehreren Sternen, die nichtssagend aussahen. »Der da?«, fragte ich wahllos auf einen deutend.
»Nein, das passiert leicht, dass man sich da im Kleinen Wagen vertut.« 
»Kleiner Wagen? Großer Wagen? Da ist aber viel Verkehr am Himmel!«
Kaplan Flory kicherte. »Ein wenig, ja. Schauen Sie. Der Polarstern ist dort. Die Spitze der Deichsel.«
Ich folgte seinem Finger. Der gezeigte Stern leuchtete eher schwach zwischen den anderen hervor. Den Nordstern hatte ich mir pompöser vorgestellt.
»Der ist aber gar nicht hell«, flüsterte ich irritiert.
»Aber dafür konstant. Ich kann Ihnen einen hellen Stern zeigen.«
Erneut schob er mich ein Stück. Ich hielt den Blick gebannt auf den Himmel gerichtet. Das Meer aus Lichtpunkten hatte mir einen winzigen Teil seiner Geheimnisse offenbart. Zumindest Autos und Buchstaben konnte ich nun finden. 
»Dort liegt Sirius, der hellste Stern am Nordhimmel. Leider sieht man ihn nur in den Wintermonaten.«
»Wo denn?« Um seinem ausgestreckten Arm zu folgen, legte ich den Kopf etwas zur Seite. Wir waren uns nun so nah, dass ich seinen Atem hören konnte. Er hatte recht, es war verführend. Sein Finger deutete auf einen riesigen, blinkenden Fleck. »Sie wollen mich doch veräppeln? Das ist doch ein Flugzeug!«
»Lassen Sie es einen Moment wirken.«
Ich starrte auf den Lichtpunkt. Er glänzte und funkelte in verschiedenen Farben, wie ein Diamant. Aber tatsächlich bewegte er sich nicht. Kein Flugzeug, wirklich ein Himmelskörper. So hatte ich mir den Polarstern vorgestellt. Pompös und majestätisch, heller als die anderen Sterne. Obwohl so leicht zu finden, war mir dieser Sirius niemals aufgefallen. Er schien kurz zu verblassen, nur um direkt wieder zu leuchten. Der Anblick zog mich in seinen Bann.
»Wunderschön«, flüsterte der Kaplan.
»Ja.« Ich blickte zu ihm. »Dan…« Er schaute mir ins Gesicht, die Hand, mit der er mich gelotst hatte, lag noch immer auf meinem Rücken. In seinen Augen war dieses gewisse Etwas. Ich hatte es schon vorher bei Frauen und Männern gesehen. Aber diese Menschen hatten mit mir geflirtet. Ich hielt den Atem an. Der Kaplan hatte eben sicherlich die Sterne als ›wunderschön‹ bezeichnet, nicht mich, oder?
Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Ich beugte meinen Kopf zu ihm und öffnete den Mund zum Kuss.
Hinter uns kreischten Kinder auf. Hektisch trat der Geistliche einen Schritt zur Seite. 
»Pflicht«, murmelte er unbestimmt, bevor er zum Platz zurück stapfte. »Was soll das werden?«, rief er. »Glaubt ja nicht, dass ich das nicht mitbekomme!« 
Einige Kinder hatten entdeckt, dass sich die Stöcke der Laternen als provisorische Schwerter verwenden ließen. Mit klopfendem Herzen beobachtete ich, wie Kaplan Flory die Jungs ermahnte. 
Er hatte eben selbst von der verführenden Wirkung der Sternenbilder gesprochen. Er war mir so nahegekommen.
Entweder hatte ich den Verstand verloren, oder mein Lehrer hatte mit mir geflirtet. 

Erdbeeren zu Weihnachten – Kapitel 3

Zur nächsten Religionsstunde nahm ich meinen gewohnten Platz neben Sebastian ein. Kaplan Flory trat wenige Minuten vor dem Läuten in den Raum, stellte seine Tasche ab und schaute sich um. Sein Blick blieb an mir hängen. Meine Muskeln verkrampften sich. Mir kamen Zweifel, ob es eine gute Idee war, den Lehrer erneut herauszufordern. Er kniff die Augen zusammen, hob kaum merklich die Schultern und widmete sich seinen Unterlagen. Den ersten Test hatte ich bestanden. Er hatte mich nicht ausgeschlossen, sondern mir tatsächlich nur ein Angebot unterbreitet. Erleichtert stieß ich einen Seufzer aus.
»Hattest du etwa Angst vor dem Zwerg?«, flüsterte mein Sitznachbar.
»Natürlich nicht. Hatte aber auch keinen Bock auf eine Diskussion. Du weißt doch, wie Lehrer so sein können.«
Ich legte meine Mappe auf den Tisch und reihte einige Stifte auf. Zum Erstaunen der anderen hatte ich sie gebeten, mir bei den Hausaufgaben und der Unterrichtsvorbereitung zu helfen. Vermutlich erwartete Kaplan Flory nicht, dass ich mich beteiligen würde. Doch es erschien mir richtig, wenn ich mitmachte. Was hätte ich auch sonst im Unterricht tun sollen?
Der Geistliche prüfte die Anwesenheit und tadelte den Vollpfosten Feilhauer, der mal wieder zu spät in das Klassenzimmer huschte.
»Nun, da wir vollzählig sind, würde ich gerne an unserer letzten Stunde anknüpfen.« Er stand auf und schritt um das Pult herum. »Dazu hatte ich Ihnen einige Texte und Fragen mitgegeben. Wer möchte denn seine Gedanken dazu teilen?«
Einige Hände wurden in die Höhe gestreckt. Ich starrte auf die Aufgaben, an denen sich so lange gesessen hatte. Sie waren sicherlich furchtbar formuliert. Aber nun war ich pünktlich im Unterricht und hatte die Hausaufgaben. Was sollte man da schon tun? Ich zuckte für mich selbst die Schultern und hob meine Hand ebenfalls.
Kaplan Flory ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Als er mich sah, schloss er die Augen und atmete schwer aus. »Herr Lewenstein, es ist nicht weiter schlimm, wenn Sie die Hausaufgaben nicht gemacht haben. Stören Sie einfach nicht die anderen, ja?«
»Also eigentlich … öh.« Ich legte meine Hände auf die Tischplatte. »Ich habe die Hausaufgaben schon gemacht.«
Seine Stirn zog sich zu einem Runzeln zusammen, dann hob er eine Augenbraue und starrte mich mit geöffnetem Mund an. Sebastian biss sich in die Faust, um sein dämliches Kichern zu dämpfen.
»Oh«, brachte der Kaplan schließlich hervor. »Das ist sehr … ah … löblich. Lassen Sie uns das doch nachher unter vier Augen besprechen.«
»Wenn Sie wünschen.« Enttäuscht schaute ich auf die Mappe.
Er rief Mark auf, der im Prinzip genau das wiedergab, was er mir schon bei der Vorbereitung erzählt hatte. Neben mir kicherte Sebastian noch immer in seine Faust. Ich hieb meinen Ellenbogen in seine Rippen. Er stöhnte auf, was uns einen finsteren Blick von Kaplan Flory einbrachte. Wir grinsten unschuldig und er wendete sich wieder Mark zu.
»Was gibt es da eigentlich so affig zu kichern, du Sackratte?«, zischte ich zur Seite.
»Scheiße«, fluchte Sebastian leise, während er seine Seite rieb. »Komm doch mal runter. Das Gesicht des Pfaffen war einfach nur witzig. Als ob du gleich vorlesen würdest, dass Jesus drei Schwänze hatte.«
Ich rollte mit den Augen und versuchte, den Faden des Unterrichts zu finden. Da sie noch bei den Hausaufgaben waren, gelang mir das recht schnell.
Wenn er vorlas oder dozierte, schritt der Kaplan meistens durch den Raum und zwischen unseren Tischen entlang. Vermutlich, weil er vom Pult aus gar nicht alle Schüler sehen konnte. Im Anschluss an die Hausaufgabenbesprechung ging er dieser Gewohnheit nach und trug dabei ein altertümliches Gedicht vor. Frank stützte seinen Kopf verzückt lächelnd auf die Hände. Da ich Lyrik nicht so spannend fand, lauschte ich nur der Stimme mit geschlossenen Augen. Ich liebte ihren beruhigenden Klang. Eine perfekte Vorlesestimme. In meinem Geist tauchte das Bild unserer Hütte auf. Im Ofen brannte ein knisterndes Feuer, das Dach knarrte vom Wind. Ich saß auf dem Sofa, der Geistliche neben mir.
»Oh«, hauchte die Stimme. »Das ist ja viel angenehmer, als ich gedacht habe.«
Ich riss die Augen auf. »Wie?« Von dem kleinen Tagtraum war mein Mund ganz trocken. Ich schluckte. Hoffentlich hatte ich nicht mit hängendem Kiefer in die Luft gegafft.
»Das gefällt mir. Wirklich.« Kaplan Flory stand hinter unserem Tisch. Es gefalle ihm. In einem Tagtraum neben mir vor einem Ofen zu sitzen?
»Öhm … ja?«, stammelte ich.
Er beugte sich über meine Schulter, um auf die Hausaufgaben zu zeigen. »Es tut mir leid, dass ich Ihren Beitrag vorhin ignoriert habe. Das ist wirklich ausgezeichnet formuliert. Sie …« Mir war die Aufmerksamkeit plötzlich peinlich. Ich streckte die Hand aus, um die Mappe zu schließen. Unsere Finger stießen zusammen. Von der Berührung ausgehend zog ein Kribbeln über meine Haut.
»Ja, genau die Stelle meine ich«, fuhr der Geistliche fort, die unbeholfene Geste falsch interpretierend. Er erzählte weiter. Zaghaft atmete ich gegen das Hämmern in meiner Brust an, versuchte, mich zu beruhigen. Kaplan Flory duftete fruchtig. Himbeeren. Nein, Johannisbeeren? Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf den Geruch. Doch anstatt die genauen Zutaten zu ergründen, tauchten nur Erinnerungen an verschiedene Menschen auf. Ein Mädchen, dass mir einen parfümierten Brief zusteckte. Braune Locken, die im Wind tanzten. Das Badezimmer meines Vaters. Irritiert und enttäuscht öffnete ich die Augen. Kaplan Florys Gesicht war nur wenige Zentimeter von mir entfernt. Selbst in dieser Nähe wirkten seine blonden Augenbrauen fast durchsichtig. Ich hatte irgendwo einmal gelesen, dass man an den Augenbrauen eine echte Blondine erkennen könne.
War er da unten wirklich blond?
Meine Ohren wurden heiß und die Trockenheit war in den Mund zurückgekehrt.
»Öhm«, flüsterte ich heiser.
Seine Haut war glatt und wirkte weich. Er hatte den Bart abrasiert, der letzte Woche noch sein Kinn geziert hatte. Ich leckte meine Lippen. Perfekt für einen Kuss. Für einen ganzen Schwall Küsse, von seinem schlanken Nasenrücken über die zarten Wangen und den Hals hinab.
Die Vorstellung ließ mich zittern. Die Erregung kroch tiefer.
»Sie haben sich ja rasiert«, flüsterte ich ohne jeglichen Zusammenhang das erstbeste, das in meinem Kopf auftauchte. »Sieht jugendlich aus.«
Er starrte mich fassungslos an. »Was? Wieso interessiert Sie mein Bart?«
»Öhm … ja … also, jugendlich«, stotterte ich. »Wie ein Kind … öhm … ja, weil doch. Also Pfarrer Rö… äh.«
Wut kroch langsam auf sein Gesicht. Im Raum wurde gekichert. Ich traute mich nicht, zu schauen, und hielt stattdessen den Blick auf die glattrasierte Haut meines Lehrers geheftet.
Er schnaubte. »Sie beherrschen die deutsche Sprache ja wirklich vorzüglich, Herr Lewenstein. Das hätte ich nach Ihrem Text gar nicht erwartet. Möchten Sie das vielleicht tiefgehender ausführen?« Seine Stimme klang höher.
»Äh.« Die Hitze der Ohren breitete sich auf meinem Gesicht aus. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass mich alle anstarrten. »Ent-öh-entschuldigung«, presste ich mit gesenktem Kopf hervor.
»Seien Sie bitte nachsichtig«, schaltete sich Sebastian ein. »Deutsch ist nicht Daniels Muttersprache.«
»Nein?«, fragte der Kaplan verwundert.
»Nein. Er kommt vom Planeten Öhmja und die sprechen da alle die Dumpfbackensprache.« Zur Bekräftigung seiner Aussage tätschelte er meine Schultern. »Er kann also gar nichts dafür.«
Sie schauten sich mit ernster Mine an. Um uns herum kicherten und lachten die Schüler. Ich suchte den Raum in der Hoffnung ab, dass sich für mich ein Erdloch auftat. Kopfschüttelnd stieg auch der Geistliche in das Lachen ein. »Na, dann belassen wir das heute mal dabei.« Er setzte seinen Weg durch das Klassenzimmer fort. »Wo waren wir stehen geblieben? Ach, ja.«
Sebastian streichelte jetzt meinen Arm. »Was ist mit dir los?« Er klang besorgt.
»Lass die Schwuchtelei« Ich zog den Arm weg. »Planet Öhmja? Dafür sollte ich dir eigentlich ordentlich die Visage vermöbeln.«
»Ey, Arschgeige. Ich habe dir gerade den Arsch gerettet. Plapperst herum wie ein schüchternes Mädchen. So dankst du es mir? Kannst mich mal.« Geräuschvoll rutschte er samt Stuhl so weit wie möglich von mir weg.
Ich seufzte. »Hey, so meinte ich …«
Sebastian formte einen Tierkopf, indem er Mittelfinger und Ringfinger auf den Daumen legte und die anderen beiden Finger abspreizte. »Schnauzefuchs.«
Mein Lehrer hielt mich für einen grenzdebilen Schwachkopf und mein Freund war beleidigt.
Das hatte ich ja sauber verkackt.
»Ist bei Ihnen dahinten alles in Ordnung?«, fragte Kaplan Flory durch den Raum.
»Jaja. Alles gut. Mir steht heute nur nicht mehr der Sinn nach Außerirdischen.« Sebastian nickte abschätzig in meine Richtung. Mit dieser Bemerkung erstarb auch der letzte Rest Libido. Wenigstens konnte ich wieder frei atmen.
»Nun, da wir sowieso bei eher kindlichen Themen sind; ich habe ich da noch etwas für Sie.« Der Geistliche blieb vor dem Pult stehen. »Pfarrer Röwer bat mich, Sie an das diesjährige Lichterfest zu erinnern. Wir würden uns freuen, wenn auch Ihr Jahrgang der alten Tradition folgt, und sich Freiwillige für die Durchführung des Fests melden. Sie können auf mich oder auf jede andere Person im Pastoralbüro zugehen. Sie kennen das ja sicherlich schon?«
Ein bestätigendes Raunen ging durch die Reihen. Das alljährliche Lichterfest war ein sterbenslangweiliger Fackelzug durch die Ortschaft. Die Kinder liebten es, aber wir waren dem Alter entwachsen. Es hatte sich eingebürgert, dass irgendwelche Oberstreber des 13. Jahrgangs dabei halfen. Also nichts für meine Freunde oder mich.
Ich war mir sicher, dass Kaplan Flory schon irgendeinen Trottel für diese Aufgabe finden würde.

***

Weder beim Mittagessen noch am frühen Abend war Sebastian bereit, mir zuzuhören. Jeden Versuch quittierte er mit dem Schweigefuchs, sehr zur Erheiterung der anderen. Wenigstens bei ihm wollte ich mich entschuldigen. Frank war nach draußen verschwunden, um mit seiner Lilly zu telefonieren. Fabian hielt einen Monolog über die katastrophalen Arbeitsbedingungen bei irgendeiner Firma. Seit er mit seiner Freundin Yvonne zusammen war, mutierte er zu einem veganen Hippie, der gegen das Establishment, den Kapitalismus und das Fehlen von ethischen Grundsätzen wetterte. Sie hatten sich auf einer Demonstration vor einem dieser riesigen Bürogebäude kennen gelernt. Bis heute wusste sie nicht, dass er da eigentlich nur hatte seinen Vater besuchen wollen. Mark hörte dem Monolog tatsächlich nickend zu. Ich selbst hatte das Interesse nach wenigen Sekunden und den Faden einige Sätze später verloren. Aber weil das Kaminzimmer gut besucht und jede Sitzgruppe mit schwatzenden Mitschülern besetzt war, könnte ich nur in meinem eigenen Zimmer dem Vortrag entgehen.
»Hey«, flüsterte ich zu Sebastian, der lesend neben mir saß. Wie erwartet hob er die Hand. In den letzten Jahren war es immer mal vorgekommen, dass sich zwei oder drei von uns verkracht hatten. Und jedes Mal hatte man sich vertragen. Ich vermutete, dass sein Ärger bald verrauchen würde.
»Eins verstehe ich nicht«, warf Mark in eine der Pausen ein, in denen Fabian Luft holte. »Wenn es dich so sehr stört, warum änderst du es dann nicht?«
»Was? Ich? Wieso ich? Wie sollte ich denn da was machen können?« Der Einwand hatte ihn sichtlich irritiert.
»Du willst mich doch verarschen?«
Ich hob meine Hand. »Öhm.« Sebastian zeigte mir einen Schweigefuchs, ohne aufzusehen.
»Jaja, ich habe nicht mit dir gesprochen, Mister Schnauzefuchs. Beruhig dich. Mark, was meinst du?«
»Die fragliche Firma wurde vor knapp zwei Jahren von einem internationalen Konglomerat aufgekauft. Und im Sommer wurde die Mehrheit der Aktien an einen jungen Mann weiter gegeben. Wartet.« Er zog sein Telefon aus der Tasche und tippte darauf herum. »Ja, hier steht es. Den Typen kennt ihr vermutlich nicht. Ein Fabian Ludwig.«
Fabian starrte ihn mit geöffnetem Mund an.
»Woher weißt du so etwas?«, fragte ich.
»Ich lese den Wirtschaftsteil, seit ich mit euch Kapitalistengören abhänge. Solltet ihr auch mal tun.«
»Und warum weißt du nicht, dass es deine Firma ist, Fabian?«
»Verdammt.« Fabian rieb sich das Gesicht. »Ich hatte meinem Vater nicht zugehört. Bin für den Krempel nur der Inhaber, um das Tagesgeschäft kümmern sich andere. Irgendwas wegen Steuern.« Er sprang auf. »Ich muss mal telefonieren.«
Mark schaute ihm grinsend hinterher. »Was Yvonne wohl davon hält? Ist ihr eigentlich bewusst, dass sie mit dem Feind ins Bett springt? Die Autonome und der Bonzensohn. Könnte ein ZDF-Zweiteiler werden.«
Ich nickte zustimmend.
»Sie weiß es nicht«, brummte Sebastian über sein Buch.
»Das ist aber unfair. Sie sollte schon wissen, wen sie da datet. Na, wir sehen sie ja an Silvester. Vielleicht könnte man darüber reden.«
»Untersteht euch. Wenn es jemand Yvonne sagt, dann Fabian. Keiner von euch Armleuchtern wird ihr das erzählen.« Er blätterte um. »Und nun will ich lesen.«
»Also sind wir zu zweit.« Mark tätschelte meine Hand. »Lass uns etwas Schönes machen. Ohne Frauen, denen man immer alles recht machen will. Die Liebe macht mich fertig. Ein Freund nach dem anderen fällt an sie.« Er nickte in Richtung Sebastian. »Selbst unser Pferdenarr hat sich verliebt. Du bleibst mir treu, oder?«
»Klar.«
Liebe. Wie fühlte sich das eigentlich an? Als mich Kaplan Flory im Unterricht berührt hatte, hatte ich dieses Kribbeln gespürt. Es war auf eine unbekannte Art zeitgleich angenehm und unangenehm gewesen. Geilheit, doch auch mehr.
War das diese Liebe, von der alle so altklug sprachen?
Hatte ich jemals zuvor so empfunden?
»Aber …«
Obwohl ich Mark gerade Treue zugesagt hatte, wollte ich auch diese neuartigen Empfindungen ergründen.
»Was?« Er hob eine Augenbraue. »Was aber, Daniel?«
»Aber, falls ich – rein hypothetisch – etwas mehr über Liebe erfa…«
»Oh nein!« Mark warf die Arme in die Luft. »Nicht du auch noch!«
Ich hob beschwichtigend die Hände. »Hey, ganz ruhig. Mir kam vorhin nur eine Frage dazu.«
Er zog kopfschüttelnd eine Schnute. »Dann frag halt Frank. Der liest doch ständig diese furchtbaren Elegien.«
»Gute Idee«. Ich stand auf.
»Jetzt?«
»Ja, ich komme doch gleich wieder.«
Mark verschränkte die Arme vor der Brust. »Hoffentlich.«

***

Draußen blies ein eiskalter Wind über den Innenhof. Während Telefonaten mit Lilly liebte Frank es, vom Burgtor auf den See zu schauen. Zitternd verbarg ich meine Hände in den Taschen des Mantels und stapfte in Richtung seines Lieblingsplatzes. Auf den steinernen Stufen wurden mir Fetzen des Gesprächs zugetragen.
»… legst zuerst auf.« Er kicherte.
Der Wehrgang und die Zinnen waren überdacht, sodass es dort oben selbst im Winter auszuhalten war. Ich bog in die kleine Nische, in der sich Frank normalerweise versteckte, und stieß mit ihm zusammen.
»Hey, du Riesen… Daniel?«
»Sorry.«
»Was willst du denn hier?«
Ich nickte zur Nische. »Hab ne Frage.«
Er folgte zur Mauer. Vom Wind war hier nichts zu spüren. Ich blies mir in die Hände und ließ meinen Blick über die Landschaft gleiten. Der Schnee der letzten Tage hatte das Gelände eingehüllt. Mittig klaffte das schwarze Loch des Sees, dessen Wasser nur an den Rändern von einer dünnen Eisschicht bedeckt war. Blieb es so kalt, war er Silvester komplett zugefroren. Im neuen Jahr hätten wir so die Möglichkeit, ein letztes Mal über das Eis zu schlittern. Der Mond kam hinter einer Wolke zum Vorschein. Seine Sichel glänzte im See auf. Ich seufzte. Es war so ein friedlicher Anblick. Zwar zogen wir Frank gerne mit seiner romantischen Ader auf, doch insgeheim liebten wir alle den Blick auf den See.
»Kalt geworden, der See friert schon«, murmelte ich.
»Ja, das war abzusehen. Ist im Winter ja meistens kalt.« Er rieb seine Hände aneinander und steckte sie unter die Achseln. »Aber … Daniel, mir wird es langsam zu kalt. Was wolltest du fragen? Wollen wir nicht lieber drinnen reden?«
»Mir ist da was passiert … Oder vielleicht. So genau weiß ich das noch gar nicht. Ist wegen jemand anderem.«
»Scheiße«, keuchte Frank. »Du hast Eine geschwängert? Daniel, deine Eltern werden dich enterben …«
»Was? Nein! Wie kommst du da drauf?« Ich starrte ihn an.
»Na, weil du doch … egal. Was ist dir passiert?«
Mein Blick wanderte wieder zum See. Wenn mir etwas passierte, dann musste es eine ungewollte Schwangerschaft sein. So dachten die Leute. Bei all den Partys und all den fremden Frauen war das durchaus möglich. Ich seufzte gedehnt. »Das ist es nicht. Es geht aber um eine … öhm … Frank, woran erkennt man, dass man verliebt ist?«
Seine Hand drückte meine Schulter. »Vielfach wirken die Pfeile des Amors, denn einige ritzen, und vom schleichenden Gift kranket auf Jahre das Herz; aber mächtig befiedert, mit frisch geschliffener Schärfe,
dringen die andern ins Mark, zünden auf einmal uns an.«
Ich nickte. »Ja, das hätte ich jetzt auch gesagt. Fontane?«
»Fast, Goethe … Daniel, es dringt tief in dich ein. Du weißt doch, was sie sagen? Alle Lieder ergeben einen Sinn, das tun sie. Es schmerzt und ist wundervoll zu gleich. Und wenn deine Liebste bei dir ist, erkennst du die wahre Schönheit der Welt.«
Er starrte nun ebenfalls über das Gelände, seine Mine seltsam verklärt.
Ich schüttelte den Kopf. »Du klingst wie ein Glückskeks.«
»Mag sein. Wer ist es denn?«
»Hey! Ich habe nicht gesagt, dass ich verliebt bin. Ich wollte das nur mal so allgemein wissen.«
»Na klar.« Frank klopfte mir auf den Rücken. »Deshalb trabst du durch den Schnee zu mir. Weil du nur mal allgemein fragen wolltest. Wenn du meinen Rat willst, geh zu ihr und erzähle ihr von deinen Gefühlen.«
Meine Finger umklammerten die Zinnen. »Das kann ich nicht.«
»Jedes Neue, auch das Glück, erschreckt.«
»Hmm. Schiller?«
Er gab mir einen Wink mit dem Zeigefinger. »Gut geraten. Du musst keine Angst haben. Die Frauen gucken dir hinterher. Warum solltest du dich genau in die Eine verlieben, die nicht von dir begeistert ist?«
Ich hob die Schultern. Er tätschelte erneut meinen Rücken. »Ich gehe nun aber rein. Wenn du dich weiter unterhalten willst, weißt du, wo du mich findest.«
Nickend betrachtete ich wieder den See. Franks Worte waren wie immer schwer verständlich gewesen. Vermutlich lernte er heimlich Gedichte auswendig, nur, um uns damit verwirren zu können. Doch heute hatten sie tatsächlich einen Sinn für mich ergeben. Ich seufzte. Also war das wirklich Liebe. Und diese sollte ich einfach gestehen.
»Kaplan Flory, ich muss etwas beichten«, hörte ich mich in Gedanken sagen. »Immer, wenn Sie einen Raum betreten, pocht mein Herz so laut und ich will sie mit Küssen überschütten. Fühlen Sie genauso?« Danach würde er sicherlich ein Angebot der Unterrichtsbefreiung zu einem Unterrichtsausschluss umwandeln. Ein Geständnis wäre nicht drin. Doch zumindest etwas mehr Zeit müsste ich mit ihm verbringen können. Er war ein Lehrer, mit denen hatten wir ständig zu tun.
»Sag mal, hast du eine Idee wie …« Verwundert blickte ich mich um. Frank war nach drinnen gegangen. Mit der Frage blieb ich allein.
In Gedanken wägte ich die Optionen ab. Nachsitzen – darin war ich unangefochtener Schulmeister. Mit meinen angesammelten Nachsitzstunden konnte ein weiterer Schüler Abitur machen. Einige Lehrer hielten sich Oberstreber als Assistenten. Doch selbst wenn ich Kaplan Flory dazu überreden könnte, Sebastian und Fabian würden mich dafür verprügeln. Verdient, wie ich meinte. Aber mit den Feiertagen vor der Tür ließ sich sicherlich etwas finden. Weihnachtsbäume schmücken, Dekoration aufhängen, Festessen vorbereiten oder … Ich schlug mir mit der flachen Hand an die Stirn.
Feste. Natürlich!
Es musste schnell gehen, bevor mich der Mut verließ. Auf der glatten Treppe rutschten meine Schuhe und ich übersprang die letzten Stufen, um nicht zu stürzen. Hinein in die Schule, durch leere Korridore, hetzte ich meinem Ziel entgegen. Schwer atmend hämmerte ich gegen die Tür.
Sie wurde einen Spalt geöffnet. Eisblaue Augen blinzelten verwirrt. »Was wollen Sie denn um di…«
»He… Ka…«, schnaufte ich wankend. Um nicht umzufallen und etwas Luft zu holen, klammerte ich mich an den Türrahmen. »Ich würde … ihnen gerne … bei dem … Lichterfest helfen. Herr Flory.«